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Welcome to our echo chamber.

Die Anderen

[written by Samara]

 

Jaguarkralle flog mit kraftvollen Flügelschlägen durch die pechschwarze Nacht. Mit ihren grün-gelben Augen beobachtete sie aufmerksam den Urwald unter ihr. Der Wind strich durch ihr schwarzes Fell. Für einen Augenblick ließ sie sich von der warmen Luft tragen, die aus dem Dschungel aufstiegen und schloss genüsslich die Augen. „Hey, Jaguarkralle!“, rief eine helle, freundliche Stimme hinter ihr. Überrascht öffnete Jaguarkralle die Augen, sah über die Schulter und musste lächeln. „Calitha. Wie geht es dir?“, fragte Jaguarkralle während das kleinere Vampyrum Spectrum Weibchen neben sie glitt. Jaguarkralle war groß. Das größte Weibchen der Kolonie, was zu einigen fiesen Spötteleien führte. Allerdings kamen diese Spötteleien nur von denen die nicht in Jaguarkralles Reichweite waren. Jaguarkralle war dünn, nahezu mager. Sie sah sehr zerbrechlich aus, was allerdings täuschte. Denn Jaguarkralle hatte Kraft und das nicht zu knapp. Auch charakterlich unterschied sich Jaguarkralle von den anderen Vampyrum. Sie sagte immer was sie dachte und hatte keine Probleme die Konsequenzen für ihr „loses Mundwerk“ zu tragen. „Ich hätte nicht gedacht ,dass du so früh schon wach bist.“, sagte Calitha. Ihr Fell war heller. Es glänzte schön im Mondlicht und ihr Haar war nahezu seidig. Allerdings unterschied auch sie unterschied sich von den anderen. Calitha war von freundlicher Natur. Sie war etwas kleiner als normal und sie weigerte sich strikt, andere Säugetiere oder Vögel zu fressen. Um nicht zu verhungern ernährte sie ich von den gigantischen Insekten, die überall herumschwirrten und von süßen Früchten, die an den Bäumen wuchsen. „Ja, ich konnte nicht richtig schlafen.“, antwortete Jaguarkralle, drückte ihren Rücken durch und ließ ihre Wirbelsäule knacken. Calithas Ohren zuckten ärgerlich. „Hör auf damit! Du weißt ganz genau, dass ich es nicht leiden kann wenn du das tust!“ Jaguarkralle grinste und entblößte ihre scharfen Fänge, die im bedrohlich Mondlicht glänzten. „Grins nicht so frech!“, Calitha versuchte wütend zu klingen aber ihr eigenes Grinsen verriet sie. „Ich soll dich übrigens hohlen.“, fügte sie hinzu. „Warum?“, wollte Jaguarkralle wissen. Die Hänseleien der anderen Kinder hatten sie unzugänglich und misstrauisch gemacht. Calitha hob die schmalen Schultern. „Ich weiß nicht. Aber es muss wohl wichtig sein. Iztaccíhuatl hat gesagt du sollst sofort kommen.