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Welcome to our echo chamber.

 

Die Legende der Königin Valia

 

[written by Eva]

Prolog

Hemera blickte auf die tausende glücklicher Vampyrum herab. Ihr Volk…was mit dieser Kolonie geschah oder nicht geschah, lag einzig in ihren Händen. Herrscher regierten, Diener dienten, alle Fledermäuse lebten in Harmonie und Eintracht zusammen, auch mit anderen Lebewesen. Unter ihrer Herrschaft ernährten sie sich strikt vegetarisch, Opfer gab es schon gar nicht. Das hatte jahrtausende lang den Frieden im Dschungel gesichert und den Vampyrum ein unbeschwertes Leben ermöglicht. Doch das Glück, auf das Hemera herabsah, war in Gefahr. Tief in ihrem Herzen hatte sie es immer gewusst, doch nun drang die Ahnung an die Oberfläche, wurde zur Gewissheit. Eine dunkle Bedrohung, noch kaum mehr als ein Schatten, glitt auf diese unschuldigen Wesen zu, bereit, sie in einem Strudel aus Gewalt und Tod zu verschlingen. Sie musste es verhindern, das wusste sie. Doch würde sie die Macht haben, gegen ihn anzukommen? Gegen ihren größten Widersacher, der immer darauf bedacht gewesen war, jede Fledermauskolonie im Dschungel unter seine Herrschaft zu bringen? Konnte man ihn besiegen, den Herrscher der Unterwelt?



Königin Valia

„…und wenn ihr euch nicht einigen könnt, dann wechselt ihr einander eben ab.“ Die beiden Vampyrumpriester blickten einander an, dann nickten sie. „Eine sehr gute Idee, Majestät.“ Die beiden verbeugten sich vor ihrer Herrscherin, dann eilten sie aus dem Thronsaal. Königin Valia seufzte. Manchmal war es viel zu schwierig, ein ganzes Vampyrumreich zu regieren. Manche der Bürger rannten wirklich mit jedem Problem zur Königin. Es machte Valia nichts. Eigentlich genoss sie es ja, das Vampyrumreich zu regieren. Sie mochte es, den Fledermäusen helfen zu können, deren Probleme mit ihrer gelassenen Art in Luft aufzulösen. Die glücklichen Gesichter jedes einzelnen in ihrem Volk, ob Lord oder Diener, waren ihr Belohnung genug. Valia war eine gerechte Königin, sie sah sich als Dienerin der Vampyrum anstatt umgekehrt. Immer, wenn sie nicht weiterwusste, flüsterte ihr die Göttin des Tages, Hemera, im Schlaf etwas ein. Ja, Valia war glücklich und zufrieden, es fehlte ihr an nichts. Nur manchmal war es ziemlich ermüdend, Erwachsene um Kleinigkeiten zanken zu sehen wie Jungtiere, und dann auch noch Kompromisse durchzukämpfen, die selbst einem noch so dämlichen Insekt eingefallen wären. Diese Nacht war eine solche. Müde lehnte Valia sich gegen die Lehne ihres Thrones. Es fühlte sich selbst nach Jahren noch merkwürdig an, auf dem Hintern zu sitzen, anstatt richtig zu hängen, wie es sich für Fledermäuse gehörte. Doch nachts machte das einfach mehr Eindruck. Wenn der Mond durch eine Öffnung in die Pyramide fiel und ihr goldenes Band, das sie als Krone um den Kopf trug, zum Glitzern brachte, strahlte sie jedes Mal ungeheure Anmut aus, die jeder Anwesende sofort spüren musste. „Silja?“, fragte sie. Nichts regte sich. Sie rief lauter. „Silja!“ „Ja, Herrin?“ Eine junge Dienerin betrat den Raum, mit gesenktem Kopf. Valia seufzte. „Silja, du dienst mir, seit du ein Jungtier bist, du bist für mich so gut wie meine Tochter. Lass die Herrin doch mal Herrin sein, ich bin Valia.“ „Ja, Herr…Valia. Was kann ich für Euch tun, Hoheit?