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Welcome to our echo chamber.

Marina's Childhood

[written by Eva]

 

Chapter 1: Her parents

Claire hing am Ast einer Buche und schlief. Sie träumte, etwas Wirres und zugleich Wunderbares von einem gutaussehenden Männchen namens Starlight. Erst flogen sie zusammen über eine Wiese, im strahlenden Licht der Sonne, dann veränderte sich der Traum und die beiden saßen zusammen auf der Mondsichel und beobachteten die Sterne…Claire schnurrte beinahe im Schlaf. Mehr als alles andere wünschte sie sich ein Männchen wie diesen Starlight. Im Traum rückten die beiden näher zusammen. Ihre Lippen näherten sich einander, leise, romantische Musik spielte plötzlich im Hintergrund, Claire schloss die Augen…und wurde statt geküsst geohrfeigt. Sie riss die Augen auf. Nichts war mehr zu sehen von dem Sternenhimmel, auch die Musik war verstummt. Sie selbst hing wieder auf dem Ast der morschen Buche, nur ihr Gegenüber war immer noch ein verdammt gutaussehendes Männchen, wenn auch nicht mehr Starlight aus ihrem Traum, sondern der Traum ihrer schlaflosen Nächte: Leon Glanzflügel. Jeden anderen hätte sich jetzt angebrüllt, doch ihre spitze Zunge fror einfach ein, als sie in sein Gesicht sah, wie immer. „Na?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, die ihr jedes Mal aufs Neue einen warmen Schauer über den Rücken jagte. „Äh…“, lautete ihre überaus schlagfertige und nicht zu vergessen geistreiche Antwort. Er grinste nur. „Zurück vom Mond oder immer noch dort?“ Er hatte ja keine Ahnung, wie Recht er damit hatte… „Ich wünschte, das wäre ich“, beklagte sich Claire, die nun endlich ihre Stimme wieder gefunden hatte. „Ich hab gerade so schön geträumt, das nächste Mal fragst du mich erst oder weckst mich zumindest etwas sanfter, zum Beispiel mit…“ „…einem Kuss?“, fuhr ihr Leon grinsend dazwischen. Claire spürte, wie ihr dir Röte ins Gesicht schoss. „Ääääh“, brachte sie nur heraus. „Hab ich dir die Sprache verschlagen?“, grinste Leon weiter. „Du bist ja so ein Macho!“, fuhr sie ihn an, eigentlich ohne es zu wollen. Aber gerade das, was sie so süß an ihm fand, versuchte sie, als in ihren Augen total dämlich hinzustellen. Nur, dass ihr fast alles an ihm gefiel…die sanften Augen, die zerzauste Frisur, das dunkle Fell, und seine ganze Art zu handeln. Einzig, dass er so ziemlich jedem Mädchen hinterherlief (und die meiste Zeit Erfolg hatte), mochte sie überhaupt nicht. „Der Macho hat dir übrigens gerade das Leben gerettet!“, riss er sie aus ihren Gedanken. „Sieh mal, die Sonne geht auf, jetzt komm!“ Widerspruchslos folgte sie ihm zur Höhle der Glanzflügel und flatterte zu ihrem Schlafplatz. Leon gesellte sich zu ihr und ließ sich neben ihr nieder. Etwas überrascht rückte sie instinktiv ein Stück von ihm ab. „Hey, so übel bin ich auch wieder nicht“, beschwerte er sich gespielt beleidigt. Los, Claire! Sag was Schlagfertiges! Irgendwas in der Richtung „Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“, oder irgendwas! Aber nein, natürlich musste sich ihre Zunge wieder verknoten bei seinem Anblick. „Ähm, nö“, fiel ihre äußerst einfallsreiche Antwort aus. Er zuckte nur mit den Schultern und schloss die Augen. Ziemlich bald hörte sie ihn leise schnarchen. Sie musterte ihn genau. Richtig süß sah er aus, wenn er so schlief…Mit diesen Gedanken schlummerte auch sie wieder ein. Lautes Geschrei neben sich weckte sie. „Na los, tu es, traust dich ja doch nicht!“ „Und wie ich mich traue, es ist nur, ich…“ „Haha, er traut sich nicht!“ „Oh doch!“ „Na, dann tu es!“ Das nächste, was Claire fühlte, waren Lippen, die sich auf ihren Mund pressten, weiche, warme Lippen, doch bevor sie die Zeit hatte, das richtig zu genießen oder auch nur einigermaßen überhaupt erst wahrzunehmen, waren die Lippen schon wieder weg. Sie öffnete die Augen und blickte in Leons Gesicht. Er war knallrot. Hinter ihm standen ein paar seiner Freunde und grölten laut. Auch Claires Cousin Marcel war dabei. „Tschuldige, das war so eine Art Mutprobe“, flüsterte Leon ihr zu. Und – wie zu erwarten gewesen war – war natürlich die einzige Antwort, die ihr einfiel: „Ööööh, egal.“ Er nickte nur. Ebenfalls mit hochrotem Kopf flog Claire scheinbar gelassen aus der Höhle. Ihrem Cousin zischte sie allerdings zu: „Ich mach dich platt, du kleiner Loser! Jungs sind das letzte, und wenn du dich das selber getraut hättest, dann fress ich nen Besen!“ Dann war sie weg. Ziellos ließ sie sich durch die Nacht gleiten und landete schließlich auf ihrer geliebten Buche. Hinter ihr hörte sie eine Stimme. „Claire!“ Sie drehte sich um. Ihre Freundin Sue flatterte auf sie zu und hängte sich neben sie. „Liebes, das war ja hundsgemein! Dem Deppen sollte man die Fresse stopfen!“, regte sie sich gleich auf. Sues Temperament hatte sie in der ganzen Kolonie berühmt werden lassen. Tatsächlich wetterte sie sich noch eine gute halbe Stunde herum, ehe sie tief durchatmete. „Aber reden wir von was anderem, dieser Flohsack ist doch die Luft, die er atmet, nicht wert.“ „Mmh.“ Claire nickte nur. Und dann begann Sue, wie es ihre Art war, loszuquasseln, von Antonio, dem großen starken Männchen, von der Bekannten der Freundin einer Cousine zweiten Grades, die jemanden kannte, der davon gehört hatte, dass die Freundin der Mutter von ihrer Tochter wusste, dass jemand einen Ring bekommen hatte und verbannt worden war, und von allem anderen Mist, der einer Fledermaus nur einfallen konnte. Claire hörte nur ganz oberflächlich zu. Es war ihr nur recht, dass sie nichts weiter tun musste, als hin und wieder „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. So konnte sie in Ruhe nachdenken. Leon…du bist ein Buch mit sieben Siegeln…könnte ich doch nur deine Gedanken erraten… „…findest du nicht auch?“ „Was?“ Claire schreckte hoch. „Was ist, Sue?“ „Hey, du hast mir ja gar nicht zugehört.“ Schmollend verzog Claires Freundin die Lippen. „Tut mir leid, ich war so in meine eigenen Gedanken versunken…“ „Ja, das bist du in letzter Zeit immer“, brauste Sue auf. „Nur, weil du total verschossen in diesen Deppen bist, glaubst du, außer deinen eigenen Gefühlen wäre gar nichts mehr wichtig. Eine schöne Freundin bist du, du kannst mich mal!“ Damit stieß sie sich ab und weg war sie. Sue hatte öfters Wutanfälle, meist beruhigte sie sich nach einiger Zeit wieder, doch instinktiv spürte Claire, dass es diesmal nicht so war. Sie war wirklich egoistisch gewesen, und eine herkömmliche Entschuldigung würde in diesem Fall auch nichts helfen. Super, noch eine Feindin, Nummer was-weiß-ich und das in so kurzer Zeit, Kompliment! Claire blickte gedankenverloren in die Nacht hinaus, als plötzlich ein Schatten auftauchte und sich neben ihr niederließ. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer es war. „Hör mal, ich wollte mich noch mal wegen vorher entschuldigen“, drang Leons tiefe Stimme an ihr Ohr. Sie blickte ihn an. Er sah echt aus, als täte es ihm Leid. Doch dann grinste er schon wieder. „Du wolltest doch das nächste Mal mit einem Kuss geweckt werden, oder etwa nicht?“ „Gnn“, antwortete sie. Er schüttelte den Kopf. „Aus dir wird man echt nicht schlau, weißt du das? Du bist mir wirklich ein Rätsel…“ „Ich dir?“, fragte sie erstaunt. „Ich habe mir auch schon oft gewünscht, dich zu verstehen…obwohl du mir natürlich ziemlich egal bist“, lenkte sie gerade noch ein. „Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!“ Sie ließ sich fallen und flog in die Nacht hinaus. Leon schüttelte ratlos den Kopf. Einmal die Frauen verstehen…Er stieß sich ebenfalls ab, um jagen zu gehen. Vor ihm tauchte ein Bärenspinner auf, er erwischte ihn mühelos. Leon war ein ziemlich guter Jäger. Obwohl er ziemlich in Gedanken versunken war, entkam ihm kein einziges Insekt. Was hat diese Claire nur für ein Problem? Erst ein bissiger Kratzbesen, dann ist wieder „Ööööh“ das einzige, was sie herausbringt… Egal, wie sehr er sich abzulenken versuchte, immer wieder kehrten seine Gedanken zu diesem seltsamen Mädchen zurück. Sie verschluckte zwar andauernd ihre Zunge, wenn sie mit ihm sprach, doch sie war wirklich sehr nett…und hübsch… Da hat es dich aber ganz schön erwischt, mein Junge, flüsterte eine Stimme in seinen Gedanken. Er versuchte, sie zu ignorieren, doch sie war zu deutlich. Na los, du Trottel! Such sie, wenn es dir so wichtig ist! Und ohne es zu wollen, tat er, was die Stimme verlangte. Er flog eine Schleife und flatterte in die Richtung, in der er sie hatte verschwinden sehen. „Claire!“, rief er, als sie vor ihm auftauchte. Neben ihr bremste er scharf. „Claire, es tut mir furchtbar Leid, was auch immer ich getan habe, dass du mich so hasst, eigentlich mag ich dich ja ganz gern.“ Das bist wieder typisch du!, meckerte die Stimme. Immer mit der Tür ins Haus fallen! So wird das nie was! Zum ersten Mal in dieser Nacht allerdings hatte die Stimme Unrecht. Claire bekam große Augen. „Du magst mich? Ehrlich?“ „Ja, aber du mich scheinbar nicht“, murmelte er niedergeschlagen. Sie rückte näher an ihn heran. „Das soll nur so aussehen“, erklärte sie ihm. „Ich dachte nämlich, du magst mich nicht, ich wollte mich…einfach nicht lächerlich machen…oder so.“ Verlegen sah sie ihm in die Augen. Er ertrug diesen Blick kaum. Also tat er einfach das erste, was ihm in den Sinn kam: Er küsste sie sanft auf den Mund. Sie versteifte sich überrasche, doch schließlich küsste sie glücklich zurück. Und als sich später im Herbst alle ihre Partner suchten, waren Claire und Leon das erste junge Pärchen der Glanzflügelkolonie.