“ Iztaccíhuatl. So hieß die Seherin der Kolonie. Jaguarkralle erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr erklärt hatte, Iztaccíhuatl hieße „weiße Dame“. Damit beschrieb der Name das Weibchen überaus gut, da sie ein Albino war. Jaguarkralle seufzte. Schon wieder musste sie zu ihr. Ohne ersichtlichen Grund. In den vergangenen Nächten war sie immer wieder zu Iztaccíhuatl gerufen worden und Jaguarkralle hatte auf dem Boden liegend gewartet. Jedes mal war sie dann nach Stunden wieder fortgeschickt worden, ohne dass Iztaccíhuatl sie auch nur angesehen hatte. Jaguarkralle lehnte sich nach links und flog einen weiten Bogen. Calitha beschleunigte ihre Flügelschläge um mithalten zu können. Jaguarkralle verlangsamte ihren Flug. Sie wusste Calitha würde sich nicht beklagen und versuchen mitzuhalten, das würde aber nur dazu führen, dass sie irgendwann bewusstlos vom Himmel fallen würde. Jaguarkralle begann einen Sinkflug, auf einen großen Baum zu. Schweigend hängte sie sich an einen Ast. „Aber du sollst doch zu Iztaccíhuatl fliegen.“, sagte Calitha unsicher. „Ach, was soll ich denn da? Ich liege nur stundenlang auf dem Boden rum und verrenke mir den Rücken.“, schnaubte Jaguarkralle abfällig. „So, so. du verweigerst also den Gehorsam!?“, zischte eine Stimme aus den Blättern. Calitha fuhr erschrocken zusammen und sah sich um. Jaguarkralle betrachtete gelangweilt eine Raupe auf einem Blatt. Mit einem Rascheln kamen zwei andere Fledermausweibchen aus den Blättern des Baumes hervor. „Das ist aber sehr frech von dir, Jaguarkralle.“, fügte eine der beiden hinzu. „Olá, Inti Palla. Olá, Anamaya.“, begrüßte Calitha die Zwillinge höflich. Jaguarkralle hatte für die beiden nur ein bedrohliches Knurren übrig und wandte sich wieder ihrer kleinen Raupe zu. Inti Palla rutschte näher an Calitha heran. „Du solltest dich von ihr fern halten, Calitha.“, säuselte sie. „Ja. Sie hat einen schlechten Einfluss auf dich.“, fügte Anamaya hinzu. Die Zwillinge waren äußerlich nicht zu unterscheiden. Sie übertrafen einander höchstens an Hochnäsigkeit. „Vergiss nicht: wir sind die Töchter des Königs. Wir wären eine viel bessere Gesellschaft für dich.“, sagten Inti Palla und Anamaya gleichzeitig mit einem überheblichen Blick auf Jaguarkralle. „Ich denke, dass wissen wir schon.“, antwortete Jaguarkralle schroff und schnickte ärgerlich die Raupe vom Blatt. „Oh, Jaguarkralle. Wieso bist du bloß so seltsam? Du bist ungehorsam und viel zu groß!“, lachten die Zwillinge gehässig. Calitha sengte unglücklich den Blick auf ihre Zehen. „Ihr seid eine fliegende Landplage! Außerdem seid ihr nicht besser als ich. Meine Mutter war die Schwester des Königs. Ich bin genauso von edlem Geblüt wie ihr!“, startete Jaguarkralle eine schwächliche Gegenoffensive. Sie hatte keine Lust zu streiten. „Aber jetzt entschuldigt mich. Ich muss zu Iztaccíhuatl.“ Jaguarkralle breitete schwungvoll ihre mächtigen Flügel aus und schwang sich elegant in die warme Luft der Nacht.