“ Die Königin seufzte erneut. Dieses Mädchen würde wohl nie lernen, dass sie ihrer Herrscherin wirklich nicht so viel Respekt zu zollen brauchte. „Du sollst mir nur etwas Gesellschaft leisten. Ich kann jetzt wirklich jemanden gebrauchen, er etwas freier und unbeschwerter ist als diese Hohepriester, die Tag und Nacht Hemera nachhecheln…“ Siljas Lippen verzogen sich kurz zu einem Grinsen, aber sie wurde schnell wieder ernst. „Ja, natürlich, Herrin. Wie Ihr wünscht.“ Valia schnitt ihr eine sehr unköniginnenhafte Grimasse. „Benimm dich einfach so, als wäre ich deine ältere Schwester Deena. Da bist du immer so locker…“ Die Tür der Pyramide flog auf. Ein stattliches junges Vampyrummännchen trat ein. Valias Sohn Marzio. Siljas Augen leuchteten auf. Es war unmöglich zu übersehen, dass sie eine ganz besondere Schwäche für den Prinzen hatte, doch natürlich hätte sie das in ihrer Ehrfurcht nie zugegeben. Dabei hätte Valia sich keine bessere Partnerin für ihren Sohn vorstellen können. Seine Auserwählte würde immerhin als Valias Nachfolgerin regieren. „Mutter“, begann Marzio. Schon das brachte die Angesprochene wieder zum Seufzen. Warum musste er so förmlich sein? Konnte er nicht einfach Mami sagen? Warum waren alle so…so steif? „Ja?“, fragte sie gezwungen. „Ich soll dir von den Hohepriestern bestellen, sie brauchen dich für eine Zeremonie Hemera zu Ehren.“ Valia erhob sich. Schon war sie wieder besser gelaunt. Sie mochte die Feste, die man für die Göttin feierte. Gefolgt von Silja und Marzio schwebte sie in den Altarraum. Ein Priester hatte das Zepter erhoben und hielt nun eine Rede. Nicht wirklich eine Rede, eher eine Art Singsang, der wunderbar zu seiner tiefen Stimme passte. Valia, die wusste, was sie zu tun hatte, ließ sich neben ihm nieder und stimmte in die sanften Klänge ein. Solche Feste waren immer etwas ganz Besonderes, für die ganze Kolonie. Dann konnte man Hemeras Anwesenheit fast spüren… Blieb es in der Kammer hier unten auch dunkel wie immer, es war jedes Mal aufs Neue wunderbar, einen leichten Beigeschmack des Tageslichtes zu kosten, den der Geist der Göttin mit sich brachte. Dieser sanfte Hauch vertrieb jedes Mal Sorgen und Probleme aus den Köpfen der Betenden, doch Valia fühlte, dass diesmal irgendetwas…anders war. Und sie schien nicht die einzige zu sein, die das spürte. Die Verkrampftheit ihrer Untertanen konnte sie geradezu fühlen, sie lauerte da, wo die Vampyrum sonst Gelegenheit hatten, sich zu entspannen. Und als hätte sie es schon gewusst, ging plötzlich die Tür auf. Ein junger Vampyrum trat ein. Er senkte den Kopf, wartete aber nicht wie sonst auf eine Erlaubnis, zu sprechen. „Hoheit, ich bitte Euch, ihr müsst sofort mit mir nach draußen kommen. Irgendetwas stimmt da nicht.“ Valia nickte. Ich komme, wenn die Zeremonie beendet ist. „Es muss aber jetzt sein.“ „So dringend?“ „Ja.“ Valia sah in die Runde. „Cho, Merian, Sentax, Glenn, Marzio und Silja, ihr kommt bitte mit.“ Warum so viele? Denkst du etwa, das wird nötig sein? Valia wusste es ja selber nicht, sie hatte einfach das Gefühl, es wäre besser, wenn mehrere mitkamen. Als hätte sie die Bedrohung schon gespürt…doch das war ja absurd. Noch nie war ihr Reich bedroht gewesen, es war so friedlich, dass es im Palast nicht mal Wachen gab. Wie also hätte sie darauf kommen können, dass sich da etwas Gefährlicheres zusammenbraute, als sie ahnte? Doch all das durchdachte sie gar nicht so genau, sie hatte schon immer lieber intuitiv gehandelt. Gemeinsam mit den anderen sechs flatterte sie zum Tor.