Chapter 2: Marina’s birth

Draußen war Frühling. Vögel zwitscherten, denn es war heller Tag; der frühe Morgen, die liebste Jahreszeit der Piepmätze. Ein lauer Wind strich durch die Blätter, die Sonne zeigte sich schon am Horizont. Die letzten Fledermäuse beeilten sich, in die Höhle der Glanzflügel zurückzukommen. Fast nur Weibchen waren da, und Männchen, die sich beharrlich geweigert hatten, die Geburt ihrer Jungen zu versäumen. Unter diesen Männchen war auch Leon. Besorgt kniete er neben Claire, die auf dem Boden lag. Es war bald so weit, das spürte er. Claires Fell war schweißüberströmt, ihr Atem ging schwer und keuchend. Immer wieder zuckte sie zusammen. Sie musste Schmerzen haben. Hätte Leon ihr doch helfen können… Die Ältesten hatten Blätter und Beeren für sie gesammelt, doch nichts schien zu helfen. Es würde ein schlimmer Tag für die arme Claire werden. Stundenlang, so kam es Leon vor, hatte er neben seiner Partnerin gewacht, als plötzlich von hinten jemand auf ihn zukam und ihm den Flügel auf die Schulter legte. Sue. Claires beste Freundin. „Du musst hier mal raus“, riet ihm die Glanzflügelin. „Du sitzt den halben Tag jetzt hier und starrst sie an, eine Geburt ist nichts für Männchen. Du solltest dich ablenken.“ „Wenn ich rausgehe, fressen mich die Eulen, und wenn ich drinnen bleibe, werde ich verrückt“, erklärte er ihr mit tonloser Stimme. Sue seufzte. Sie hatte ihre Geburt bereits hinter sich, ein gesundes Männchen hatte sie zur Welt gebracht. Sie hatte es Cheyvenne getauft, ein fremdartiger Name, der Leon aber irgendwie gefiel. Wenn es ein Männchen werden würde, würde er es vielleicht auch so nennen. Und bei einem Weibchen? Sarah würde ihm gut gefallen…oder Marina…ja, Marina sollte sie heißen. Doch erst einmal musste sie zur Welt kommen. Er strich Claire das Haar aus dem Gesicht. „Leon, ich glaube…es ist so weit“, keuchte sie. Er schrak hoch. „Jetzt?“ Doch sie antwortete nicht. Fast panisch wandte Leon den Blick ab. „Ich kann da nicht hinsehen…tu was!“, befahl er Sue. Die seufzte, als würde sie sich in ihr Schicksal ergeben, und ließ sich neben Claire nieder, Cheyvenne hing an ihrer Brust. Leon vergrub das Gesicht in den Flügeln und schloss die Augen. Die Nervosität machte ihn ganz fertig. Jetzt reiß dich aber mal zusammen, du bist doch sonst nicht so! Doch er konnte es nicht, er konnte sich nicht zusammenreißen, nicht jetzt…Seine Gedanken begannen abzuschweifen. Das Nächste, was er mitbekam, war, dass Sue ihn an der Schulter rüttelte. „Leon! Leon! Jetzt komm schon, Äuglein auf!“ Er nahm die Flügel vom Gesicht. „Was ist los?“ „Du bist aber auch ein Kohlkopf“, grinste Sue. „Mitten während der Geburt deines Kindes neben deiner Frau einzuschlafen, das hab ich mein Lebtag noch nicht erlebt…aber bei so vielen Geburten war ich ja noch nicht dabei bisher.“ Das reichte, um Leon hochschrecken zu lassen. „Ich bin eingeschlafen?!“ „Jep, und ich muss sagen, du bist richtig süß, wenn du vor dich hin döst“, grinste Sue. „Und jetzt komm.“ Sie führte ihn zu Claire, die immer noch am Boden lag. Allerdings krümmte sie sich jetzt nicht mehr vor Schmerzen, sondern strahlte vor Glück. In den Armen hielt sie ein kleines Fledermausjunges. Leon setzte sich neben sie und lehnte sie gegen seine Schulter. Sue drehte sich lächelnd um und flog aus der Höhle. „Was ist es?“, fragte er seine Partnerin leise. „Ein Mädchen“, kam ebenso leise die Antwort. „Und wie wollen wir sie nennen?“ Leon wollte sich lieber erst Claires Vorschläge anhören. Sie überlegte. „Ich konnte mich lang nicht entscheiden, doch…Marina wäre ganz schön, findest du nicht?“ Sie erfuhr nie, dass Leon auch an diesen Namen gedacht hatte, von Anfang an. Er nickte nur. „Was für ein schöner Name. Marina. Ja. So soll sie heißen.“ Am nächsten Tag, als Claire sich etwas von der Geburt erholt hatte, feierten die beiden mit ihren engsten Freunden ein kleines Fest zum Geburtstag der kleinen Marina. Sie selbst hing die ganze Zeit über entweder im Fell ihrer Mutter, oder sie wurde von entzückten Weibchen geschaukelt und bestaunt. Ihre wachen, grünen Augen verfolgten das Geschehen, obwohl sie wohl nichts begriff, was um sie herum vorging. Und hätte das kleine Weibchen zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, was sie in ihrem Leben alles erleben würde, was ihre grasgrünen Äuglein alles zu sehen bekommen würden, sie hätte sich ins Fell ihrer Eltern gekuschelt und die beiden nie wieder losgelassen.

Chapter 3: The first flight

Marina kuschelte sich in das weiche Fell ihrer Mutter. Mit den Krallen klammerte sie sich nervös fest. Claire konnte hören, dass ihre Tochter leise weinte. „Mami“, murmelte sie. „Ich will das nicht lernen, ich habe Angst!“ Claire strich ihre beruhigend über ihr hellblondes Haar. „Aber, aber, mein Schätzchen“, flüsterte sie. „Alle Fledermäuse lernen das. Du musst das können, sonst kannst du dir nie selber deine Insekten fangen.“ „Ich will doch gar keine Insekten“, flüsterte Marina. „Ich will immer nur Milch…“ Claire musste lächeln. „Du kannst doch nicht immer bei mir trinken, Schätzchen. Jetzt komm, breite erst mal ganz weit deine Flügel aus. Wenn du erst fliegen kannst, dann kannst du mit deinen Freunden spielen.“ Die anderen Fledermäuse in ihrem Alter waren bereits so weit, zumindest einen Meter von den Ästen wegzukommen. Marina dagegen hatte zwar optimal geformte Flügel, doch dafür auch etwas, das für Fledermäuse sehr unüblich war: Höhenangst. Selbst an der Brust ihrer Mutter fühlte sie sich unwohl, wenn diese sich in die Lüfte erhob. Natürlich war das ein Problem…doch zum Glück war die kleine Glanzflügelin trotz ihrer Höhenangst im Grunde sehr tapfer. Vorsichtig löste sie sich von ihrer Mutter und breitete ihre Schwingen aus. Sie waren lang und schmal; genau so, wie sie sein sollten. Noch erschienen sie riesig im Vergleich zum Körper der Kleinen, doch das würde sich legen. Das Fell der Flughäute war von einen hellen Orange und sehr dicht. Marina zitterte leicht. „Und jetzt?“ „Schlag mit den Flügeln. Nur ein paar Mal. Stell dir vor, du möchtest einfach ein bisschen Wind erzeugen“, ermunterte Claire sie sanft. Marina gehorchte. Ihre Flügel schnitten mit kräftigen Bewegungen durch die Luft, wie Messer. „So, jetzt stell sie ganz leicht schräg…“ Claire gab ihrer Tochter genaue Anweisungen. Diese versuchte, sie so gut wie möglich zu befolgen. Sie brachte die Flügel erst in die Schräge, dann in die Waagrechte. Dabei schlug sie weiter damit. Sie wollte gerade frustriert aufgeben, als sich ihre kleinen Füßchen plötzlich einige Zentimeter vom Boden hoben. Panisch schrie Marina auf. Ihre Muskeln verkrampften sich. Sie klappt die Flügel wieder an den Körper und fiel aus der Luft. Mit einem Krachen landete sie unsanft wieder auf dem Ast. Sie verletzte sich nicht, schließlich war sie kaum in der Luft gewesen, ihr Selbstbewusstsein dagegen bekam einen Knacks. Claire stellte sie, das Grinsen verkneifend, wieder auf die Füße. Schade, dass Leon nicht hier war…er war so ein ausgezeichneter Flieger, er hätte es seiner Tochter sicher beibringen können, doch wenige Nächte nach der Geburt hatte er zurück ins Lager der Männchen gemusst. Marina hatte ihn nie wirklich kennen gelernt, aber auch nie wirklich nach ihm gefragt. Freunde hatte sie auch wenige, entweder sie war zu schüchtern oder etwas zu hochnäsig. Die meiste Zeit verbrachte sie mit ihrer Mutter. Nur Cheyvenne spielte manchmal mit ihr in der Höhle der Glanzflügel. Doch seit einigen Nächten hatte sie nicht einmal mehr ihn; Cheyvenne war einer der ersten gewesen, die das Fliegen beherrscht hatten, und flatterte nun schon munter durch die Luft. Gerade drehte er eine enge Kurve um Marina und ihre Mutter herum. „Komm schon, das ist lustig!“, rief er ihr vergnügt zu. Dann war er wieder weg. Das trieb der Kleinen erst recht die Tränen in die Augen. Claire nahm sie erneut auf den Arm. „Lass dich nicht entmutigen, mein Schatz. Du wirst es sicher noch lernen. Und weißt du was, ich glaube sogar, dass du einmal eine der schnellsten Fliegerinnen in der Kolonie wirst…“ Claire konnte ja nicht ahnen, wie Recht sie hatte; wenn auch nicht in dieser Kolonie. Marina blinzelte die Tränen weg. „Ehrlich, Mami?“ „Natürlich.“ Die Glanzflügelin betrachtete ihre Tochter mit zärtlichem Blick. „Und jetzt versuch es noch einmal.“ Einigermaßen ermutigt, gehorchte Marina. Wieder schaffte sie es, sich ein Stück von dem Ast zu erheben. Diesmal blieb sie einige Sekunden in der Luft. Anzustrengen schien es sie nicht besonders, doch die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Claire konnte ihren Blick nicht ertragen und pflückte sie wieder aus der Luft. „Vielleicht sollten wir in der Höhle üben, da geht es nicht so weit nach unten“, schlug sie vor. Marina blickte zu den anderen Glanzflügeljungen, die inzwischen Saltos zwischen den Eichen drehten, allen voraus Cheyvenne. Dann sah sie ihrer Mutter mit festem Blick in die Augen. „Nein. Wenn die es können, kann ich das auch.“ Claire nickte wortlos. Sie gab Marina Tipps, die ihr den Flug erleichterten, und sprach ihr unablässig Mut zu. Gegen Morgengrauen war die Flugschülerin so weit, sich eine Minute in der Luft zu halten, ohne allzu viel Angst auszustehen. „Wir sollten zurückfliegen“, erklärte die Mutter. „Die Sonne geht gleich auf.“ Tatsächlich begann sich der pechschwarze Horizont im Osten bereits orange zu färben. Auch die anderen waren schon auf dem Weg zurück in die Höhle. Marina hängte sich an die Brust ihrer Mutter, die sofort losflatterte. Dabei sah sie sich nach den anderen Jungtieren um. Auch sie waren auf dem Weg nach Hause, mitten durch eine Fichte hindurch zischten sie. Wie sehr sie sich wünschte, auch bei ihnen sein zu können… „Also wirklich!“, schimpfte Claire. „Es ist doch viel zu gefährlich, durch diesen Baum zu fliegen! Versprich mir, dass du dich niemals zu so einer Dummheit verleiten lässt!“ Marina nickte abwesend. Eine Unregelmäßigkeit im Flug eines der Kinder weckte plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Dann ein leiser Schrei. Ein dunkler Fleck zwischen den Nadeln, während die anderen weitersausten. So sah Marina es mit den Augen. Sie schickte einen Klangblitz los, um mehr zu erkennen. Und wünschte im nächsten Moment, sie hätte es nicht getan. Einer aus der Gruppe war zwischen den Nadeln des Baumes hängen geblieben. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie weh die spitzen Dinger auf den Flügeln taten… Die Begleiter der unglücklichen Fledermaus drehten sich zwar dann und wann zu ihm um und schrieen etwas, das Marina nicht verstehen konnte, doch keiner machte Anstalten, ihm zu helfen. Auch sie selbst und Claire entfernten sich weiter und weiter von ihm. Sie schloss die Augen, um das nicht mit ansehen zu müssen. Und ihre Mutter hatte entweder nichts bemerkt oder wollte nicht helfen; eher letzteres. Das Geschrei dröhnte nämlich mindestens bis zur Höhle, vor deren Eingang ebenfalls einige Schemen versammelt waren. Auch diese sahen nur tatenlos zu. Am liebsten hätte Marina sich die Flügel in die Ohren gestopft, um die Rufe nicht hören zu müssen, doch dann wäre sie ihrer Mutter vom Bauch gefallen, und das konnte sie wirklich nicht brauchen. So war sie gezwungen, zuzuhören. „Hilfe! So helft mir doch! Die Sonne geht auf, die Eulen kommen gleich! Hiiiilfe!“ Ihr fiel die Kinnlade herunter, als sie endlich die Stimme erkannte. Cheyvenne! Warum tat Claire nichts? Der Sohn ihrer besten Freundin! Die bei Marinas Geburt geholfen hatte, wie sie aus Erzählungen wusste. Sue war nirgends zu sehen. Instinktiv wusste sie, dass es auf sie ankam. Ohne weiter nachzudenken, weil sie sonst den Mut verloren hätte, ließ sie sich vom Bauch ihrer Mutter fallen. Sie stürzte nach unten, der Boden kam immer näher…und dann erinnerte sie sich an die Lektionen. Flügel sanft in die Waagrechte bringen, gleichmäßig schlagen… Mit einer eleganten Schleife zog Marina sich aus dem Sturzflug. Höher ging es, immer höher, und auf die Fichte zu. Ihre Flugangst war verschwunden, einzig Angst um ihren Freund erfüllte ihr Herz. Auch bemerkte sie die Rufe ihrer Mutter hinter ihr nicht. Nur eins zählte noch: Cheyvenne zu retten. Sie kämpfte sich in Höllentempo durch die Äste des Baumes. Die Nadeln rissen an ihrem Fell, orange-gelbe Büschel blieben überall auf der Pflanze hängen. Nicht einmal das bekam sie mit. Noch wenige Flügelschläge, dann war sie bei ihrem Freund angelangt. Einer seiner Flügel hatte sich total verheddert. „Marina!“, rief er erleichtert. „Hilf mir!“ Sie nickte und warf einen Blick auf sein Flugwerkzeug. Noch hatte sie die Situation nicht einmal ganz begriffen, und das war auch gut so, denn dieser Umstand lähmte ihr Denken und überließ ihr Handeln ganz ihren Instinkten. Sie schnappte den Flügel und zerrte ihn mit einem Ruck nach hinten. Ein leises Ratschen, ein schmerzerfüllter Aufschrei, dann war Cheyvenne frei. Marina wollte vorausfliegen, dann erkannte sie, dass er sich hinter ihr kaum in der Luft halten konnte. Blitzschnell wirbelte sie herum und stützte ihn, so gut es ging. Die Sonne hatte den Horizont fast erreicht, die ersten Strahlen erhellten schon den Wald. Jetzt hieß es schnell sein. Sie riss Cheyvenne mit sich durch die Luft. Zusammen kamen sie der Höhle näher und näher, bis Marina Claire und Sue erkannte. Beide standen schluchzend am Eingang und schienen sich zu ihren Kindern hinausstürzen zu wollen, wurden aber von zwei kräftigen Männchen, die im Dienst der Ältesten standen und das ganze Jahr bei den Weibchen verbrachten, festgehalten. Plötzlich spürte Marina etwas Warmes auf ihr Fell brennen. Die Sonne. „Augen zu!“, schrie sie Cheyvenne an, der instinktiv gehorchte. Auch Marina kniff die Augen fest zusammen. Trotzdem drang helles Licht durch den Rand zwischen ihren Lidern hindurch. Noch zehn Flügelschläge, acht, dann sechs, drei, zwei, einer noch, und dann waren sie in der Höhle. Claire und Sue rissen sich nun endgültig los, um sich auf ihre Kinder zu stürzen und sie zu herzen. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist“, flüsterte Claire immer wieder, während sie Marina halb zerquetschte. „Und du hast Fliegen gelernt, ich bin ja so stolz auf dich!“ Eine weitere Kuschelattacke prasselte auf die Lebensretterin nieder. Nach Stunden, wie es ihr vorkam, ließ Sue Cheyvenne los und wandte sich Marina zu. „Ich danke dir…“, murmelte sie immer wieder und umarmte sie ebenfalls. „Ich muss mich auch bedanken“, krächzte Cheyvenne. Er war käseweiß. Marina hörte hinter sich langsame Flügelschläge. Es war die Älteste der Glanzflügel, Sanka. „Habt ihr die Sonne direkt angesehen?“, fragte sie scharf. Marina schüttelte den Kopf. „Hat euch eine Eule oder sonst ein Tier gesehen?“ Wieder Kopfschütteln. „Dann ist es gut. Marina Glanzflügel, lass mich dir meinen Dank aussprechen, im Namen der gesamten Kolonie. Du bist eine wahre Heldin. Cheyvenne Glanzflügel, komm mit. Die Ältesten werden deine Wunde verarzten.“ Damit wandte sie sich um und glitt zu ihrem Schlafplatz weit abseits von den anderen zurück. Cheyvenne erhob sich. „Danke noch mal“, flüsterte er Marina zu, als er an ihr vorbeihumpelte, und drückte ihr ein unbeholfenes Küsschen auf die Wange. Danach folgte er Sanka. Marina sah ihm perplex nach. Ihr wäre fast entgangen, dass ihr nun, wo die erste Überraschung sich legte, sämtliche Glanzflügel begeistert zujubelten und ihr so gut wie jeder einzelne zu einem so spektakulären ersten Flug gratulierte. Erst jetzt drang es zu ihr durch: Sie war geflogen! Und hatte gar keine Angst gehabt! Sie blickte sich nach ihrer Mutter um, die stolz lächelte, und warf sich ihr in die Arme. Sie legte den Kopf an Claires Schulter und ließ sich von ihre das Haar streicheln. Plötzlich überfiel Marina bleierne Müdigkeit. Augenblicklich schlummerte sie in den Flügeln ihrer Mutter ein.