Leise landete Jaguarkralle auf der gigantischen Steinpyramide, die ihrer Kolonie als Heim diente. Schon von weitem hatte sie Iztaccíhuatl gesehen, die auf dem Dach stand. Ihr Fell glänzte im Mondlicht wie in Leuchtfeuer. Es hieß das die Seherin eines Nachts vom Himmel gefallen wäre. Ein Stern, von Zotz persönlich aus den Sternenbildern gepflückt. Aber Jaguarkralle glaubte nicht an solche übernatürlichen Geschichten. Widerwillig legte sich Jaguarkralle auf den schwarzen Stein und fragte: „Was wünscht ihr, edle Iztaccíhuatl?“ Iztaccíhuatl drehte sich um und sah Jaguarkralle mit ihren blutroten Augen an. „Erhebe dich, Jaguarkralle, Nichte des Königs.“, sagte sie leise, ihre Stimme klang kalt. Langsam richtete Jaguarkralle sich wieder auf und sah Iztaccíhuatl direkt in die Augen. „Komm mit mir. Ich muss mit dir reden.“, sagte die Seherin und erhob sich majestätisch von der Pyramide. Schweigend flog Jaguarkralle hinter Iztaccíhuatl her und ließ sich neben ihr auf einem Ast nieder. Erwartungsvoll sah Jaguarkralle zu der Albinofledermaus hinüber. „Wir sind im Krieg mit einer anderen Kolonie.“, sagte Iztaccíhuatl „Mit der Kolonie der ... Anderen.“ Jaguarkralle legte fragend den Kopf schief. „Was für eine Kolonie? Ich verstehe nicht.“, erkundigte sie sich. „Die Kolonie derer, die nicht normal sind. Die, die anders sind und von ihrer Kolonie verstoßen wurden, trafen sich und gründeten eine eigene Kolonie. Sie haben gute Krieger. Und sie sind bedrohlich für uns.“, erklärte das Weibchen. „Ja, aber was hat das mit mir zu tun?“, wollte Jaguarkralle wissen. „Ich weiß das du den Krieg beenden wirst. Ich habe es in einer Vision gesehen. Leider konnte ich nicht sehen wer gewinnt.“, sagte Iztaccíhuatl und legte ihren Flügel behutsam auf Jaguarkralles Schulter. Dann flog sie zurück zur Steinpyramide. Verwirrt schaute Jaguarkralle hinter ihr her und schüttelte den Kopf. Was für ein Blödsinn! Es wäre auch nicht das erste mal das ein Seher oder eine Seherin wahnsinnig geworden wäre. Plötzlich hörte sie ein Flügelrascheln hinter sich. Doch bevor sie sich umdrehen konnte spürte sie einen dumpfen Schlag auf ihrem Kopf und sie brach bewusstlos zusammen.

Langsam dämmerte Jaguarkralle wach. Ihr Schädel dröhnte von dem Schlag. Sie blinzelte und versuchte sich zu erinnern wer sie niedergeschlagen hatte. Da bemerkte sie, dass sie sich in einer Steinpyramide befand. Allerdings war das nicht dieselbe Pyramide wie die, in der sie aufgewachsen war. Wie war sie bloß hierher gekommen? „Wie geht es dir?“, fragte eine tiefe Stimme. Erschrocken fuhr Jaguarkralle auf und blickte direkt in die eisblauen Augen eines großen Männchens. „Mir tun die Haare weh.“, antwortete Jaguarkralle sarkastisch. Das Männchen lachte und half ihr auf. „Du hast Humor, ich hätte anders reagiert.“, grinste das Männchen mit den blauen Augen und stützte Jaguarkralle, die gefährlich schwankte. „Ich lebe nach einer strikten Regel: Leg dich mit niemanden an, der größer ist als du.“, erklärte Jaguarkralle grinsend und rieb sich den schmerzenden Hinterkopf. „Ich bin übrigens Durza.“, stellte er sich vor und deutete eine spöttische Verbeugung an. „Ich bin Jaguarkralle. Aber sag mal, wie kommt es, dass du so seltsame Augen hast?“, wollte Jaguarkralle wissen und sah weiterhin gebannt in die nahezu leuchtenden Augen. „Wie kommt es, dass du so groß bist?“, fragte Durza mit einem freundlichen Lächeln. Jaguarkralle grinste breiter. „Ich bin doch nicht groß“, sagte sie ironisch „du bist immerhin einen Kopf größer als ich.“ Durza lachte erneut und breitete die gewaltigen Flügel aus. „Komm ich zeige dir deine neue Umgebung.“, lächelte er und schwang sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft. >NEUE Umgebung?