Cama Zotz

Als Valia die Hitzewelle des nächtlichen Dschungels entgegenschlug, schnappte sie nach Luft. Allerdings lag das nicht an der Temperatur; die war sie gewöhnt. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Nicht so verdunkelt, wie er es jede Nacht tat, sondern es war stockfinster. Keine Sterne, kein Mond, sie wäre völlig blind gewesen, hätte sie sich nicht auf ihre Echosehen verlassen können, das ihr immer noch gestochen scharfe Bilder lieferte. Und was für Bilder…selbst mit den Ohren nahm sie die Dunkelheit noch wahr, so fest und undurchdringlich war sie. Sie vertrieb selbst die Gedanken an Licht. Und sie war kalt…obwohl es im Dschungel so heiß war wie jede Nacht, herrschte zugleich eisige Kälte. Es war das Unheimlichste, das Valia je erlebt hatte. Doch das Schlimmste war, dass sie die Gegenwart von etwas anderem spürte, von etwas Bösem, Dunklem, das eigentlich nicht einmal richtig lebte. Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Eine gefiederte Schlange, ein doppelköpfiger Jaguar und pupillenlose Augen. Sie schnappte entsetzt nach Luft, als ebendiese Augen plötzlich rot am Himmel aufglühten. Das Licht, das sie verströmten, war in keinster Weise irgendwie warm oder tröstlich, wie Licht es an sich hatte, es verstärkte die Kälte nur noch eher. Doch immerhin war es hell genug, dass man auch mit den Augen etwas erkennen konnte. Eine riesige, uralte, einfach hässliche Fledermaus verdeckte mit ihren Flügeln den Himmel. Wobei „hässlich“ nicht so sehr auf das Aussehen bezogen war, eher auf die Aura, die um das Wesen herum lag. Aber gerade hübsch war der reptilartige Riese auch nicht gerade, eher im Gegenteil. Doch das waren Nebensächlichkeiten; die Absichten, die er hegte, zählten. Auch wenn Valia ohne Zweifel wusste, dass die nicht wesentlich besser waren als sein Aussehen… „Wer bist du?“, rief sie dem…Etwas mit unterdrückter Furcht entgegen. Die Antwort kam nicht wie erwartet aus dem Maul des Riesen, sondern entstand in den Köpfen seiner Zuhörer, wie es sonst nur bei Gebeten zu Hemera passierte. Es war, als nistete ein Hauch dieses Etwas in ihren Gehirnen. „Cama Zotz“, sagte es. „Der einzig wahre Gott für euch Vampyrum, der Gott der Unterwelt. Ihr könnt nicht unter der Herrschaft von Hemera leben, ihr seid Fleischfresser, ihr seid mächtige Wesen, zu mächtig, um in Frieden mit schwächeren Geschöpfen zu leben und euch mit dem zufrieden zu geben, was ihr habt! Ihr verdient mehr, unendlich viel mehr! Kommt zu mir, und ich werde dafür sorgen, dass ihr bekommt, was euch zusteht!“ Valia war völlig überrumpelt, aber noch klar genug im Kopf, um die Situation sofort mit ihrem analytischen Verstand zu erfassen. Auch, wenn es nicht so geklungen hatte, es war eine Drohung gewesen, ganz eindeutig. „Nein, das werden wir nicht!“, schrie sie. Obwohl sie am ganzen Leib zitterte, bei der bloßen Vorstellung, Cama Zotz, dem blutrünstigsten aller Götter, gegenüberzustehen, klang ihre Stimme fest, kräftig und entschlossen. Die roten Augen am Firmament verengten sich zu Schlitzen. „Ach, ist das so?“, gurrte das Wesen mit überraschend heiterer Stimme. „Warum fragen wir nicht mal die anderen? Die Jungtiere, die weniger alt und verknöchert sind und bereit sind, sich neue, bessere Vorstellungen durch die Köpfe gehen zu lassen?“ Valia drehte sich zu Marzio, Silja und den anderen um. Sie war sich völlig sicher, alle sechs würden ihre beistehen. „Nun gut, dann sagt mal, haltet ihr das etwa für gut, was euch der erzählt?“ Alle senkten sie die Köpfe, nur Marzio blickte ihr weiterhin fest in die Augen. Kein gutes Zeichen… „Mutter“, begann er. „Natürlich klingt das sehr plausibel. Warum sollten wir uns mit weniger zufrieden geben, wo wir mehr haben könnten?“ Valia klappte der Mund auf. Cho, Merian, Sentax und Glenn nickten zustimmend, froh, dass der Prinz die Worte ausgesprochen hatte. Valias Blick huschte zu Silja. „Und du? Bist du auch ihrer Meinung?“ Silja druckste einen Moment herum. „Natürlich möchte ich Euch niemals untreu sein, Majestät, aber die Vorstellung, mehr zu haben, naja, es ist…verlockend.“ Erneut hörte Valia Zotz’ Stimme. „Nicht nur mehr zu haben, Kleines. Du denkst an Land, an Fläche zum Leben, aber das ist das Wenigste. Ihr könntet über alle Wesen im Dschungel herrschen, das Wort der Vampyrum würde Gesetz sein…ihr könntet auch beginnen, Fleisch zu essen. Habt ihr es jemals gekostet, seinen warmen Geschmack, das Blut, das euch von den Lippen tropft, sein leicht salziger Geschmack…“ Valia würgte. Es war ekelig, nur ekelig. Und grausam. Schon bei der Vorstellung, Fleisch im Mund zu haben, kam sie sich vor wie eine Mörderin. Umso mehr überraschte sie die Reaktion der Jungtiere. Sie alle hatten die Augen geschlossen und lauschten genüsslich. Marzio leckte sich mit der Zunge die Lippen, und Merian sabberte sogar ein wenig. Einzig Silja schien hin- und hergerissen zwischen der Vorstellung dieser Delikatesse und der Treue zu ihrer Königin. „Ja, das ist lecker, nicht wahr? Ihr könntet viel davon haben, so viel, wie ihr wollt. Auf ein Wort von euch würden die Tiere sich freiwillig für euch opfern, ihr wärt die absoluten Herren des Lebens…“ Valia drehte sich um und rauschte zurück in die Pyramide, ohne ein Wort der Erklärung. Die anderen Vampyrum würden ihr beistehen, das war klar. Sie würden Hemera treu sein, und sie würden Zotz vertreiben können…oder? Sie betrat den Gebetsraum. Die anderen saßen stumm da, den Blick fest auf den Hohepriester gerichtet, der allerdings lieber aus der Tür hinaussah und überlegte, was geschehen sein mochte, als das Gebet für Hemera fortzusetzen. „Folgt mir!