Chapter 4: Winter

Der Sommer mit der lauen Wärme abends und den riesigen Mückenschwärmen ging Nacht für Nacht vorbei. Marina wurde über die Wochen und Monate hinweg größer und kräftiger, und als sich die Blätter an den Bäumen erst gelb, dann rot zu verfärben begannen, hatte sie für ein Weibchen eine stattliche Größe erreicht. Sie überragte einige der Männchen, auch Cheyvenne, um einige Zentimeter. Ihre Proportionen waren nun die einer Erwachsenen und auch im Fliegen wurde sie immer besser. Doch wenn es etwas Neues zu entdecken gab, war sie immer noch wie ein kleines Kind, das von den Wundern der herbstlichen Natur fasziniert war. Interessiert beobachtete sie bei jeder Gelegenheit die zusammengerollten Blätter und kratzte neugierig daran herum. Und jedes Mal, wenn die sonst so saftigen Pflanzen unter ihren Krallen knisternd zerbröselten, staunte sie aufs Neue. Sie versuchte sich darin, in den Herbstwinden neue Flugmanöver auszuprobieren, die bei stiller Luft nicht möglich waren, und wurde nicht selten irgendwo hingeweht, wo sie eigentlich nicht sein sollte. Einmal verfing sie sich in einem Baum, einmal wurde sie auf die Erde hinuntergeweht und ein anderes Mal kam sie einem Eulennest bedrohlich nahe. Claire schleifte sie jedes Mal schimpfend zurück zum Baumhort. „Wenn du nicht aufpasst, wird dich dein ewiger Forschungsdrang noch gewaltig in Schwierigkeiten bringen!“ Das war nur eine ihrer Lieblingsdrohungen. Marina tat alles mit einem Lächeln ab. Ihr würde schon nie etwas passieren, das redete sie sich ein. Ihre Kindheit verlief nach dem halsbrecherischen Abenteuer mit Cheyvenne relativ ruhig, eben ganz normal. Abgesehen davon, dass Marina einen außergewöhnlich scharfen Verstand entwickelte und alles sehr genau wissen wollte, war sie ein ganz normales Fledermausmädchen. Dann, eines Tages, kam der erste Schnee. Als Marina am Abend aufwachte, war die Landschaft außerhalb der Höhle schneeweiß, und noch immer rieselten dicke Flocken vom Himmel. Sie streckte vorsichtig den Flügel aus dem Eingangsloch, zog ihn aber rasch wieder zurück. „Mami, das ist kalt!“, rief sie erschrocken. Claire grinste. „Natürlich ist das kalt. Das ist Schnee, Marina. Schnee muss kalt sein. Du darfst hinausfliegen, er wird dir nichts tun. Du musst sogar. Wir fliegen heute in unser Winterquartier, da müssen wir da durch.“ Mit großen Augen, damit ihr nur ja nichts entging, schwebte Marina aus der Höhle. Der Wind blies durch ihr Fell und wirbelte ihr eine Schneeflocke auf die Nasenspitze. Für einen Moment konnte sie die feinen Strukturen des Kristalls erkennen, dann zerfiel er zu Wasser. Marina fing eine weitere Schneeflocke im Mund auf. Das machte Spaß! Sie drehte und kurvte zwischen den fallenden Flocken hindurch, fing eine nach der anderen auf, bis ihr Fell durchnässt war. „Marina!“, hörte sie eine Stimme. Claire. „Jetzt komm! Wir fliegen los!“ Sie wandte sich um und schoss aufgeregt auf ihre Mutter zu. „Winter ist toll!“, jauchzte sie glücklich. Claire lächelte. „Er hat auch seine Schattenseiten, Marina. Das Wasser in den Bächen ist zugefroren, Nahrung ist sehr schwer zu finden.“ Marina runzelte sie Stirn. „Keine Mücken? Und was essen wir dann?“ „Ich werde es dir auf unserer Reise zeigen. Aber jetzt komm. Die anderen fliegen schon weg.“ Die beiden beeilten sich, um mit den anderen mitzuhalten. Die folgenden Nächte zogen für Marina wie durch einen Schleier vorbei. Sie flogen durch den Schnee, der manchmal in weichen Flocken vom Himmel fiel, immer aber auf der Erde lag. Die ganze Welt schien nur gleißend weiß zu sein und reflektierte das helle Licht des Mondes. Schon bald schmerzten Marinas Augen. Sie kniff sie zusammen und verließ sich lieber auf ihr Klangsehen. Nie war ihr die Nacht so hell vorgekommen, nie hatte sie so viel Licht gesehen. In dieser Zeit brachte ihr ihre Mutter allerhand bei: Wie man sich im Winter ernährte, wenn es keine Mücken gab, wie man das Eis auftaute, um trinken zu können, wo man tagsüber am besten schlafen konnte, und so weiter. Marina bemühte sich, alles so gut wie möglich im Gedächtnis zu behalten, denn sie wusste, dass ihr das alles eines Tages sehr nützlich sein konnte, aber sie war so aufgeregt! Winterschlaf! Das erste Mal in ihrem Leben. Und sie sollte sich auf etwas anderes konzentrieren… Aber sie spürte, wie es Nacht für Nacht wärmer wurde, je weiter sie nach Süden kamen. Die dicke Schneeschicht wurde zunehmend dünner und eines Nachts war sie schließlich ganz weg. Der Boden war zwar noch mit Frost und Reif überzogen, ebenso wie die kahlen Bäume, aber er war schon fast am Tauen. „Wir sind da, Marina“, flüsterte Claire ihr ins Ohr. Marina sah sich um. „Wo soll denn da ein Winterlager sein, Mami?“ Sie konnte nirgendwo etwas entdecken, das danach ausgesehen hätte. Ein riesiger Felsen, fast schon ein kleiner Berg, ein paar dürre Bäume, ein Bach, der eher als Rinnsal zu bezeichnen gewesen wäre, sonst aber nichts. Claire lächelte. „Sieh den Ältesten zu.“ Marina ließ die Augen zu Sanka wandern. Diese hatte sich am Fuß des steinernen Hügels niedergelassen und war eifrig damit bemüht, braunes Laub vom Boden wegzuschaufeln. Marina konnte das nicht verstehen. Warum tat die Älteste die Drecksarbeit? Warum ließ sie sich auf dem Boden nieder, wo sie ungeschützt war vor sämtlichen Raubtieren, die es hier im Süden geben mochte? Und wo waren eigentlich die Männchen? Sie stellte ihrer Mutter diese Frage. „Die warten schon drin auf uns“, bekam sie zur Antwort. „Wo drin, Mami? Sag es mir! Wo drin? Und was macht Sanka da? Wozu soll das gut sein, und warum hilft ihr denn keiner? Und ist das nicht gefährlich, und…“ Claire unterbrach sie. „Komm mit, wir können rein.“ Sie ließ Marina keine Zeit, eine neue Frage zu stellen, sondern zog sie sanft mit sich. Die Älteste hatte in der Zwischenzeit eine Ritze zwischen Boden und Stein freigelegt, gerade so groß, dass ein Glanzflügel durchgepasst hätte. „Da sollen wir rein, Mami?“ „Ja, hab keine Angst. Es sieht eng aus, aber drinnen ist es groß und geräumig. Nur keine Sorge, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Jungtier erlebt, das gerne in diesen Spalt gekrochen wäre. Und drinnen ist dein Papa, was soll er denn denken, wenn er hört, dass du dich nicht durch den Eingang getraut hast?“, antwortete Claire. Das stachelte Marina ein wenig an. Sie flog voraus und quetschte sich hindurch. Was sie erwartete, war unglaublich. Kein enger, dunkler Gang, wie sie es erwartet hatte. Das hieß, dunkel war es schon, aber für sie war das ja gar kein Problem. Marina fand sich in einer riesigen Höhle wieder, durch die bereits orangefarbene und gelbe Glanzflügel flatterten. Die Männchen mussten das sein. Wo war ihr Vater? Sie heftete sich an Claires Fersen, die zielstrebig auf ein großes, gutaussehendes Männchen zuflog. Die beiden begrüßten sich freudig. Marina hielt etwas Abstand, sie war plötzlich extrem nervös. Sie erschrak, als sie das Männchen nun ihr zuwandte. „Marina“, sagte er freundlich. „Na los, komm her.“ Sie wollte nicht, dass er sie für schüchtern hielt. Also flog sie geradewegs auf ihn zu. „Papi?“ Er nickte und umarmte sie. „Es ist schön, dich wiederzusehen, meine liebe Tochter.“ Die nächsten Tage verbrachten sie zu dritt. Nie wich die Familie einander von der Seite, Marina, Claire und Leon traten immer zusammen auf. Die Stimmung im Winterlager wurde zusehends ruhiger, es war deutlich zu erkennen, dass die Fledermäuse sich mehr und mehr auf den Winterschlaf einstellten. Auch Marina spürte, wie die Müdigkeit in ihre Adern kroch. Als sie eines Morgens zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater einschlief, wusste sie genau, dass sie vor dem Frühjahr nicht mehr erwachen würde…