<, dachte Jaguarkralle, zuckte dann mit den Schultern und folgte ihm durch das Kreisrunde Loch in der Decke. Beide landeten auf dem Flachen Dach aus Stein. Zum Teil war die Steinpyramide vom Urwald überwuchert und so unterschied sie sich kaum von Jaguarkralles altem zu Hause. „Oh, ein Dschungel! So was habe ich ja noch nie gesehen.“, sagte Jaguarkralle ironisch. „Aber, wieso bin ich überhaupt hier?“ „Unser Priester, Chimpu Ocllo sagte, dass wir dich brauchen um den Krieg zu gewinnen.“, erklärte er. „Reiner Heiligenschein.“, murmelte Jaguarkralle. „Was?“ „Ach nichts. Nur Chimpu Ocllo bedeutet „reiner Heiligenschein“, in der alten Sprache.“, erklärte Jaguarkralle. „Tatsächlich? Ich habe diese Sprache nie gelernt.“, antwortete Durza mit einer Spur Bedauern in der Stimme. „Das ist ganz leicht, ich kann es dir beibringen.“, bot Jaguarkralle ihre Hilfe an. „Danke. Ich könnte mir vorstellen, dass es interessant wird. Chimpu Ocllo sagte, dass du uns helfen wirst.“ „Aber nicht dabei meine Familie zu bekämpfen!“, knurrte Jaguarkralle und ihr stellte sich das Fell auf. Plötzlich überkam sie ein Anflug von Ärger. „Meines Wissens nach, hast du keine Familie. Und außerdem, was hat denn deine Kolonie jemals für dich getan? Du kannst von Glück sagen, dass sie die noch nicht umgebracht haben!“, schoss Durza zurück und seine Augen blitzten gefährlich. „Und das nur weil du anders bist, weil du einzigartig bist!“ Jaguarkralle sengte den Kopf, sie wusste, dass er Recht hatte. „Ich nehme an, du weißt, wie das ist.“, sagte sie leise. „Ja, nur zu gut. Glücklicher Weise habe ich diese Kolonie gefunden. Hier wird jeder so akzeptiert wie er ist. Du könntest versuchen zurück zu fliegen. Aber ich glaube nicht das dich jemand gehen lassen wird.“ Mit diesen Worten erhob er sich in die Luft und flog in den Dschungel hinein. „Halt! Warte!“, rief Jaguarkralle, doch Durza war schon zu weit weg oder er wollte sie nicht hören. Sie vermutete letzteres. Genervt verdrehte Jaguarkralle die Augen und flog hinter Durza her. Bald hatte sie ihn eingeholt. Überrascht leuchteten seine außergewöhnlichen Augen in der Dunkelheit. Dem gleichen Gedanken folgend hängten sie sich nebeneinander an einen Ast. „Also ... mhh ... ich hab immer noch nicht richtig verstanden wieso ich hier bin.“, stotterte Jaguarkralle. „Chimpu Ocllo ist überzeugt, dass Zotz dich geschickt hat. Ohne dich können wir den Krieg gegen deine ... alte Kolonie nicht gewinnen.“, antwortete Durza mit besonderer Betonung auf das Wort alte. „Aber es wird nur einen Angriff geben, eigentlich keinen Krieg.“, fügte er, angesichts Jaguarkralles schockierter Miene, hinzu. „Und was passiert bei dem Angriff?“, fragte Jaguarkralle weiter. Sie hatte Angst vor der Antwort. Durza antwortete auf diese Frage mit einem unwissenden Blick. „Ich weiß nicht.“, sagte er einfach und zog die kräftigen Schultern hoch. Jaguarkralle hob zweifelnd eine Augenbraue. „Na ja, lass uns zurückfliegen. Es wird schon hell.“ Durza wich ihrem Blick aus und flog los. Als sie sich in der Stufenpyramide nebeneinander an die Decke hingen, knuffte Jaguarkralle Durza in die Seite. „Hey, wofür war das denn?“, lachte er. „Weil du mir was verheimlichst.“, grinste sie zurück und beobachtete die Fledermäuse, die jetzt zunehmend in die Pyramide strömten. Es waren überraschend viele. Es waren auch einige die dort, die extrem groß waren. Aber auch kleine oder welche mit seltsamen Fellfärbungen. Sie bemerkte einige Albinos und da sah sie plötzlich etwas aufblitzen. Erstaunt blinzelte sie und bemerkte den Grund für das blinken und blitzen. Dort hingen ein paar Vampyrum mit Ringen. Neugierig breitete Jaguarkralle die Flügel aus, bereit loszufliegen. Durza hielt sie sanft an ihrem Oberarm fest. „Das hat Zeit bis morgen. Du solltest dich jetzt besser ausruhen.“ Jaguarkralle nickte und wickelte sich gähnend in ihre Flügel ein.