“, befahl Valia. „Ich brauche die Meinung des Volkes!“ Etwas verwirrt, aber stets gehorsam, erhoben die Vampyrum sich und folgten ihrer Königin ins Freie. Zotz hatte geduldig auf sie gewartet und es sich während ihrer Abwesenheit verkniffen, den Jungtieren das Hirn vollzusülzen. Valia hörte hinter sich Entsetzensschreie, als ihr Volk Zotz erblickte, doch sie glaubte, ebenso Bewunderung herauszuhören. Rasch berichtete sie die Ereignisse der letzten paar Minuten. Dabei sparte sie auch nicht mit ihren eigenen Emotionen während der ganzen Sache. Anschließend trug Zotz seine Sichtweise vor, ebenso schleimig wie zuvor. Und wieder beobachtete Valia, wie genau dasselbe geschah, wie zuvor. Die Jungtiere lauschten ihm begeistert, die Älteren verzogen wie sie selbst das Gesicht. „Das ist eine Unverschämtheit!“, empörte sich einer der Hohepriester Hemeras. „Verschwindet, Zotz! Hier habt Ihr nichts zu suchen. Wir gehören Hemera und werden das auch immer tun!“ Valia spürte irgendwo in ihrem Bewusstsein eine leichte Welle der Wut. Erschrocken schüttelte sie sich. Sie durfte sich nicht auch mitreißen lassen! Sie musste dagegen ankämpfen! Versuchte dieser Gott, ihren Geist zu manipulieren? Nun meldete sich einer der Novizen des Hohepriesters zu Wort. „Aber Cama Zotz scheint es doch gut mit uns zu meinen. Denkt doch mal, was für ein Leben wir führen könnten…“ Der Zorn, der dieses Mal in Valias Herzen aufwallte, kam von ihr selbst. Sie wollte etwas sagen, doch der Hohepriester war gerade dabei, seinen Lehrling zur Schnecke zu machen. Er ohrfeigte und beschimpfte ihn vor allen anderen. Valia wollte eingreifen, doch auch dazu kam sie gar nicht erst. Bevor sie sich auch nur eine Möglichkeit, die beiden zu versöhnen, gefunden hatte, brach überall um sie herum plötzlich Streit aus. Eltern beschimpften ihre Kinder, Großeltern ihre Enkel, und Freunde rauften auf dem Boden. Das reinste Chaos…und keiner hielt sich heraus. Jeder schlug sich auf die eine oder andere Seite, niemand blieb neutral oder auch nur vernünftig. Obwohl Valia von Zotz nur die Augen sehen konnte, wusste sie, dass er hämisch grinste. „Na, große, weise Königin? Wie willst du jetzt noch das Richtige tun? Gedenkst du, deine Kolonie zu trennen? Oder sollen sie vereint bleiben? Egal, was du machst, es ist verkehrt…es sein denn, du entscheidest, die Vampyrum ganz unter meinen Befehl zu stellen…“ Valia wusste, dass sie die einzige war, die diese Stimme hören konnte. Er sprach zu ihr, nur zu ihr. Dann tat Zotz das Grausamste überhaupt: Er wandte sich wieder an die Kolonie. „Hört mir zu! Eure weise Königin hat eine Entscheidung getroffen; sie wird tun, was sie für das Richtige hält. Was jetzt mit der Kolonie geschieht, liegt allein in ihrer Verantwortung!“ Hunderte Köpfe wandten sich ihr zu. Ihr Mund wurde trocken. Wie konnte er das tun? Hemera, hilf mir! Aber Hemera schien verschwunden zu sein, ob freiwillig oder unfreiwillig, in der Nähe war sie nicht. Valia spürte die Ungeduld der Untergebenen fast auf dem Fell. „Also gut“, rief sie entschlossen. „Wer von euch ist dafür, Cama Zotz als neuen Gott anzuerkennen?“ In der sicheren Erwartung, die wenigsten würden sich melden, entspannte sie sich. Im nächsten Moment war der Schreck umso größer. Da waren Flügel in der Höhe, viel, viel mehr Flügel als die Hälfte. Der Großteil der Kolonie. Sie musste etwas unternehmen! „Überlegt doch mal! Wir würden zu skrupellosen Mördern werden!“ „Mutter!“, meldete sich Marzio. „Cama Zotz wird uns ein besseres Leben ermöglichen!“ „Gar nichts wird er!“, hielt sie dagegen. „Außer, uns gegen den Rest des Dschungels in den Krieg zu führen!“ Wieder brannte allgemeiner Streit aus. Es war ziemlich klar geteilt; die Jungen gegen die Alten. „Wir werden Hemera für immer treu bleiben!“, hieß es auf der einen Seite, und „Die Zeit ist reif für eine Veränderung zum Guten“, auf der anderen. Die Kolonie würde sich spalten müssen, wenn sie nichts unternahm! „Hört mir zu!“, rief sie. „Die Meinungen hier sind sehr unterschiedlich, wollt ihr, dass eure Kolonie, eure lebenslange Heimat, einfach so zerfällt? Genau das wird nämlich passieren, wenn ihr so weitermacht. Wir müssen einen Kompromiss finden! Im Reich der Vampyrum sollen beide Götter gleichermaßen verehrt werden, sowohl Zotz als auch Hemera. Es steht jedem frei, sich für den einen oder den anderen zu entscheiden. Beide Glaubensgemeinschaften werden gleichberechtigt sein, niemand wird den anderen überlegen sein!“ Valia wusste ja selber, dass dieses System nicht funktionieren konnte, doch sie unterdrückte die Stimme der Vernunft, die ihr das unablässig einflüsterte. Sie konnte doch nicht die Kolonie aufteilen! Dann würde es erst recht zu Streitigkeiten um die Pyramide kommen, und später zu richtigen Kriegen. Dennoch kam von allen Seiten lautstarkes Gemurmel, einiges davon protestierend. Bevor jemand sich ernsthaft beschweren konnte, rief sie: „Ich bin eure Königin, ich sage, es geschieht so, also geschieht es so! Habt ihr das alle verstanden? Und können wir jetzt wieder zum normalen Alltag zurückkehren?“ Die Luft um sie herum erwärmte sich langsam, die Augen am Himmel verblassten, Sterne und Mond durchdrangen wieder die Finsternis. Die Vampyrum flogen zurück in ihre Pyramide, um so gut wie möglich den normalen Alltag wieder herzustellen.