Chapter 5: Cheyvenne’s very important question

Marina fühlte, wie sie langsam aus tiefem Schlaf erwachte. War es wirklich schon Zeit zum Aufstehen? Irgendwas aber war diesmal nicht wie sonst, wenn es Abend wurde und das Leben in die Höhle der Glanzflügel zurückkehrte. Sie fühlte sich ganz anders, irgendwie entspannter. Marina versuchte, ihre Flügel zu strecken. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihre Knochen. Sie schüttelte sich leicht. Ihr Körper war steif, als wäre er monatelang nicht bewegt worden. Und so war es ja auch, fiel Marina siedendheiß ein. Es war ja Winter gewesen. Mit Winterschlaf und allem. Sie war im Winterlager, bei ihrem Vater und den anderen Männchen. Ein warmer Luftzug strich ihr durchs Fell. Sie folgte dem intensiven Duft nach frischen Tannennadeln und Blumen, der vom Einflugloch am Boden unten hereinströmte. Sonnenlicht flutete in die Höhle. Nicht besonders viel, aber für Marina war es deutlich erkennbar, dass es noch Tag sein musste. Sie blickte sich in der Höhle um. Ihre Eltern schliefen beide noch. Marina kam es vor, als hätten sie sich keinen Zentimeter bewegt seit dem Winterbeginn, als sie alle zusammen eingeschlummert waren. Vorsichtig machte sie sich frei, wärmte ihre steifen Flügel auf und drehte eine Runde durch die Höhle. Es fiel ihr ein bisschen schwer, das Fliegen war plötzlich seltsam ungewohnt für sie, doch nach und nach begann sie wieder, sich mehr wie eine Fledermaus zu fühlen. Alle anderen, die sie sah, schliefen noch. War sie als einzige munter geworden? War etwa der Winter noch gar nicht vorbei? Ihre Mutter hatte ihr immer erklärt, wenn eine Fledermaus zu früh aus dem Winterschlaf erwachte, wäre es um sie geschehen. Unbändige Angst kroch in ihr hoch. Sollte sie jemanden wecken und ihn fragen? Aber das ging ja nicht, fiel ihr ein. Dann würde derjenige auch noch zu früh aufwachen und vielleicht… Und das hätte sie sich nie verzeihen können. Den Tränen nahe drehte sie ihre Runden. Es musste doch schon jemand wach sein, einer nur! Aber nein, sie hingen alle da wie tot. Marina flog sogar ganz dicht an einige heran, nur um zu sehen, ob diejenigen noch atmeten. Natürlich taten sie das alle, aber so leise, dass es selbst für Fledermausohren nicht sofort zu hören war. Sie schliefen so tief, sie alle…und sie war wach… Es war eine Täuschung, die warme Luft, das Sonnenlicht, der unverkennbare Duft des Frühlings, alles nur eine Täuschung, ein bizarrer Traum vielleicht, der sie selbst nach dem Erwachen noch nicht losgelassen hatte. Aber sie wusste, es war kein Traum. Es war real, grausam real. Immer noch hielt der Winter die Kolonie in seinen Fängen, gaukelte Marina einen leichten Vorgeschmack auf den Frühling vor… Die Verzweiflung füllte sie nun ganz aus. Sie ließ sich in eine Ecke gleiten, weit weg von alle den reglosen Gestalten, die sie an den ewigen Schlaf erinnerten, der am Ende jedes Lebens stand, egal ob Mensch oder Tier… Sie alle schliefen noch, sie würden den Frühling noch erleben, den echten Frühling, Marina aber… Oh verdammt, warum hatte ihre Mutter ihr diese Schauergeschichten erzählt? Tränen rannen ihr über die Wangen und durchnässten ihr orangefarbenes Fell. Sie konnte nichts mehr sehen und hören, die Welt um sie herum hörte auf zu existieren. Krampfhaft versuchte sie, in den Winterschlaf zurückzusinken, doch es wollte ihr einfach nicht gelingen… Sie betete zu Nocturna, doch nichts geschah. Keine tröstende Anwesenheit der Göttin der Nacht, das einzige, was noch da war, waren Angst, Verzweiflung und Enttäuschung. Enttäuschung, dass sie den ersten richtigen Frühling ihres Lebens schon nicht mehr erleben sollte. Wie durch einen Schleier bekam sie mit, wie sich neben ihr etwas bewegte. Zuerst hielt sie es für eine Halluzination, die ihr panischer Verstand in die Luft projizierte, den sehnlichen Wunsch nach einem weiteren lebenden Wesen, oder aber auch für einen Schatten, den das Licht an die Wand malte, eine weitere grausame Lüge in einem ganzen Netz aus Lügen und Täuschungen. Auch als sie eine bekannte Stimme hörte, schob sie es auf das Echo ihres Weinens, das von den Wänden widerhallte. Doch dass sie plötzlich etwas sanft an der Schulter berührte, das konnte sie nicht leugnen. Sie blickte hoch. Cheyvenne. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Ein lebendes Wesen, wach, bei vollem Bewusstsein. Sie war nicht mehr allein. Und dann wieder Trauer. Auch ihr bester Freund war vorzeitig aufgewacht, und sie wusste ja, was das bedeutete. Genau genommen hatte sie die letzten Minuten, Stunden, Tage oder wie lange immer sie hier gehangen hatte, an nichts anderes gedacht. „Warum weinst du denn, Marina?“, fragte er sie verblüfft. Scheinbar hatte er keine Ahnung…sollte sie es ihm erzählen? Er ließ ihr gar nicht die Zeit dazu. „Sei doch froh, dass der Winter vorbei ist! Draußen ist schönster Frühling und du bläst hier Trübsal! Komm lieber mit mir raus!“ Sie starrte ihm tief in die Augen. „Es ist nicht mehr Winter?“ „Nein, schon lange nicht mehr. Meine Eltern und ich sind schon seit Tagen wach. Ich war gerade draußen.“ Verwirrt blickte Marina zum Einflugloch. Dann Erleichterung. Sie hatte sich getäuscht, es war nicht mehr Winter. Aber eine Sache war da noch. „Wie könnt ihr draußen gewesen sein? Es ist doch Tag.“ Cheyvenne lachte. „Nein, ganz und gar nicht. Das kommt dir nur so vor, weil du so lange kein Licht mehr gesehen hast. Es ist eine wunderschöne Frühlingsnacht. Komm mit mir.“ Zu verblüfft, zu erleichtert und zu glücklich, um zu widersprechen, folgte Marina ihrem Freund. Sie quetschten sich durch das Loch. Ihr war gar nicht mehr mulmig beim Durchfliegen, viel eher sehnte sie sich nach der Welt jenseits dieser Höhle. Als sie draußen war, konnte sie erst einmal nur staunen. Die ganze Welt schien zu neuem Leben erwacht zu sein, Blumen blühten, an den Bäumen sprossen junge Blätter. Mond und Sterne kamen ihr so hell vor, dass sie die Augen zukneifen musste. Sie atmete tief ein. Betörende Düfte verwöhnten ihre Nase. Sie alle rochen so durchdringend, aber man konnte keinen einzelnen erkennen, so sehr vermischten sie sich untereinander. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie schön die Welt war. Eine Motte flog dicht an ihrer Nase vorbei. Marina hörte, wie ihr Magen knurrte. Kein Wunder, wann hatte sie eigentlich das letzte Mal etwas gegessen? Im Herbst, das war lange her. Sie öffnete den Mund und umschloss das kleine Insekt mit den Zähnen, ehe es wusste, wie ihm geschah. Marina schwang sich in die Luft. „Kommst du mit jagen, Cheyvenne?“ „Ich habe schon gegessen, aber ich begleite dich!“ Die beiden flogen nebeneinander her durch den Wald, jagten kleinen Insekten hinterher, die es jetzt in Hülle und Fülle zu geben schien. Marina leckte sich genüsslich die Lippen, als sie mit den Zähnen den Panzer eines Bärenspinners knackte. Das war schon etwas anderes als die ewigen Schneeflöhe von letztem Jahr. „Endlich satt?“, fragte Cheyvenne sie. Marina nickte und hängte sich gemeinsam mit ihm an einen Baum. „Hör mal, ich…muss dir was sagen, Marina“, murmelte er plötzlich. Er klang nun ganz anders als sonst, reifer, erwachsener. Marina fiel ein, dass sie das ja nun waren. Sie waren keine Jungtiere mehr. Sie waren jetzt erwachsen. „Ja?“, fragte sie nach, bemüht, seinen Tonfall nachzumachen. Er fuhr fort. „Wie du mir da letztes Jahr das Leben gerettet hast und alles…das werde ich dir nie vergessen können, weißt du. Auch so bist du meine beste Freundin…schon immer gewesen eigentlich. Wusstest du, dass ich bei deiner Geburt dabei war?“ Er ließ ihr keine Gelegenheit, auch nur über diese Frage nachzudenken. „Ich kenne dich schon dein ganzes Leben, und ich finde dich wirklich nett…mehr noch. Ich wollte dich fragen…hast du vielleicht Lust, ich meine, würdest du…“ Er schien mit sich selbst zu ringen. Marina konnte sich denken, was da kommen würde. Sie war plötzlich furchtbar nervös, wieder fühlte sie etwas in sich hochkribbeln wie Angst, doch es war keine grauenvolle, alles verschlingende Angst wie vorhin, sondern eine angenehme. Cheyvenne riss sich zusammen. „…Hast du Lust, meine Partnerin zu sein?“ Ein warmes Gefühl stieg in Marina hoch. Es war so angenehm, wenn man wusste, dass es jemanden gab, dem man etwas bedeutete… „Ja, Cheyvenne“, murmelte sie. Er strahlte glücklich. Sie ebenfalls. Die beiden rückten näher aneinander. Erst als die Sonne schon fast den Horizont berührte, kehrten sie widerwillig ins Winterquartier zurück. Nun, wo es so spannende Neuigkeiten gab und sie wusste, dass der Frühling schon begonnen hatte, konnte Marina gar nicht anders als ihre Eltern aus dem Schlaf zu reißen.