„Aber wir müssen ihr helfen! Vielleicht schwebt sie in Gefahr?!“, rief Calitha verzweifelt. „Zotz wollte es so. Die Anderen haben Jaguarkralle geholt. Wenn unser Gott es will, wird sie zurück kommen.“, zischte Iztaccíhuatl. „Aber...“, versuchte Calitha etwas einzuwenden, wurde aber von Inti Palla unterbrochen: „Schweig! Du bist zu nichts zu gebrauchen! Eine Schande für unsere Kolonie! Verschwinde, sofort!!“ Schockiert schnappte Calitha nach Luft. „Aber Inti Palla! Die Sonne geht bald auf. Calitha würde verbrennen!“, rief Calithas Mutter, Cahua. Cahua bedeutete „die Vorsichtige“, erinnerte sich Calitha. Niemand kannte die Bedeutung dieser Namen genau. Nur Jaguarkralle, die es von ihrer Mutter, Malinche, gelernt hatte. Leider war Jaguarkralles Mutter schon sehr früh gestorben. Und als hätte Malinche es geahnt, hatte sie Jaguarkralle die alten Worte schon eingeschärft, bevor diese überhaupt richtig sprechen konnte. Calitha war die einzige, der Jaguarkralle einige Worte anvertraut hatte. „Dann wird sie wohl sehr schnell fliegen müssen.“, antwortete Inti Palla mit einem bösartigen Grinsen. Sie wusste, dass Calitha keine schnelle Fliegerin war und wollte auf diese Weise Calithas Tod besiegeln.
So schnell sie konnte flog Calitha durch die Dämmerung. Mit vor Angst geweiteten Augen starrte sie immer wieder nach Osten der sich schnell erhellte. Schweiß bracht ihr aus und sie versuchte sich an die Worte Jaguarkralles zu erinnern. Sie hatte gesagt, dass die Sonne einen nicht verbrennen konnte. „Hoffentlich hast du Recht, Jaguarkralle.“, hauchte sie atemlos. Plötzlich war die Sonne aufgegangen und ihre hellen Strahlen trafen Calitha direkt am Rücken. Sie kniff die Augen zu und wartete auf das Einsetzen des brennenden Schmerzes. Überrascht bemerkte sie, dass die Sonne sie nicht verbrannte, sondern nur angenehm warm auf ihrem Fell war. Mit dem Echosehen bemerkte sie eine große Stufenpyramide und sie dachte schon, sie wäre im Kreis geflogen. „Ach, was soll’s.“, seufzte Calitha und stürzte sich durch das Loch der Decke.