Die Opferung

Anfangs funktionierte es. Hemeras Untertanen beteten nach wie vor zu ihr, Zotz’ Diener widmeten ihm ihre Rituale. Jeder achtete auf ganz eigene Weise den Glauben des anderen. Aber dann begann die Sache mit den Opfern. Noch wusste es keiner der Anhänger Hemeras, was sich auf der anderen Seite abspielte. Bis dann eines Nachts Valia während ihrem Streifzug am Altarraum vorbeikam. Drinnen knieten Vampyrum, den Kopf demütig gegen den Boden gepresst, und nur der oberste Priester durfte aufrecht stehen. Valia schüttelte sich vor Zorn. Sie hasste es, wie willenlos diese unschuldigen Geschöpfe sich diesem blutrünstigen Monster Cama Zotz unterwarfen. Und sie hasste ihn, den Gott, der ihre Kolonie gespalten hatte. Doch mehr dachte sie sich nicht. Sie würdigte die Zeremonie keines weiteren Blickes und wollte sich schon hinausfliegen, als sie plötzlich einen Schrei hörte. Keinen leicht erschrockenen, aber im Grunde harmlosen Schrei. Auch nicht das fröhliche Geschrei spielender Jungtiere. Ein wahrhaft entsetzlicher Schrei war es, der einen die Todesangst, die sein Urheber durchleiden musste, sofort fast am eigenen Leib spüren ließ. Und er kam aus dem Altarraum, eindeutig. So entschlossen Valia auch gewesen war, dem keine Beachtung zu schenken, jetzt musste sie eingreifen. Wer konnte schon wissen, was diese Irren da drin trieben? Jemandem, der Hemera für den Gott des Todes aufgab, war ja schon einiges zuzutrauen, aber wenn gleich ein ganzer Haufen von denen beisammen war… Valia stürmte in die Kammer, in der sie sich früher, als dort einzig Hemera angebetet worden war, immer so wohl gefühlt hatte. Was sie sah, war das Schlimmste, das sie je zu Gesicht bekommen hatte. Hunderte Fledermäuse lagen demütig auf dem Boden, sie alle starrten auf eine Stelle am Altar. Valia erkannte auch Silja, doch das war eigentlich Nebensache. Der gesamte Altar glitzerte flüssig rot. Blut tropfte über die Kanten. Ein totes Vampyrumjungtier lag reglos darauf. Immer noch sickerte der rote Saft des Lebens aus einer Wunde mitten in seinem Herzen und verlor sich scheinbar in dem dunklen Fell, ehe er weiter unten in kleinen Bächen wieder herausrann. Valia konnte nicht hinsehen. Stattdessen richtete sie ihren Blick auf den Priester. Er hielt einen Stab mit einem sehr spitzen Ende in der Hand, der noch auf das Junge gerichtet war. Selbst von der Spitze tropfte noch Blut, es hatte sich sogar im Fell des Priesters verfangen, und zwar in solchen Massen, dass man nicht so schlau sein musste wie Valia, um zu erkennen, dass dies keineswegs das erste Opfer gewesen sein konnte. Wegen dem teilweise schon geronnenem Blut im Gesicht erkannte Valia den Priester auch erst auf den zweiten Blick. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle. „Marzio! Was soll das werden? Weißt du, was du hier tust? Hast du auch nur eine Ahnung? Du hast das abscheulichste Verbrechen der Welt begangen, du…du…“ Am liebsten hätte sie sich heiser geschrieen mit Beschimpfungen, doch ihr fehlten einfach die Worte. Also schnappte sie einfach nur nach Luft, wie ein Karpfen, der irgendwie versehentlich aus seinem Reich, dem Wasser gerissen wurde, in ein völlig fremdes Territorium, wie die Luft, wo er sich nicht zurechtfand, ein Lebensraum, in dem Gesetze herrschten, die ihn langsam, aber sicher umbringen würden. Und genau so fühlte Valia sich selbst auch. Gestrandet in einer Welt, die sie Stück für Stück vernichtete. Und wem hatte sie das zu verdanken? Cama Zotz. Er hatte ihr erst die Untertanen genommen, dann das Zuhause und jetzt sogar das Leben von Fledermäusen…und wie es aussah, auch den Sohn. Marzio lächelte nur hämisch. „Cama Zotz hat nach Opfern verlangt, Mutter. Und manchmal will er eben Vampyrum als Opfer haben, wir müssen das akzeptieren, wenn er es so will.“ In Valias Augen traten Zorntränen. „Wie kannst du so sprechen? Dieses Jungtier könntest ebenso gut du sein. Es ist immer falsch, Leben auszulöschen, ob es nun einem Insekt, einem Vampyrum oder einem Gott gehört.“ Einen Augenblick, so kurz, dass Valia es nicht einmal bemerkt hätte, wenn sie nicht Marzios Mutter gewesen wäre und ihn seit seiner Geburt in- und auswendig kannte, wirkte er hin- und hergerissen, zwar nicht überzeugt, aber immerhin. Doch sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Wenn unser Gott es verlangt, dann müssen wir das tun. Das weißt du selber.“ „Ja, Marzio, ich weiß, dass man seinem Gott immer gehorchen muss, deshalb sollte man von vornherein gleich den richtigen auswählen. Nicht einen, der von uns verlangt, zum Spaß Blut zu vergießen.“ Damit rauschte sie aus dem Raum, in der Hoffnung, Marzio wenigstens ein schlechtes Gewissen gemacht zu haben. Doch sie bekam nicht mehr mit, wie er leise zischte: „Das wirst du mir büßen, dass du mich vor allen lächerlich gemacht hast, Mutter. Ich werde sämtliche Diener Hemeras auslöschen, und wenn es das letzte ist, was ich tue!“