Chapter 6: The ring

Marina segelte durch den Wald. Die Luft war warm und klar, der Frühling ging langsam, aber sicher in den Sommer über. Eine wunderschöne Nacht…eigentlich war alles perfekt, abgesehen davon, dass sie Cheyvenne und Leon vermisste, die beide im Lager der Männchen waren. Sie bemühte sich, nicht rund um die Uhr an sie zu denken, und stattdessen mit Claire und den anderen Weibchen einen möglichst schönen Sommer zu verbringen. Vor ihrem Klangsehen blitzte etwas auf. Ein silbern schimmernder Schatten, ganz klar ein Bärenspinner. Sie stellte ihre Flügel auf und drehte scharf herum. Sie würde ihn schon bekommen! Marina folgte dem kleinen Insekt. Es war flink, sehr flink, und zweifellos schlauer als seine Artgenossen. Es würde schwierig werden, ihn zu bekommen, doch der Gedanke an seinen zarten, herben Geschmack beflügelte Marina. Sie flog Loopings um die Bäume, was für sie als Glanzflügel sehr schwer war. Sie war, wie auch der Rest ihrer Kolonie, auf offenem Gelände schnell, aber wendig überhaupt nicht. Trotzdem schaffte er es nicht, sie abzuschütteln. Sie glitt geschmeidig und lautlos durch die Dunkelheit, wie ein Schatten. Die Bäume lichteten sich. Das Plätschern von Wasser stieg Marina entgegen. Sie kam in die Nähe des Baches. Der Bärenspinner schien das auch bemerkt zu haben; offenbar hoffte er, durch das lauter werdende Rauschen ihre Ohren verwirren zu können. Er schwirrte über das Wasser. Aber sie hatte längst aufgehört, sich bei der Bärenspinnerjagd nur auf ihre Ohren zu verlassen. Sie hatte gelernt, die Augen zu benutzen, und folgte ihm weiter. Nun ging es quer übers Wasser. Marina riskierte nur einen kurzen Blick nach unten. Spitze Steine ragten aus dem tosenden Wasser. Sie schluckte und wendete ihren Blick rasch wieder dem Bärenspinner zu. Nur nicht ablenken lassen! Sie kam ihm näher, das sah sie sofort. Sie konnte ihn schon förmlich auf der Zunge schmecken, als sie plötzlich hängen blieb. Ja, sie blieb mitten in der Luft hängen! Wie damals Cheyvenne im Baum… Nur was das noch unheimlicher. Nichts war zu sehen, nur Luft. Mit dem Klangsehen konnte sie aber immerhin erkennen, dass sie von dünnen Fäden gefangen gehalten wurde. Sie wirkten nicht viel stabiler als die Spinnweben, die man manchmal finden konnte, wenn man die abgelegeneren Winkel der Glanzflügelhöhle genau durchsuchte, doch so sehr Marina sich auch anstrengte, es schien unmöglich, sie zu zerreißen. Die Fäden waren so fest wie Äste. Woraus bestand nur dieses Material? Und vor allem: Woher kam es? Aber das war jetzt nicht wichtig, sie musste sich unbedingt befreien. Vorwärts konnte sie nicht, da versperrte ihr dieses Netz den Weg. Sie versuchte es nach hinten; ebenfalls Fehlanzeige. Sie hatte sich bereits viel zu tief in den engen Maschen verstrickt. Die dünnen Seile schnitten ihr in die Haut. Obwohl ihr dichtes Fell einigermaßen gut polsterte, biss sie vor Schmerz die Zähne zusammen. Wie konnte so etwas harmlos Aussehendes so wehtun? Je mehr sie zappelte, desto schlimmer wurden die Schmerzen, die das teuflische Seil verursachte. Ihr blieb nichts anderes übrig als stillzuhalten, wenn sie sich nicht strangulieren wollte. Sie wollte nach Hilfe rufen, doch ihre Kehle war zu ausgedörrt. Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was war, wenn diese dünnen Fäden rissen? Unter ihr toste immer noch das Wasser dahin, die Spitzen der Steine schienen geradezu auf sie zu warten. Wenn sie da hinunterfiel…nicht auszudenken! Sollte sie sich ihrem Schicksal fügen? Was konnte sie schon anderes tun? Was würde weiter geschehen? Niemand weiß, wo du bist… Sie schob den Gedanken beiseite. Sie wartete ab. Ihre Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt; schon nach wenigen Minuten tat sich etwas. Aber was sich da tat! Erst dachte Marina, ein Gewitter käme auf. Donnergrollen, unglaublich laut, als wäre das Gewitter keine Tausend Flügelschläge mehr entfernt. Dann fiel ihr ein, dass sie ja keinen Blitz gesehen hatte. Was war es also gewesen? Sie hatte das Gefühl, die Erde würde unter ihr erzittern, als das Geräusch erneut hörbar wurde. Ein Erdbeben!, schoss es ihr durch den Kopf. Ihre Mutter hatte ihr etwas über solche Phänomene erzählt, während der langen Stunden in der Höhle, als Marina noch ein Jungtier gewesen war. Aber so wirklich vorstellen können hatte sie es sich nie. Bis jetzt. Sie sah zum Himmel hinauf. Nocturna, wenn du mich jetzt sehen kannst, ich bitte dich, dann hilf mir… Der Vollmond sah auf sie herab. Aber nichts deutete darauf hin, dass die Göttin der Nacht irgendwie anwesend gewesen wäre. Plötzlich schob sich ein Schatten vor den Mond, er wurde verdunkelt. Der Schatten war fast so riesig wie die gesamte Glanzflügelhöhle, so kam es Marina vor. Breit wie ein Bär, groß wie ein Baum. Und die Proportionen…seltsam. Flügel konnte Marina nirgends entdecken, auch nichts anderes, was darauf hingedeutet hätte, dass das Wesen in irgendeiner Weise etwas von einer Fledermaus hatte. Sie musterte es genauer. Die Stelle, an der das Gesicht sein sollte, leuchtete hell, so hell und gelb wie der Vollmond es eben noch getan hatte, bevor er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war… Die Haut des Wesens wirkte seltsam hell, eigentlich strahlend weiß, und ziemlich faltig. War das, was den Körper dieses…Etwas verdeckte, eine Art zweite Haut? Marina schoss ein Gedankenblitz durchs Gehirn. Ein Mensch! Ja, genau das musste es sein, einer der gefürchteten Menschen! Claire hatte viel über sie erzählt, aber das, was sie am häufigsten erwähnt hatte, war, dass man sich vor denen in Acht nehmen und sich von ihnen fernhalten sollte. Der Mensch öffnete seinen Mund. Er schien etwas zu sagen. Wieder röhrte das Donnergrollen in Marinas Ohren. War das die Sprache dieser Geschöpfe? Die Vorstellung schien unmöglich. Und doch musste es so sein. Ein zweiter Mensch gesellte sich zu dem ersten, ebenso gekleidet wie er. Marina hätte die beiden nie im Leben voneinander unterscheiden können. Einer der beiden – der erste, den sie gesehen hatte – streckte in einer unendlich langsamen Bewegung seine Hand aus, näher auf Marina zu. Die Glanzflügelin spürte, wie sich unglaublich starke Finger um ihren Körper schlossen. Diese Hände sind zum Zerstören gemacht!, zuckte es ihr durch den Kopf. Mit einer für den Menschen wohl kaum anstrengenden Bewegung hätte er sie zerquetschen können. Er konnte ihr in einem Moment der Unachtsamkeit versehentlich alle Knochen brechen! Sie stemmte sich gegen den Griff. Nichts geschah. Er schien es nicht einmal zu spüren. Der andere Mensch zog etwas aus seiner Tasche, etwas Scharfes, Spitzes, das im Licht der Sterne aufblitzte. Und er richtete es auf Marina! Sie kniff die Augen zusammen. Entgegen all ihren Erwartungen schlitzte er aber nicht sie damit auf, im Gegenteil, er durchtrennte mit raschen Hieben das Netz, das ihr immer noch ins Fleisch schnitt. Nun führte der, der sie in der Hand hielt, sie näher an sein Gesicht. „Was wollt ihr von mir?“, schrie Marina ihnen zu. „Lasst mich doch fliegen! Was für einen Nutzen hätte ich für euch?“ Die Menschenwesen schienen sie nicht zu verstehen, und wenn, dann ignorierten sie sie gründlich. Einer, der, der das Netz durchtrennt hatte, werkelte in seiner Tasche herum. Aus Angst, was er nun Schreckliches daraus hervorzaubern würde, wehrte sie sich noch heftiger. Sie versuchte, ihre Zähne in die Hand desjenigen, der sie festhielt, hinein zu graben, ihm wehzutun, ihn dazu zu bringen, sie loszulassen. Er schien das gar nicht zu spüren; etwas Lederartiges schützte seine Haut vor ihren Bissen. Er hob auch noch seine andere Hand und tätschelte Marina mit einem Finger sanft den Kopf und strich ihr über das blonde Haar. Die Berührungen fühlten sich seltsam angenehm an, sie entspannte sich ein wenig. Trotzdem fasste sie kein Vertrauen zu dem Wesen. Er war ihr Feind, das war klar. Schon jetzt, wo sie sich erst wenige Minuten (oder Stunden? Oder Tage?) in seiner Gefangenschaft befand, sehnte sie sich zurück nach der Freiheit. Warum hatte sie diesen dummen Bärenspinner unbedingt haben müssen? Hätte sie ihn doch nur aufgegeben! Aber jetzt war es zu spät, ein „Was-wäre-wenn“ half ihr herzlich wenig. Sie musste mit der Situation klarkommen, wie sie war. Der zweite Mensch holte etwas hervor, das im Mondlicht ebenso glänzte wie der spitze Gegenstand von vorhin. Er nahm vorsichtig Marinas Flügel in die Hand und faltete ihn auseinander. Sie versuchte, sich zu wehren, zappelte, doch nach einem leisen Klick! war alles auch schon wieder vorbei. Die Menschenhand ließ los, sie konnte ihren Flügel wieder frei bewegen. Und plötzlich lockerte sich auch der andere Druck. Sie war wieder ganz frei! Marina schlug mit den Flügeln, so schnell es nur ging. Sie schraubte sich höher, aus der Reichweite dieser armen, ewig an den Boden gefesselten Geschöpfe. Sie ließ sich von ihren Flügeln zurück zur Glanzflügelkolonie tragen, konnte es kaum erwarten, wieder in Sicherheit zu sein, beschützt von den anderen…und doch wurde sie das Gefühl nicht los, dass etwas Besonderes mit ihr passiert war. Sie betrachtete ihren Flügel. Ein silberner Ring schimmerte im Licht der Sterne. Sie überlegte einen Moment und staunte, als merkwürdige, gegensätzliche Gefühle in ihr aufwallten. Einerseits machte der Ring sie traurig, er kennzeichnete sie. Nun wusste jeder, dass sie mit Menschen Kontakt gehabt hatte… Aber andererseits ließ er ein absurdes Glücksgefühl in ihr hochkommen. So etwas hatte nicht jeder, nur wenige Fledermäuse trugen einen Ring. Genau genommen niemand in der Glanzflügelkolonie, wenn Marina es sich recht überlegte… Sie war nun also etwas Besonderes. Stolz glitt sie durchs Einflugloch der Kolonie, um den anderen ihren Ring zu zeigen. Kaum hatten die Fledermäuse das Blinken des Metallstücks gesehen, brach allgemeiner Wirbel los.