„Calitha!“, entfuhr es Jaguarkralle als sie erkannte wer da durch das Loch gestürzt und unsanft auf den Steinboden geklatscht war. „Bitte, lasst mich hier nur den Tag verbringen. Bei der Abenddämmerung bin ich wieder weg.“, keuchte Calitha angestrengt, blieb aber auf dem Boden liegen. Jaguarkralle landete eilig neben ihr. „Calitha. Was tust du hier? Geht es dir gut?“, fragte Jaguarkralle eifrig. „Kennst du sie?“, fragte Durza, der neben Jaguarkralle gelandet war. „Nee, weißt du?!“, fauchte Jaguarkralle entnervt. „Also ja.“, grinste Durza und half Jaguarkralle Calitha auf die Beine zu ziehen. Langsam kam Calitha wieder zu sich und erkannte die große Fledermaus die neben ihr stand. „Jaguarkralle!“, rief sie erfreut und warf sich Jaguarkralle um den Hals. „Gut erkannt. Hey, nicht so stürmisch du erwürgst mich noch!“, lachte sie. „Du sag mal, bist du in der Sonne geflogen?“, fragte ein Albinoweibchen, dass sich neben ihnen niedergelassen hatte. Calitha nickte müde. „Jaguarkralle, du hattest Recht. Man kann am Tag fliegen, ohne zu sterben.“, sagte Calitha schwach. Jaguarkralle wickelte sie mit ihren Flügeln ein, als könnte sie Calitha so vor weiteren neugierigen Blicken und Fragen schützen. „So, ich denke das hat alles Zeit bis morgen. Meine Freundin hier ist vollkommen erschöpft und muss sich dringend ausruhen!“, rief sie über das allgemeine Gemurmel hinweg. „Komm Calitha. Häng dich zu mir und Durza.“ Mit raschelnden Flügel erhoben sie sich und hängten sich nebeneinander an die Decke aus massiven Stein.

Calitha öffnete blinzelnd die Augen. „Du solltest sie schlafen lassen.“, gähnte sie Durza an, der an Jaguarkralles Schulter rüttelte. Erstaunt drehte er sich um. „Wieso?“ „Sie kann es nicht leiden schon so früh geweckt zu werden. Dann wird sie sehr ungemütlich.“, erklärte sie müde. Sie hatte sich noch immer nicht ganz erholt. „Du kennst sie schon seit Ewigkeiten, wie?“, fragte Durza leise. Calitha nickte. „Seit unserer Geburt.“ Durza nickte verständnisvoll. „Hey, auch schon wach?“, sagte Jaguarkralle plötzlich und streckte genüsslich ihre Flügel. Calitha grinste. „Na ja, ich schau mal nach den Federmäusen mit den Ringen, ok?“, sagte Jaguarkralle und flog weg, ohne ein Antwort abzuwarten. „Meinst du sie wäre sauer auf mich, wenn ich ihr sagen würde, dass ich sie niedergeschlagen und entführt habe?“, fragte Durza, wobei er Jaguarkralle genau im Auge behielt. „Na ja ... am Anfang bestimmt aber sie ist nicht nachtragend.“, lächelte Calitha müde. „Dann kann ich ja beruhigt sein.“, lachte er und wandte seinen Blick wieder Jaguarkralle zu.
Jaguarkralle flog dichter zu den beringten Fledermäusen. Langsam näherte sie sich einem kleineren Weibchen mit hellem Fell. Erschrocken wirbelte das Weibchen herum, starrte Jaguarkralle kurz an und flog dann eilig weg. Erstaunt legte Jaguarkralle den Kopf schief, zuckte kurz mit den Ohren und flog dann aus dem Loch in der Decke in die Nacht hinein.
Durza sah alarmiert auf. „Ganz ruhig, sie passt schon auf sich auf!“, versuchte Calitha ihn zu beruhigen. „Bist du nachtragend?“, fragte er plötzlich und sah Calitha mit seinen Eisblauen Augen an. „Mhm, nein würde ich nicht sagen. Warum?“, antwortete sie überrascht. „Ich denke das wirst du schon früh genug erfahren.“, sagte er knapp und folgte Jaguarkralle nach draußen.