Die Verschwörung

Silja hatte von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt. Es war ihr zuwider gewesen, etwas zu tun, das ihre Königin nicht billigte. Doch sie war fasziniert von ihm. Cama Zotz. Immer wieder ließ sie sich den Namen auf der Zunge zergehen. Fremdartig, aber doch vertraut…er hatte etwas, das ihr warme Schauer über den Rücken jagte. Sie hatte sich sofort mitreißen lassen von seinen Beschreibungen, wie das Leben sein konnte. Den Geschmack des Fleisches hatte sie schon bei seiner Erzählung auf der Zunge geschmeckt, ebenso wie den Geschmack der Macht, die sie haben konnte. Nur die Sache mit den Opfern war ihr nicht geheuer, doch das nahm sie in Kauf. Eine Nebensächlichkeit, etwas störend, aber durchaus nicht unangenehm genug, um Zotz sausen zu lassen. Mit Valias Reaktion sah es da schon etwas anders aus. Silja hatte die ganze Opferzeremonie verfolgt, einschließlich des Auftretens ihrer Königin – und Marzios Drohung am Ende, die sie im Gegensatz zu Valia sehr deutlich gehört hatte. Es machte ihr Sorgen. Große Sorgen. Es war schon beunruhigend genug, zu sehen, wie die Vampyrum sich untereinander stritten, doch die beiden mächtigsten Fledermäuse der Kolonie, nämlich Königin und Prinz, im Clinch zu sehen, das war erst richtig schlimm. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Auf ihren Verstand hören? Der sagte: Zotz kann dir zu Macht verhelfen, der Macht, die du nie gehabt hast und nie haben wirst! Valia hat das schont, natürlich braucht sie nicht noch mehr. Aber du? Du, eine Dienerin, könntest Untergebene haben. Wie wäre das? Oder sollte sie tun, was ihr Herz flüsterte? Silja! Wie kannst du nur? Königin Valia hat dich großgezogen, seit deine Eltern tot sind! Ohne sie hättest du nicht einmal deine Jungtierzeit ganz erlebt. Es ist nur fair, dass jeder seinen Platz im Leben hat, und deiner ist der der Dienerin. Das ist immer so gewesen, wird auch immer so sein. Und du bist doch nicht unzufrieden, oder? Du bist von allen Sklavinnen noch die glücklichste und wirst von allen am besten behandelt. Und dann ist da noch Valia. Sie hat dir das Leben gerettet. Und was machst du als Gegenleistung? Außerdem, denk doch an die Sache mit den Opfern! Das sollte dir eigentlich schon verraten, wie dein neuer Gott ist… So stritten die Stimmen die ganze Nacht in ihrem Kopf und hinderten sie an der Arbeit. Am Tag dagegen hielten sie sie ewig lange wach. Sollte sie an sich selber denken oder an die anderen? Kam es überhaupt auf die Meinung einer Dienerin an? „Silja?“ Einmal mehr wurde sie brutal in die Wirklichkeit zurückgerissen. Sie dackelte in den Thronsaal, wo Marzio sich auf Valias Thron breit gemacht hatte. Die Königin selbst war im Dschungel spazieren geflogen. „Ja, Hoheit?“, fragte sie demütig. Dabei hob sie immer wieder unbeobachtet den Kopf und betrachtete den Prinzen. Er sah wirklich wundervoll aus… „Ich wünsche, dass du meinen Thronsaal säuberst!“ In ihr kochte die Wut hoch. Mochte er noch so anziehend oder noch so mächtig sein, ein kleiner Rest Treue Valia gegenüber war Silja noch geblieben. Seid Ihr verrückt geworden? Dies ist Valias Thron, und solange ich lebe, wird ihn ihr kein größenwahnsinniger Halbwüchsiger wegnehmen! Diese Worte gingen ihr durch den Kopf, sie wollte sie hinausbrüllen, ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Allerdings wurde nur ein klägliches „Ich dachte, dieser Thronsaal gehöre offiziell Eurer Mutter?“, daraus. Marzio verzog die Lippen zu einem Grinsen. „Ja, bis jetzt. Aber nicht mehr lange. Ich bin der rechtmäßige Erbe, sollte ihr etwas zustoßen, und ich habe so das Gefühl, dass bald allen Untertanen Hemeras etwas zustoßen wird, sehr bald…vielleicht heute Nacht…“ Er lachte grausam. Das Geräusch ließ in Silja Erinnerungen an die roten Augen am Himmel aufleben. Sie schluckte eine Antwort und eine Träne hinunter. Stattdessen nickte sie nur und begann, den Boden von Schmutz und Staub zu befreien. Aber dabei hegte sie nur einen Gedanken: Sie musste Valia warnen!