Chapter 7: The banishment

Marina registrierte überrascht die Reaktionen ihrer Glanzflügelfreunde. Schreie drangen an ihr Ohr, ängstliche, panische Schreie. „Was ist los mit euch?“, schrie sie in die Runde. Niemand antwortete ihr, im Gegenteil. Was hatten diese Glanzflügel nur? Sie drehten völlig durch! „Aber was ist denn nur?“, schrie sie in die Runde. Irgendwo erkannte sie das Fell ihrer Mutter, das sich irgendwie von dem der anderen abhob. Claire kam auf sie zu, das Gesicht verzerrt. „Marina!“, schrie sie. „Oh, Marina, was ist nur geschehen?“ Sie landete neben ihrer Tochter und drückte sie fest an sich. „Mami!“ Marina konnte nicht begreifen, was da passierte. Was war denn nur los? Ihre Mutter tat, als würde sie im Sterben liegen! Tatsächlich spürte Marina Tränen an sich herunter rinnen, die nicht ihre eigenen waren. Sie hörte Claires leises Schluchzen an ihrem Ohr. Über die Schulter ihrer Mutter hinweg, sah Marina Sanka auf sie zufliegen. „Marina Glanzflügel!“ Ihre Stimme klang hart und kalt. „Du wirst augenblicklich diese Kolonie verlassen und nie mehr zurückkommen!“ Dieser Satz traf sie wie ein Keulenschlag, ihr war, als wäre sie in eiskaltes Wasser getaucht worden. Das konnte doch nur ein Scherz sein! Ein völlig makabrer, herzloser Scherz! Aber Marina war intelligent genug, um sofort zu sehen, dass es das nicht war. Die Gesichter der Ältesten, die aufgeregten Schreie der anderen und das Schluchzen ihrer Mutter…das war Ernst. Keiner konnte so schauspielern. „Aber wieso denn das?“, fragte sie mit brüchiger Stimme. Sie wollte weinen, schreien, doch ihre Stimme ließ sie im Stich. Das Einzige, was sie herausbekam, war ein heiseres Krächzen. „Es ist der Ring“, erklärte Sanka ihr unfreundlich. „Du bist verflucht. Der Ring wird dich umbringen!“ Das war zu viel für Marina. Erst die Menschen, dann die eiskalten Worte, sie wäre vertrieben, und jetzt das? Wer hätte das schon begreifen können? „Aber…wie…warum…was…“, fragte sie zusammenhangslos. „Die Menschen suchen sich Fledermäuse aus, einige wenige, denen sie so etwas umschnallen. Diejenigen sind dann dazu verdammt, grausam zu sterben. Ihre Flügel fallen ab, oder sie verbrennen bei lebendigem Leib. Es gibt noch viele andere Grausamkeiten, die so ein Ring einem antun kann, ich kann und will sie dir gar nicht alle aufzählen. Tatsache ist, dass du gezeichnet bist. Und der Ring bringt nicht nur dir Unglück. Er wird die ganze Kolonie zerstören, wenn du bei uns bleibst! Verschwinde von hier, lass dich nie wieder blicken!“, fauchte Sanka sie an. Marina allerdings blieb. Was hätte sie schon tun sollen? Sie konnte allerhöchstens reden und damit Zeit schinden. Aber wozu? Wartete sie auf etwas? Konnte ihr irgendetwas aus dieser Lage helfen? „Heißt das, es gab schon mehrere Fledermäuse mit Ringen?“, fragte sie verblüfft. „Hier bei den Glanzflügeln?“ Sanka nickte. „Natürlich gab es die. Wir haben sie alle verjagt. Sie bringen nichts als Unheil mit ihren Menschenobjekten. Und dabei kommen sie sich auch noch wie etwas Besonderes vor, sie haben ja schließlich etwas, das kein anderer hat.“ Die Älteste lachte gehässig. Nun stiegen Marina doch Tränen in die Augen. All das und jetzt noch der Spott dazu. Das war einfach zu viel. „Jetzt verschwinde schon!“, fuhr Sanka sie an. Marina klammerte sich an ihre Mutter. Claire aber strich ihr nur noch ein Mal über den Kopf und riss sich dann los. Schluchzend flatterte sie weg von Marina, ließ sie allein zurück mitten in dieser feindlichen Kolonie, die der jungen Glanzflügelin nun wie Aasgeier vorkamen. Sanka baute sich zu ihrer vollen Größe auf und fauchte, wie um ihre Worte noch zu unterstreichen. Hilfesuchend sah Marina sich um. Wohin sie blickte, nur hasserfüllte Gesichter. Sie drehte sich um, wollte aus der Höhle stürmen. Auf ihrem Weg zum Einflugloch nahm sie durch einen Tränenschleier Sue wahr. In der Hoffnung, wenigstens in ihrem Gesicht Mitgefühl zu finden, blickte sie sie an und blinzelte die Tränen weg. „Verschwinde bloß, unreines Ding! Komm meinem Cheyvenne nicht zu nahe, du hast ihn nicht verdient!“, zischte sie. Marina zuckte zurück und flog weiter. Um sie herum nur panische, hasserfüllte Gesichter. Sie nahm es gar nicht mehr wahr, begriff nicht, was um sie herum vorging. Sie musste nur weg. „Wir müssen so schnell wie möglich weg von hier, sie wird sicher im Wald bleiben. Für uns ist es hier nicht mehr sicher. Wir müssen so schnell wie möglich zu den Männchen und in unser Winterquartier, wenn wir im Frühjahr zurückkommen, haben wir sicher nichts mehr zu befürchten. Morgen Abend geht es sofort los!“ Diese harten Worte waren das letzte, was Marina hörte, bevor sie die Höhle der Glanzflügel für immer verließ.

Chapter 8: Following the colony

Marina hing an einem Ast nahe der Höhle der Glanzflügel und weinte. Seit Stunden. Sie hatte lange gebraucht, um überhaupt wirklich zu begreifen, was geschehen war. Aber nun wusste sie es mit völliger Klarheit: Sie war verbannt. Die Worte Sankas gellten in ihren Ohren nach, eindringlicher als Todesschreie… Würde der Ring sie wirklich töten? Und was Sue gesagt hatte… Ein erneuter Weinkrampf schüttelte Marina. Hasserfüllt blickte sie das kleine Metallstück an ihrem linken Flügel an. Es hatte ihr ihre Eltern genommen, ihre Kolonie und ihre Freunde. Und Cheyvenne… Sie stieß einen Wutschrei aus, schlug ihre Krallen in den Ring und zerrte fauchend an ihm. Obwohl sie fast zu Tode erschöpft war, hatte sie genug Energie für einen Wutausbruch nach dem anderen. Immer wieder hatte sie versucht, das Unglücksding abzureißen. Ihre Krallen und ihr Flügel bluteten bereits, das Metall jedoch hatte sich keinen Millimeter bewegt. Was sollte sie jetzt nur tun? Zurück konnte sie nicht. Was hatte Sanka gesagt? Sie mussten zu den Männchen? Gleich morgen Abend, das war es doch gewesen. Was wäre denn, wenn sie ihnen folgen würde? Ihre Vater und Cheyvenne um Hilfe bitten würde? Das wäre wohl das Vernünftigste. Marina entschloss sich, die nächste Nacht abzuwarten. Sie blickte Richtung Osten. Der Horizont verfärbte sich rot, außerdem hörte sie bereits die Vögel zwitschern. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr beigebracht hatte, Vogelstimmen zu unterscheiden… Sie schüttelte sich. Sie durfte jetzt nicht der Vergangenheit nachtrauern! Blick nach vorn!, sagte sie sich. Und das tat sie. Sie musste einen Platz finden, wo sie den Tag verbringen konnte. Sie musste geschützt sein vor fleischfressenden Vögeln und Vierfüßlern, wo also war der beste Platz? Sie hatte sich nie überlegt, wo man eigentlich noch übernachten konnte, wenn nicht in der Höhle der Glanzflügel. Nun ärgerte Marina sich sehr, dass sie sich nie einen Plan für den Notfall zurechtgelegt hatte. Aber wer hatte das schon wissen können? Nun, hier hängen zu bleiben, half ihr wohl auch nicht gerade viel. Sie würde schon handeln müssen. Mit einem kräftigen Flügelschlag ließ sie sich vom Ast fallen. Erinnerungen, wie sie das Fliegen gelernt hatte, kamen wieder hoch… Denk nicht an die alten Zeiten! Sie sind vorbei, für immer! Nicht mehr daran denken! Blick in die Zukunft! Aber wenn man Sanka glauben konnte, dann hatte sie eigentlich gar keine Zukunft mehr… Sie zwang sich, an einen Schlafplatz zu denken, und an nichts anderes. Schließlich wurde sie fündig: Ein Astloch, gerade groß genug für eine schlanke Fledermaus. Sie zwängte sich hinein. Morgen, sagte sie sich, würde alles gut werden. Leon und Cheyvenne würden ihr schon aus ihrer misslichen Lage helfen. Überwältigt von den Anstrengungen der Nacht, schlief Marina schließlich ein. Das nächste, was sie hörte, war durchdringendes Eulengeschrei. Sie warf einen vorsichtigen Blick aus dem Einflugloch. Der Anblick traf sie wie ein Schlag ins Gesicht: Sie hatte verschlafen. Dem Stand des Mondes nach war Mitternacht schon vorbei. Mit einem Mal war Marina hellwach. Sie segelte aus dem Astloch und schwang sich in die Höhe. Welchen Weg hatte die Kolonie genommen? Wohin? Sie zwang sich, klar zu denken, und ordnete erst einmal ihre Gedanken. In welcher Richtung lag die Höhle? Dem Stand der Sterne nach östlich von ihr. Oder westlich? Verdammt, in welche Richtung war sie gestern Nacht nur geflogen? Ziellos drehte sie ihre Runden durch den Wald. Sie vergeudete wertvolle Zeit, das wusste sie. Beinahe hätte sie erleichtert aufgelacht, als die Umgebung erkannte. War sie hier nicht immer mit Cheyvenne jagen gewesen? Und dort, hatte sie dort nicht dreifachen Rückwärtssalto in der Luft gelernt? Von den Stätten ihrer Kindheit aus fand sie leicht zu ihrem alten Zuhause zurück. Zaghaft näherte sie sich. Die Höhle war völlig verlassen, zum Glück. Den Weibchen allein wollte sie nicht noch einmal gegenüberstehen… Wo lag nun also Süden? Wohin waren sie letzten Herbst geflogen? In die Richtung, in die der dickste Ast zeigte, war es das nicht gewesen? Marina war sich nicht mehr hundertprozentig sicher. Aber was blieb ihr anderes übrig, als diesen Weg zu wählen? Sie war ohnehin in einer Lage, in der Risiko eigentlich keine Rolle mehr spielte. Also ab in die Richtung, die sie für die richtige hielt. Sie schlug so heftig mit den Flügeln wie selten in ihrem Leben. Einiges hing davon ab, dass sie die Kolonie einholte. Und dazu musste sie schnell sein. Nun ja, wenn man bedachte, dass sie allein war, jung und schnell, und Möglichkeiten nutzen konnte, die vielen Fledermäusen zusammen verwehrt blieben und dass sie außerdem keine alten, schwachen Weibchen dabei hatte, standen ihre Chancen gut. Sie war schon immer selbst für Glanzflügel eine schnelle Fliegerin gewesen. Die Landschaft zog an ihr vorbei. War sie hier vorbeigekommen, als sie letztes Jahr zusammen mit den anderen ins Winterquartier geflogen war? Sie hätte es nicht sagen können. Alles, was sie tun konnte, war, auf gut Glück weiterzumachen. War ihr Schicksal nicht sowieso besiegelt? Nicht wieder daran denken, Marina… Sie versuchte, sich mit Fliegen abzulenken. Getrieben von Angst und Zorn, behielt sie die ganze Nacht ein Höllentempo bei. Der Himmel hellte sich bereits auf und sie glaubte längst, auf dem falschen Weg zu sein, als sie plötzlich ein ihr sehr bekanntes Gebilde wahrnahm. Das Lager der Männchen! Sie war doch auf dem richtigen Weg! Vorsichtig näherte sie sich und spähte hinein. Es war verlassen, allerdings konnte das unmöglich lange her sein. Sollte sie weiterfliegen? Weiter der Kolonie hinterher? Sie hatte sie fast eingeholt, das spürte sie. Allerdings wusste sie auch, dass die Sonne fast aufgegangen war, und neben dem Ring jetzt auch noch das Gesetz zu brechen, konnte sie sich nun wirklich nicht leisten. Schweren Herzens hängte sie sich im Lager der Männchen zum Schlafen hin. Diesmal erwachte sie pünktlich, das Abendrot tauchte die Höhle in mattes Licht, als sie die Augen aufschlug. Sie wartete noch einen Moment, bis sie sich wirklich sicher war, dass die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war. Erst dann schwang sich Marina in die Nacht hinaus. Heute würde sie die Kolonie schon einholen. Bestimmt. Immer wieder sagte sie sich das. Ihre Flügel zerschnitten die Luft wie Messer, pfeilschnell schoss sie durch die Dunkelheit. Die Stunden vergingen, ohne dass Marina mehr als einen besonders saftigen Mückenschwarm eingeholt hätte. Dann aber sah sie sie. Orange- und gelbfarbene Fledermäuse, eine ganze Kolonie am Himmel, so weit das Auge reichte. Noch weit weg, aber in zehn Minuten war Marina in Hörweite. Sie atmete noch ein paar Mal tief durch. Wenn sie jetzt einen Fehler machte… Sie musste die Lage einfach genau analysieren, das war alles. Du bist von den Menschen gezeichnet worden. Du trägst einen Ring. Die Ältesten haben dich verbannt. Alle haben Angst vor dir, du hast keinen Platz, wo du bleiben könntest. Deine eigene Mutter hat dich verraten, und nun kannst du nur hoffen, dass dein Vater und dein Partner sich ihrer Angst widersetzen und sich gegen sie ganze Kolonie stellen, um dich wieder aufzunehmen. Selbst wenn sie das tun und es ihnen gelingt, werden die anderen dich immer hassen. Keine besonders guten Aussichten… Aber sie durfte darüber nicht nachdenken. Einfach handeln, weniger überlegen. Marina schloss zu den anderen auf, bedeckte mit dem Haar ihr Gesicht und mit dem Flügel ihren Ring. War das da Leon? Und da, war das nicht Cheyvenne neben ihm? Die beiden waren zusammen mit Sue und Claire unterwegs. Alle machten sie einen traurigen Eindruck, Sanka, die bei ihnen flog, allerdings nicht. Der Anblick schnürte Marina die Kehle zu. Ein Moment der Unachtsamkeit…und der nächste, erfüllt von einem schrillen Schrei. „Oh Gott, das ist sie! Steh uns bei, Nocturna!“ Sofort steckte die Fledermaus, die den Ring entdeckte hatte, alle anderen mit ihrer Hysterie an. Geschrei, wohin Marina auch sah. Und dann Sankas wütendes Gesicht. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst verschwinden, Dreckstück?“, fauchte sie. Hilfesuchend blickte Marina zu ihrem Vater. Der allerdings setzte nur einen kalten, harte Gesichtsausdruck auf, bemüht, seine Trauer zu verbergen. Es wäre ihm gelungen, hätte Marina ihn nicht so gut gekannt. Claire schluchzte wieder. Cheyvenne ebenso. Unter Sues Blick verstummte er allerdings. Und wieder hatte Marina die ganze Kolonie gegen sich. „Verschwinde!“ „Wir wollen dich hier nicht haben!“ „Lass dich nie wieder blicken!“ „…unrein…unrein…unrein…“ Immer wieder dieser Sprechchor. Dann lösten sich aus dem einzigen Strudel hellen Fells vier kräftige Schatten. Marina brauchte nicht lange, um vier junge Männchen zu erkennen. Sie kannte drei von ihnen, und mit denen war nicht gut Kirschen essen. Der letzte sah am brutalsten aus. Und ihre Mienen… Sie alle fletschten die Zähne und kamen bedrohlich auf Marina zu, während der Sprechchor anhielt. „..unrein…unrein…unrein…“ Die Umgebung verschwamm vor Marinas Augen. Tränen verschleierten sie. Mit einem letzten Schrei kämpfte sie sich durch die feindliche Menge. Die Männchen verfolgten sie. Sie schlug schneller mit den Flügeln. So einfach würden sie sie nicht kriegen! In rasendem Tempo ließ sie die Kolonie hinter sich. Bäumen, Wälder, Felder, alles rauschte an ihr vorbei, ohne, dass sie es mitbekam. Erst gegen Mitternacht blieb sie stehen. Sie sah sich wachsam um. Niemand zu sehen. Kein Glanzflügel und auch sonst keine Fledermaus. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht war. Wenigstens wollte ihr fürs Erste niemand mehr an den Kragen. Nun hatte Marina auch Zeit, sich die Umgebung genau anzuschauen. Sie staunte, als sie sah, wo sie gelandet war. Vor ihr erstreckte sich eine riesige, blau schimmernde Fläche, die niemals aufzuhören schien. Die Oberfläche kräuselte sich, weißer Schaum wurde hin- und hergewirbelt. Marina wusste, wo sie hier gelandet war. Das Meer. Und nach einem weiteren Blick in die wilden Wellen, die es aufwarf, fasste sie einen Entschluss.