„Und, was siehst du?“, fragte Inti Palla und beugte sich über das Herz, das bis vor kurzem noch in der Brust eines Sklaven geschlagen hatte. „Ich würde mehr sehen, wenn du nicht meine Konzentration unterbrechen würdest.“, sagte Iztaccíhuatl. Beleidigt zog sich Inti Palla einige Schritte zurück und wartete ungeduldig im Schatten. Iztaccíhuatl’s Miene verfinsterte sich. „Nun? Was siehst du??“ Inti Palla schrie fast. Langsam blickte Iztaccíhuatl auf. „Jaguarkralle ist tatsächlich bei den Anderen. Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen.“

„Suchst du was bestimmtes?“, fragte Jaguarkralle und ließ sich hinter Durza an dem Ast nieder, der sich suchend umsah. „Ja. Ein sehr großes Vampyrum Weibchen. Hört auf den Namen Jaguarkralle. Ist dunkel, hübsch und sehr frech. Hast du sie gesehen?“, grinste er. „Mhm ...“, sagte Jaguarkralle und tat so als würde sie überlegen „Ich bin sicher das ich sie in Begleitung eines gut aussehenden Männchens gesehen habe. Er hatte leuchtend blaue Augen.“ Sie sahen sich kurz an, dann mussten sie lachen. „Über was lacht ihr?“, fragte Calitha neugierig und hängte sich zu den beiden. „Über nichts. Lasst uns jagen gehen.“, wich Jaguarkralle aus und flog los. Durza sah ihr noch eine Weile nach, dann wandte er sich an Calitha. „Warum bist du mitten am Tag geflogen? Das ist doch äußerst ungewöhnlich.“ Calitha senkte den Blick. „Die Kolonie hat mich verbannt. Ich wollte das wir Jaguarkralle suchen. Aber sie haben mich weggejagt.“ „Das ist schlimm. Glaub mir, ich weiß wie das ist.“, sagte Durza und seine Augen wurden traurig, bei dieser Erinnerung. Calitha sah auf. „Aber das war nicht der einzige Grund. Sie haben nur nach einem Anlass gesucht um mich loszuwerden. Weißt du, ich bin Vegetarierin. Einfach ... nicht normal.“ „Aber hier bist du willkommen. Mach dir keine Sorgen hier wird niemand wegen seines Aussehens oder wegen dem was er frisst verbannt.“, machte Durza Calitha Mut und freute sich über ein schwaches Lächeln. „Mhmm, wegen eben in der Pyramide. Was meintest du damit?“, bohrte sie. „Na ja. Wir werden eure alte Kolonie angreifen.“ Durza senkte den Blick. „Aber meine Mutter ist doch noch dort!“, empörte sich Calitha. „Dann muss sie eben aufpassen, ich kann das alles jetzt nicht mehr abbrechen, es ist schon alles geplant!“, erklärte Durza aufbrausend. Calitha schnappte nach Luft. Dann ließ sie sich vom Ast fallen und flog zurück zur Pyramide.

Langsam schwebte Jaguarkralle durch die Luft und dachte über ihre derzeitige Situation nach. Was würde aus Calithas Mutter werden? Um ihren Vater machte sie sich keine Sorgen. Er lebte bei einer anderen Kolonie, sie hatte ihn niemals kennen gelernt. Und ihre Mutter war ja schon lange tot. Sie dachte an das freundliche Gesicht von Cahua. Plötzlich bemerkte Jaguarkralle wie weit sie geflogen war. Vor ihr erhob sich die Pyramide ihrer alten Kolonie! Erschrocken schnappte sie nach Luft und wirbelte herum. So schnell sie konnte versuchte sie den Weg zurück zu fliegen, doch sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht auf ihren Weg geachtet hatte. Schließlich landete sie auf einem Baum und versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen. „Ganz ruhig! Du findest schon einen Weg zurück! Am besten fliegst du immer geradeaus. So hat auch Calitha den Weg gefunden!