Flucht

Valia glitt zur selben Zeit nichts Böses ahnend durch den Dschungel. Sie brauchte die Ruhe hier. Sie wollte ihren Gedanken freien Lauf lassen, doch sobald sie das tat, wirbelten sie wie eine Achterbahn durch ihren Kopf und machten es ihr unmöglich, einen herauszupicken und sich enger damit zu befassen. Eine Stimme hinter ihr riss sie aus ihren Träumen. „Majestät! Hoheit!“ Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Silja hinter ihr wie eine Hysterische kreischte. „Was ist denn?“, fragte sie stirnrunzelnd die Dienerin. Diese holte erst einmal tief Luft. „Königin, Euer Sohn, er…“ Sie war so durcheinander, dass sie, zu Valias Zufriedenheit, sogar vergaß, den Kopf zu senken. „Ja? Was ist mit Marzio?“ „Er plant einen Hinterhalt gegen Euch! Er will sämtliche Anhänger Hemeras überfallen, heute Nacht noch, und dann wird er Euch und die anderen…“ Valia blickte ungläubig drein. „Es ist wahr! Flieht, Majestät! Ich werde Euch Deckung geben!“ Die Königin blickte ihrer Dienerin tief in die Augen. Sie konnte es kaum glauben. Doch hatte sie nicht selbst gesehen, wozu ihr Sohn fähig war, vor allem, wenn Cama Zotz seinen Geist verwirrte? Und diese Augen…diese Angst darin…es war unmöglich, dass Silja log! Um etwas falsch verstanden zu haben, war sie einfach zu klug. Und sie hätte Valia nicht davon erzählt, wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher gewesen wäre. Es blieb ihr, so ungern sie es tat, gar nichts anderes übrig, als diese Behauptung für bare Münze zu nehmen. „Ich danke dir, Silja. Ich danke dir wirklich sehr! Wahrscheinlich hast du soeben hunderte von Leben gerettet! Ich bin stolz auf dich…du warst für mich immer wie eine Tochter. Und ich wünschte, mein richtiges Kind wäre etwas mehr so wie du…leb wohl, Liebes!“ Sie drückte ihrer Dienerin einen liebevollen Kuss auf die Lippen, und ein unbeteiligter Beobachter hätte sie in diesem einen Augenblick tatsächlich für Mutter und Tochter gehalten. Dann schoss Valia davon, zur Pyramide, und ließ eine sowohl stolze, als auch glückliche und gleichzeitig traurige und überraschte Silja im Dschungel zurück. Sie kurvte zwischen Mangobäumen hindurch, so schnell es nur irgendwie ging. Wenn es nur noch nicht zu spät war… Ihre Erleichterung kannte kaum Grenzen, als sie an der Pyramide ankam. Noch schien alles völlig in Ordnung zu sein. Valia kannte jeden einzelnen ihrer Untertanen gut genug, um zu wissen, wer von ihnen Hemera treu geblieben war und wer zu Zotz übergewechselt war. Zu Hemeras Dienern flüsterte sie: „Komm zur Quelle des Flusses.“ Mehr nicht. Doch es reichten einige wenige Worte der Königin, um diese Untertanen zu etwas zu bewegen. Alle trafen sich ohne Widerspruch dort ein. Während der Runde, die Valia drehte, wurde ihr bewusst, wie wenig der Vampyrum noch nicht Zotz verehrten, und wie viel älter die Untertanen Hemeras schienen. Nur sehr wenige Jungtiere waren dabei, die meisten hatten ein hohes Alter erreicht. Aber solange wenigstens ein paar junge Männchen für den Kampf dabei waren…doch sie hätten sowieso keine Chance. Sie hatten nie gekämpft. Zotz musste seinen Untergebenen das bestimmt schon beigebracht haben… Als Valia sicher war, dass sie jeden Winkel gründlich nach Dienern Hemeras durchforstet hatte, begab sie sich selber zur Quelle. Sie wurde bereits erwartet. Rasch versicherte sie sich, dass sie von der Pyramide aus nicht gesehen werden konnten, dann erst ließ sie sich nieder, um zu den Fledermäusen zu sprechen. Sie kam gleich zur Sache, sobald sie die ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. „Mein Sohn Marzio plant einen Angriff auf alle Diener Hemeras. Wir müssen fliehen!“ Die meisten reagierten sofort erschrocken. „Woher weißt du das?“, fragte ein ehemaliger Hohepriester skeptisch nach. „Aus einer absolut sicheren Quelle…Himmel noch mal, wichtig ist doch nur, dass ich es weiß! Wir müssen abhauen, und zwar sofort, wenn uns unser Leben lieb ist!“ Das wirkte. Keinerlei Zweifel mehr. „Und wohin?“, fragten einige. Immer wieder die Frage. Wohin? Ja, wohin? „Erst mal querfeldein in den Dschungel, weiter von der Pyramide weg. Dann sehen wir weiter. Vielleicht finden wir ein anderes Volk von Hemera oder irgendeines, das nicht Zotz dient. Sie werden uns dann sicher helfen!“ „Ein guter Plan, liebe Mutter, aber um Cama Zotz reinzulegen, müsst ihr schon früher aufstehen“, hörte Valia plötzlich hinter sich eine schnurrende Stimme, die sie besser kannte als ihre eigene. Sie wirbelte herum. „Marzio!“ Und er war nicht allein. Hinter ihm hatte sich eine ganze Armee junger Männchen versammelt. „Allerdings.“ „Woher weißt du, dass ich es weiß?“ „Deine kleine Dienerin ist nicht die beste Schauspielerin. Ich habe sie gleich durchschaut. Sie wollte mich hiervon abbringen, und sie war ziemlich hektisch. Ich wusste, sie musste es dir gesagt haben. Ich habe ihr ja persönlich von dem Plan erzählt. Ein Fehler, aber kein gravierender. Noch ist es nicht zu spät, ihn auszubessern. Ihr Fehler ist dagegen natürlich nicht wieder gutzumachen. Schon vor Stunden ist sie Zotz geopfert worden. Sie hat es verdient.“ „Monster!“, fauchte Valia. Es tat unglaublich weh, ihrem eigenen Sohn hier und jetzt und vor allem so gegenüberzustehen. „Ja, bin ich das? Nun, vielleicht…“ Es schien ihm auch noch zu gefallen! „Flieht!“, rief Valia den Vampyrum zu. „Ich halte ihn auf! Und dass jemand gemeinsam mit mir zurückbleibt, dulde ich nicht!“ Selbst ihre treuesten Untergebenen ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie stoben in alle Richtungen davon. „Ihnen nach!“, befahl Marzio seinen Soldaten. Auch er selbst setzte sich in Bewegung, doch nicht irgendwelchen Flüchtlingen hinterher. Er zischte direkt auf Valia zu. Er streckte die Krallen vor, als wolle er sie aufspießen. Seine Mutter blieb stehen, zuckte nicht mit der Wimper. Entweder, ihre Göttin würde sie beschützen, oder ihr Leben war so und so zerstört. Kurz bevor Marzio aufprallte, erbebte die Erde. Einzelne Gesteinsbrocken schossen in die Höhe und schlugen über Valia zusammen. Die Erde zog sie nach unten, aus der Reichweite dieser Klauen. Eigentlich hätte sie in so einem Steinrutsch Angst verspüren müssen, doch das tat sie nicht. Zum ersten Mal seit Zotz’ Auftreten in der Pyramide fühlte sie sich wieder geborgen, beschützt. Auch erstickte sie hier unten nicht. Dann minderte sich der Druck von oben und hörte schlagartig auf. Sie fiel noch einen Meter oder zwei, doch bevor sie die Flügel ausbreiten konnte, schlug sie schon auf dem Boden auf. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, doch sie riss sich zusammen. Sie rappelte sich ein Stück hoch und tastete ihren Körper ab, um zu prüfen, ob noch alles dran war. Sie war unverletzt. Nun hatte sie Zeit, sich hier umzusehen. Ihr stockte der Atem, als sie bemerkte, wo sie gelandet war.