Chapter 9: Flight over the sea

Um Marina herum war Nacht. Der Morgen würde noch einige Stunden auf sich warten lassen. Und selbst wenn nicht, es war egal. Eulen spielten jetzt keine Rolle mehr. Nichts spielte mehr eine Rolle. Nur dieses Wasser, das unter Marina dahinsauste. Sie blickte in die tiefblauen Wellen, die weißen Schaum aufwarfen. Der salzige Geruch des Wassers drang ihr in die Nase. Obwohl sie viele Meter darüber flog, konnte sie die Kälte des Meeres nahezu spüren. Sie schien aufzusteigen wie ein blasser Dunst, Marina gefangen zu nehmen. Der Wind blies ihr durchs Fell und erzeugte, als er durch den Ring fuhr, ein pfeifendes Geräusch. Über dem Meer war es immer windig. Marina hatte so viele Geschichten über diese endlose Wasserfläche gehört… Sie schien nirgends aufzuhören. Am Horizont verschmolz das Blau des Meeres nahezu mit dem dunklen Schwarzblau des Himmels. Sie stellte sich vor, wie das am Tag aussehen musste. Sie hatte Legenden gehört, dass der Himmel am Tag klar und blau war, gelegentlich durchzogen von weißen Wolken. In den alten Geschichten, die irgendwelche Helden, die die Sonne vor hunderten von Jahren gesehen hatten, einst in die Welt gesetzt hatten, wurde beschrieben, wie hell es am Tag war… Marina versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn der Himmel dieselbe Farbe hätte wie dieses eiskalte rauschende Wasser. Und wenn die Sonne am Himmel stünde, wenn sie warm auf sie herunterbrennen würde… Hass auf die Eulen kochte in ihr hoch. Warum enthielten sie ihnen dieses Ereignis, dessen Schönheit geradezu blendend sein musste, so lange vor? Aber eigentlich war das jetzt ja Nebensache. Nur Marina selber zählte. Und der Ring. Und diese unglaubliche Menge schäumendes Wasser. Sie durfte sich keine Gedanken mehr um die Sonne machen. Die konnte ihr sowieso bald egal sein. Sie würde sie nie wieder sehen, und auch niemals die Chance dazu bekommen. Erneut sah sie zum Himmel auf. Auch Mond und Sterne würde sie nie wieder sehen. In wenigen Minuten würde es nichts anderes mehr geben als Marina und das Wasser da unter ihr…und den Ring…aber auch der würde bald Geschichte sein. Sie stellte sich vor, wie er da unten auf dem Meeresgrund verrosten würde, wie die Fische ihren eigenen Körper Stück für Stück auffressen und sich über den Leckerbissen freuen würden… Und das alles in wenigen Minuten. Wenn Marina bereit war. Noch war sie es nicht. Und wenn sie so hinuntersah in diesen eiskalten, nassen Orkan, der rauschend unter ihr tobte, war sie ziemlich sicher, dass es auch nie so sein würde. Auf gewisse Dinge konnte man sich einfach nicht vorbereiten. Und trotzdem musste man sie tun. Noch ein Mal holte sie tief Luft. Ein letztes Mal. Sie ging tiefer. Das Wasser näherte sich ihr. Wie in Trance ließ Marina sich weiter sinken. Vergiss alles…gib dich dem Wasser hin…es wird dich von deinen Problemen befreien… Eine Welle durchnässte plötzlich das Fell an ihrem Bauch. Die Eiseskälte holte sie zurück in die Wirklichkeit. Instinktiv zog Marina sich hoch. Höher, immer höher…nur Abstand gewinnen von diesem schrecklichen Etwas, das da unten auf sie lauerte. Was tat sie da eigentlich? Sie floh vor ihrem Schicksal? Reiß dich zusammen, verdammt! Es war deine eigene Entscheidung!, schimpfte eine Stimme in ihrem Inneren. Aber sie konnte nicht. Es schien so einfach, war so leicht dahingesagt, aber sobald sie nach unten blickte, war es wieder schwer, schwerer als irgendetwas sonst. Gleich, sagte sie sich. Gleich tue ich es. Gib mir nur noch fünf Minuten. Sie flog weiter, während das Wasser weiter unter ihr strömte. Die fünf Minuten vergingen wie im Zeitraffer, dann zehn, dann eine Viertelstunde. Sie musste! Wenn nicht jetzt, dann nie! Wenn es nur nicht so schwer gewesen wäre… Marina blickte zum Himmel. Sie wollte sich ablenken, irgendetwas anderes tun… Die Sterne funkelten, der Mond leuchtete. Er erinnerte sie an das Gesicht eines der Menschen. Das habe ich doch gut gemacht, nicht wahr, Marina? Da habe ich dir ja etwas Schönes eingebrockt… Das schien es ihr zuzuflüstern. Und immer wieder die Frage: Warum? Warum hatten die Menschen das getan? Aber das war ja jetzt unwichtig, ermahnte sie sich. Alles war unwichtig… Marina hörte einen Schrei. Suchend sah sie sich um. Nach kurzer Zeit erkannte sie einen Möwenschwarm, der ebenfalls über das Meer flog. Die Schwingen der Vögel hatten eine ähnliche Form wie ihre eigenen. Die Schreie kamen von zwei spielenden Möwenküken. Sie lachten vergnügt, während sie sich zwischen den Älteren hindurchschlängelten. Und der ganze Schwarm lachte mit. Sie hatten ein so schönes Leben… Die Erkenntnis traf Marina wie ein Blitz. Nicht nur deren Leben war schön. Jedes Leben war kostbar und zu einzigartig, um es zu verschwenden. Wie hatte sie nur an Dinge wie das, was sie vorgehabt hatte, denken können? Das war Wahnsinn! Auch ihrem Leben konnte sie noch glückliche Seiten abtrotzen, wenn sie es nur wirklich wollte. Wie diese Möwenkinder es auch konnten… Sie musste zurück. Schnellstmöglich. Ihre Flügel taten weh und sie begann müde zu werden. Marina flog eine Schleife, um umzukehren. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, als sie erkannte, wie weit sie gekommen war. Das Festland war nur noch als dünner Strich am Horizont zu erkennen, und das auch nur mit viel Fantasie. Tränen stiegen ihr in die Augen. Und jetzt? Sie konnte nicht mehr, sie musste sich sehr, sehr bald ausruhen. Den Weg bis zurück würde sie nie schaffen. Wie so oft in den letzten Tagen weinte sie los. Blind vor Tränen flog sie weiter. Nun würden die tosenden Wellen sie doch noch in ihre Gewalt bekommen…aber ganz bestimmt nicht kampflos! Marina sah sich um. Gab es denn nirgends etwas, wo sie sich kurz ausruhen konnte? Ein kleines Stück Land im Wasser? Sie dachte erst, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen, als sie vor sich etwas aufragen sah, das eindeutig nicht aus Wasser bestand. Es musste eine Halluzination sein, das war sicher. Aber trotzdem machte sie sich auf den Weg. Denn was hatte sie zu verlieren? Nichts, rein gar nichts. Die Lage konnte nur besser werden. Bäume tauchten auf dem Stück Land auf. Marina sackte ab. Keine fünf Minuten mehr konnte sie fliegen. Sie war so erschöpft wie noch nie in ihrem Leben. Wenn dieser Baum, höchstens zwanzig Flügelschläge von ihr entfernt, keiner war…aber versuchen musste sie es! Sie kam ihm immer näher, flog eine Schleife um ihn herum und versuchte, sich niederzulassen. Erleichterung strömte in ihr hoch, als sie unter ihren Krallen festes Holz spürte. Sie hängte sich einfach hin, ohne Rücksicht auf irgendwas. Dazu war sie zu müde. Kaum hatte sie die schmerzenden Flügel um den Körper geschlungen, war sie eingeschlafen.

Chapter 10: Living on the island

Das Rot der untergehenden Sonne kitzelte Marinas Augen durch die geschlossenen Lider hindurch. „Guten Abend, Mum!“, rief sie gutgelaunt. Eine neue Nacht brach an; ihre liebste Zeit des Tages. Keine Antwort kam. Marina schlug leicht beleidigt die Augen auf. „Ich habe gesagt, gute A…“ Das Wort blieb ihr im Hals stecken, als sie sah, wo sie war. Rund um sie herum rauschte das Wasser, die Umgebung war nicht die vertraute Höhle der Glanzflügel. Schlagartig kam alles wieder hoch, die Erinnerungen an das, was sie durchgemacht hatte, strömten in ihr Hirn zurück. Das letzte, woran sie sich erinnern konnte, waren strömendes Wasser, unglaubliche Angst und Erschöpfung. Ein Baum, ein Hoffnungsschimmer, und dann Schwärze. Marina versuchte, aus diesen Informationen irgendetwas zu gewinnen. Wäre sie nicht fast ins Wasser gefallen? Und dann hatte sie den Baum entdeckt, richtig. Ein Baum? Mitten im Wasser? Das war doch nicht möglich! Sie spannte ihre Flügel und schwang sich in die Luft. Höher und höher schraubte sie sich, bis sie sicher war, aus dieser Höhe einiges erkennen zu können. In der mittlerweile aufgekommenen Dunkelheit war das sehr schwierig, doch immerhin konnte Marina eine Küste ausmachen. Sie folgte ihr mit den Augen, rundherum… Marina brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass die Linie im Kreis verlief. Wie nannte man noch gleich Land mitten im Wasser? Insel, das war es doch. War das so eine Insel? Von hier oben sah sie unendlich klein aus… Ein plötzlicher Windstoß rüttelte Marina durch. Sie stellte die Flügel ganz waagrecht, um wenigstens nicht allzu viel Zielfläche zu bieten. Es funktionierte, der Luftströme glitten an den Kanten ihrer Flügel vorbei. Unten hatte sie diesen heftigen Wind überhaupt nicht gespürt… Sie stellte die Flügel schräg. Sofort wurde sie nach unten gedrückt, wieder auf die Insel zu. Mit Begeisterung erkannte sie, dass sich das steuern ließ, dass man auf diese Art fliegen konnte, ohne sich selber sonderlich anstrengen zu müssen. Ein Ruck schüttelte den Körper der Glanzflügelin, als die Luft plötzlich wieder fast still hielt. Hatte der Wind sich gelegt? Oder funktionierte diese kleine Spielerei nur ab einer gewissen Höhe? Marina schraubte sich nach oben, den Blick fest gegen den Himmel gerichtet. Wie aus heiterem Himmel war der Luftstrom von vorhin wieder da, rüttelte sie kräftig durch. Marina brauchte einen Augenblick, um die perfekte Balance wieder zu finden, die sie zuvor gehabt hatte. Sie hörte eine kreischende Möwe, die über sie hinwegbrauste. Nach einem kurzen, prüfenden Blick stellte sie fest, dass der Vogel sich die Ströme auf eine ganz eigene Weise zunutze machte. Er übertrug die Kraft des Windes auf seinen eigenen Flug. Und er hielt die Flügel völlig still. Marina übte sich darin. Stundenlang, bis der Morgen schon graute. Rasch ließ sie sich nach unten treiben, um noch ein paar Insekten zu fangen. Sie jagte gerade durch einen Mückenschwarm hindurch, als sie einen Schrei vernahm. Er kam ihr vage bekannt vor. Eulen? Hieß das, es gab hier Eulen auf der Insel? Nun musste sie sich aber wirklich beeilen. Fledermäuse lebten hier ja nicht. Sie ließ sich die Küste entlang treiben, machte sich immer noch den Auftrieb des Windes zunutze, der hier zwar schwächer war, aber keineswegs weg. Vor ihr tauchte etwas Riesiges, Dunkles auf, dem sie gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte. In einem scharfen Bogen zog sie sich nach oben. Was war das für ein Ding? Es sah aus wie…hatte sie etwas Ähnliches nicht schon einmal gesehen? Das war bei den Menschen gewesen, in der Stadt…oder? „Haus“ nannten sie so etwas, glaubte Marina sich zu erinnern. Sollte sie darauf zufliegen? Oder so schnell wie möglich weg? Sie entschied sich für die erste Variante. Neugier hatte sie gepackt. Und außerdem…sie hätte das Gefühl nicht genau beschreiben können und zog es später auch vor, nicht daran zu denken, schon allein aus dem absurden Grund, weil sie sich zu dem Objekt seltsam hingezogen fühlte. Mehrere Male flog sie darum herum. Das Bauwerk sah alt und schäbig aus, heruntergekommen, dreckig, teilweise kaputt. Es hätte Marina sehr gewundert, wäre es noch bewohnt gewesen. Die Menschen mit ihrem Hang zu Luxus und Perfektion hätten das in ihren Augen hübsche Häuschen sicher keines Blickes mehr gewürdigt. Ihr Herz machte einen Hüpfer, als sie bei näherem Betrachten im Dach der kleinen Fischerhütte eine Luke entdeckte. Hineinfliegen? Ja oder nein? An sich war es Wahnsinn, dass sie diesen Gedanken überhaupt erst erwog… Erneut tönte ein Eulenschrei an ihr Ohr. Die aufgehende Sonne saß ihr im Rücken. Wenn sie nicht wegen Gesetzesbruch zerfleischt werden wollte, hatte Marina eigentlich keine andere Wahl als ins Haus zu fliegen. Wenn es hier Eulen gab, dann grenzte es an ein Wunder, dass sie überhaupt den ersten Tag hier überlebt hatte. Sie holte noch einmal tief Luft, dann huschte sie durch die Luke. Auf dem Dachboden der Hütte war es finster. Mit dem Klangsehen erkannte Marina aber, dass die Wände und Dachbalken mit Spinnweben übersät waren und dass auch sonst nichts auf die Gegenwart von Menschen hindeutete. Eigentlich ist es hier ja ganz schön, dachte sie, als sie sich an einen der Balken hängte. In dem morschen Holz fanden ihre Krallen besonders leicht Halt. Vielleicht werde ich auf dieser Insel bleiben, dachte Marina, bevor ihr die Augen zufielen.

Chapter 11: Shade Silverwing

Marina flog durch den Wald. Mittlerweile war er für sie wie ein Zuhause geworden, vertrauter als die alte Glanzflügelhöhle. Einsam war sie, ja, doch ansonsten ließ es sich hier aushalten. Zumindest im Sommer… Es war schon kühler gewesen als auf dem Festland. Marina wagte noch gar nicht an den Winter zu denken mit Schnee und Eis… Aber sie musste hier bleiben. Sonst konnte sie ja nirgends hin. In dem halben Jahr, das sie allein verbracht hatte, hatte sie sich verändert, das spürte sie mit jedem Abend, an dem sie aufwachte, mehr. Ihre Arme waren kräftiger geworden, sie konnte nun schneller fliegen als früher. Es war auch notwendig, ein Zuckerschlecken war es nicht, ganz allein zu überleben. Aber auch innerlich war sie nicht mehr die, die sie einmal gewesen war… Sie war anders geworden, gefühlskälter, arroganter, introvertierter. Als hätte sie einen eisernen Vorhang um ihre Gefühle aufgebaut, der sie vor einer erneuten Enttäuschung schützen würde. Aber wer wusste schon, wie lange der Ring noch gnädig mit ihr war? Marina kam sich vor wie die Maus, mit der eine Katze spielte, einfach aus Langeweile… Der Ring konnte sie umbringen, hatte es geheißen. Und dem Wissen der Ältesten vertraute sie bedingungslos. Sonst fühlte sie nichts mehr. Keine Trauer, keinen Zorn, keine Sehnsucht, nicht einmal mehr Angst, und erst recht keine Zuneigung. Allmählich bekam Marina den Verdacht, dass sie die Fähigkeit zu fühlen…verlernt hatte. Nun, kein großer Verlust. Schmerzen, mehr brachte das alles nicht. Oder? War da nicht noch mehr gewesen? In ihre Gedanken versunken, flatterte sie ziellos durch den Wald, als plötzlich eine leise Stimme an ihre Ohren drang. Ihre Sinne waren viel schärfer geworden auf der Insel. „He! Halt!“, rief die Stimme. Marina hörte sie nur aus weiter Entfernung, sie konnte nicht hören, von wem sie stammte. Flügelschläge. Etwas kam näher! Was war das? Nun, sie zog es vor, das nicht erst herauszufinden, wenn sie zwischen den Zähnen des Tieres steckte. Wie der Blitz wich sie den Klangblitzen aus, die das Geschöpf abfeuerte. War das eine Fledermaus? Einen Augenblick loderte in Marina fast so etwas wie Glück hoch. Endlich eine Fledermaus, nach all der Zeit, endlich, endlich… Sie schlug kurz und heftig mit dem Flügel, worauf der Ring auf ihrer Haut scheuerte. Der sanfte Schmerz riss sie in die Wirklichkeit zurück. Natürlich würde diese Fledermaus auch nur Angst vor ihr haben. So wie jeder… Marina ersparte der armen Fledermaus lieber die Panik, die sie in jedem wachrief, und wich ganz von selber aus. „Komm zurück!“, rief die andere. War das eine männliche Stimme? Wenn, dann musste es ein ziemlich junges Männchen sein… Marina schoss zwischen die bereits welken Blätter, die gerade noch an den Bäumen hingen. Sofort schalt sie sich dafür. Das Rascheln hätte sogar eine noch so dumme Mücke hören können. Sie flog auf einen ihrer Lieblingsbäume zu und hängte sie zwischen die Blätter, fest in die Flügel eingewickelt. Der kleine Spalt, den sie übrig ließ, war gerade groß genug, dass sie hindurch sehen konnte. Etwas Kleines, Dunkles schwirrte zwischen den Ästen umher, scheinbar krampfhaft auf der Suche nach irgendwas. Marina wusste, wonach… Die Fledermaus kam näher, und als hätte es das Schicksal darauf angelegt, Marinas Nerven zu strapazieren, ließ der Fremde sich auf demselben Ast nieder wie sie, kaum zwei Flügelschläge von ihr selber entfernt. Sie verharrte völlig still. Die Absichten des Fremden waren ihr nicht klar, doch sie konnte niemandem mehr vertrauen, außer sich selber…schon gar nicht einem Fremden! Sie musterte den Fledermausjungen. Sein Fell war viel dunkler als ihres, blauschwarz mit silbernen Einsprengseln. Die Flügel waren im Vergleich zu ihren eigenen kurz und breit. Ein Silberflügel? Wahrscheinlich. Dieser hier war selbst für seine Gattung ein Knirps. Marina nahm sein Gesicht unter die Lupe. Tatsächlich schien er noch fast ein Jungtier zu sein. Er hatte schwarze Augen. Marina zuckte fast zusammen, als sie bemerkte, dass darin Tränen glitzerten. In ihr loderten Erinnerungen hoch, wie es bei ihr selber gewesen war. Sie wusste ja, wie es war, allein zu sein, in einer bescheuerten Lage, nicht weiterzuwissen… Als sie noch einmal diesen Silberflügel betrachtete, schmolz der Eispanzer um ihr Herz mit rasanter Geschwindigkeit. Wie von selber kamen aus ihrem Mund die Worte: „Was tust du hier?“ Eigentlich hätte sie es viel grober beabsichtigt, aber irgendetwas an ihr…mochte diese Fledermaus. Das ist albern! Du kennst ihn nicht, und er wird dich sicher fürchten! Doch diese Stimme ignorierte sie geflissentlich. Der Kleine wirbelte herum. „Du bist eine Fledermaus!“, rief er überrascht aus. „Du bist ein Genie – natürlich bin ich eine Fledermaus“, antwortete Marina. Ein leises Lächeln glitt über ihre Lippen. Und in diesem Moment wusste sie tief in ihrem Herzen, dass dieser Silberflügel ihr ganzes Leben für immer verändern würde…




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