In Hemeras Versteck

Valia war in einer unterirdischen Höhle. Stalagmiten hingen von der Decke und Stalagmiten umgaben sie am Boden. Die Wände waren allesamt bedeckt mit leuchtenden Steinchen. Wie durch ein Wunder reflektierten sie nicht nur Licht, sie schienen es sogar zu erzeugen. Aber nicht irgendein Licht…eher wie Tageslicht… Bis auf die Steinchen waren die Wände exakt glatt geschliffen. Konnte eine Fledermaus eigentlich so genau und makellos arbeiten? Valia glaubte nicht. An den Wänden rankten sich Pflanzen um die Tropfsteine. Manche kannte Valia sehr gut, doch andere hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen, so faszinierend und wunderlich sahen sie aus. Völlig fremdartig, aber keinesfalls einschüchternd, wie so viele fremde Sachen, sondern eher tröstlich. In der Mitte des Raumes stand nur ein Stalagmit. Er war oben ebenso glatt wie die Wände und hatte etwas von einem Tisch. Rundherum waren Ornamente eingemeißelt. Valia hatte das sichere Gefühl, dass oben auf dieser Fläche irgendetwas von höchster Wichtigkeit fehlte. Doch es gab kein Anzeichen auf einen Dieb oder so. Plötzlich riss eine Stimme in ihrem Kopf sie aus ihren Feststellungen. Erst dachte sie, es sei Zotz, doch dazu klang die Stimme zu freundlich. „Hallo, Valia. Sicher hast du schon erkannt, wer ich bin, nicht wahr? Was du vorhin getan hast, das war wirklich sehr mutig. Du hast mich tief beeindruckt. Zum Dank für deine Treue und als Belohnung für deinen selbstlosen Mut habe ich dich hierher in mein Reich geholt. Hier bist du sicher vor deinem Sohn Marzio und auch vor dessen Herren Zotz. Weißt du, wer ich bin?“ „Hemera“, flüsterte Valia überwältigt. „Richtig.“ Der Königin fiel etwas ein. „Die anderen! Weißt du, was mit den anderen geschehen ist? Du musst es mir verraten!“ „Ja, Valia. Deinen Untertanen geht es gut, zumindest denen, die noch an mich glauben. Ich habe sie in Sicherheit gebracht und ihnen im Dschungel ein Zuhause erbaut, in dem sie weiterleben können, sich vermehren und eine neue Kolonie gründen, eine Kolonie, die mir auf ewig treu sein wird, dafür werde ich sorgen. Ich werde sie vor dem bösen Cama Zotz abschirmen, er wird in Vergessenheit geraten.“ Valia atmete erleichtert auf. „Lass mich bitte zu ihnen.“ „Ich kann es nicht, Valia. Du bist in Gefahr da oben. Um deinetwillen muss ich dich hier behalten. Du hättest gar nicht mehr die Kraft, dich deinem Schicksal da oben noch entgegenzustellen, die wirst du auch nie wieder haben. Ich weiß, du bist eine gute Königin, doch so ganz reicht das nicht. Du hast viel mitgemacht, das hat Spuren auf deiner Seele hinterlassen, die selbst ich zu entfernen nicht imstande bin. Du musst hier bleiben, bitte sein vernünftig.“ Valia schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Nicht nach allem, was geschehen ist. Versteh das. Ich muss da hinaus und kämpfen.“ „Du bist nicht zum Kämpfen geeignet, keinen Tag würdest du in einem Krieg überleben. Und außerdem sind die anderen in einem sicheren Versteck, es herrscht Frieden. Dein Auftreten würde ihn nur wieder zerstören, ist es das, was du willst? Die Anhänger Zotz’ haben mich, dich und meine treuen Untertanen vergessen, dafür habe ich schon gesorgt. Ich weiß, du könntest nicht in der Welt da oben bleiben, ohne Vergeltung zu üben. Und dann würdest du den Frieden zerstören, den ich da oben aufgebaut habe. Es tut mir Leid, ich kann dich nicht gehen lassen. Als deine Göttin befehle ich dir, hier zu bleiben. Betrachte dich aber bitte nicht als meine Gefangene. Du wirst alles haben, was du brauchst hier. Essen, Wasser, an nichts wird es dir fehlen. Und jetzt leb wohl, treue, mutige Valia!“ Die Königin konnte fühlen, wie Hemera schwand. Doch etwas von ihr blieb zurück, und das würde auch immer hier bleiben. Valia setzte sich weinend in die Ecke. Stundenlang saß sie nur stumm da. Sie aß, dann legte sie sich zum Schlafen hin. An die Decke konnte man sich hier nicht hängen, sie war zu glatt. Als sie aufwachte, war das erste, woran sie sich erinnerte, wieder das vergangene Erlebnis. Sie weinte erneut. Und so vergingen die Nächte, Mondzyklen und schließlich Jahre. Aus Valia war eine alte Fledermausfrau geworden. Ihr Leben wurde beschwerlicher, die Jugend wich Nacht für Nacht aus ihrem Körper. Sie wehrte sich nicht dagegen. Warum auch? Hielt sie etwas auf dieser Welt? Nein. Eines Abends, als sie aufwachte, wusste sie es. Sie wusste, dies würde das letzte Mal sein, dass sie aus der Welt der Träume in diese hier zurückkehrte. Und es war gut so. Doch ein Anliegen hatte sie noch. Jahrelang hatte sie Einsamkeit und Kummer durchlitten, gepaart mit der Sorge um die Kolonie, die zu Hemera betete. Niemand anders sollte solche Schmerzen leiden müssen. „Hemera“, flüsterte sie und sank auf die Knie. Sie fühlte, wie der Geist der Göttin in die Höhle drang. „Ja, meine treue Valia?“ „Ich habe eine Bitte an dich. Jahrelang habe ich Trauer, Sorge und Schmerz empfunden. Dies soll nicht noch mehr Leuten geschehen. Heute geht es mit mir zu Ende, ich weiß das einfach. Aber mein Leben soll nicht ungenutzt verstreichen. Ich möchte, dass du es benutzt, um etwas zu erschaffen, das andere Fledermäuse Sorgen und Probleme sofort vergessen lässt und ihnen ein Gefühl der Geborgenheit verschafft, wenn sie es betrachten. Sie sollen in eine eigene Welt eintauchen, voller Glück und Liebe, nichts, was ihnen Kummer bereiten könnte.“ „Hast du dir das wirklich gut überlegt, Valia?“ „Ja, das habe ich.“ „Nun, wenn das so ist…ich werde dir deinen letzten Wunsch erfüllen. Auf Wiedersehen, Valia. Du warst mir eine gute Dienerin, sei dir bewusst, dass ich dich immer respektiert habe.“ Dies waren die letzten Worte, die die Königin hörte. Sie fühlte, wie Hemera das Leben aus ihr saugte und es einschloss, in eine durchsichtige Kugel vielleicht, oder aber auch in einen der Steine an der Wand… In dem Bewusstsein, dass sie im ganzen Leben ihr Bestes gegeben hatte, dass sie aber trotzdem von ihrem Sohn verraten und von Zotz in gewisser Weise besiegt worden war, dass es noch Vampyrum gab, die Hemera in Ehren hielten, und dass also Zotz den Kampf nicht völlig gewonnen hatte, dass ihr letztes Werk noch weitere Fledermäuse vor schrecklichen Gefühlen wie ihren bewahren würde, und wissend, dass sie in nicht allzu langer Zeit ihre liebe Silja wieder sehen würde, die für sie in all den Jahren Zeit zum Nachdenken in der Höhle mehr zum Kind geworden war als Marzio, verließ die tapfere Königin Valia für immer diese Welt.




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