“, sagte sie zu sich selbst und flog los. Hoffentlich hatte sie niemand bemerkt. Aber sie war doch zu weit weg gewesen, als dass sie jemand hätte sehen können, oder? War das Einbildung oder hatte sie eben ein Flügelrascheln hinter sich gehört? Knapp konnte sie einem Ast ausweichen, trudelte durch die Luft und fing sich gerade noch ab, bevor sie in eine Pflanze mit scharfen Dornen rasen konnte. Außer Atem hängte sie sich an einen Ast und versuchte ihr Herz zu beruhigen. Jaguarkralle fühlte sich beobachtet und drehte sich um. Was sie sah, ließ ihr Herz wieder schneller schlagen. Drei riesige Wachen stürmten auf sie zu und sie sahen nicht so aus, als würden sie nur mal hallo sagen wollen. Blitzschnell ließ sich Jaguarkralle von ihrem Ast fallen und jagte weiter durch den Wald. Wann ging denn endlich die Sonne auf? Jaguarkralle wusste, dass die Wächter ihr nicht ins Tageslicht folgen würden. Aber sie sah nur Sterne als sie einen Blick nach Osten wagte. Dieser verzweifelte Blick war ein Fehler. Eine der Wachen hatte aufgeholt und nutze diesen kurzen Moment um sich auf Jaguarkralle zu stürzen und sie zu Boden zu werfen. Jaguarkralle wurde die Luft hörbar aus den Lungen gedrückt, als sie auf den mit Blättern übersäten Boden aufschlug. Die Wache drückte sie weiterhin auf den Boden und eine andere beugte sich zu ihr herunter. „Mal sehen, wer denn da vom Himmel gefallen ist.“, sagte er mit einem schmutzigen Grinsen. Jaguarkralle erkannte die Stimme sofort. Rasfer. Ein stinkender, dreckiger Bastard, der es nur durch Intrigen und hinterlistige Morde zu einer solch hohen Stellung geschafft hatte. Rasfer griff brutal in Jaguarkralles Haar und zog ihr ruckartig den Kopf zurück, um ihr Gesicht betrachten zu können. Jaguarkralle sah, wie sich Rasfers Pupillen erstaunt zusammenzogen. „Olá, Rasfer.“, presste sie leise hervor und brachte ein gequältes Grinsen zustande. „Jaguarkralle … Wir alle dachten du wärst tot!“, stotterte Rasfer, ließ ihr Haar los und stieß die andere Wache von ihrem Rücken herunter. „Komm, ich helfe dir auf!“, schleimte er weiter und hielt ihr die Hand hin. „Danke, ich denke du hast mir genug geholfen, als ich mir deinetwegen fast das Genick gebrochen hätte.“, fauchte sie, schlug seine Hand weg und rappelte sich mühsam auf. „Ich … ich weiß nicht wovon du redest.“, wich er aus und rieb sich verlegen den Hinterkopf. „Ach. Erinnerst du dich nicht mehr daran, wie du mich gegen einen Ast gestoßen hast und später gesagt hattest, wärst es gar nicht gewesen? Und da ich mich nicht wirklich daran erinnern konnte, hab ich dir auch noch geglaubt! Ich frage mich wirklich wie ich nur so naiv sein konnte.“, fing Jaguarkralle an Rasfer anzubrüllen. „Und, wie ging es dann weiter?“, fragte die dritte Wache, die eindeutig noch nicht vollkommen ausgebildet war. Rasfer warf dem jungen Soldaten einen drohenden Blick zu, doch Jaguarkralle fing an zu lachen. „Leider bin ich nicht gestorben, wie Rasfer es geplant hatte. Aber ich hatte mir beinahe das Genick gebrochen und mein Flügel war Wochenlang angeschwollen. Aber das hast du ja zurückbekommen. Ich muss schon sagen, dass die Situation wo du in dem Adlernest gesessen hast überaus amüsant war.“, erzählte sie weiter und warf Rasfer einen spöttischen Blick zu. „Wie kommst du nur darauf, dass ich dich umbringen wollte?“, versuchte Rasfer seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. „Ja wie unhöflich von mir, dir so etwas anhängen zu wollen!“, rief Jaguarkralle sarkastisch. „Aber ich will euch ja nicht von der Arbeit abhalten.“ Jaguarkralle breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft. Die Wache, die Jaguarkralle zu Boden gedrückt hatte, trat näher an Rasfer heran und bemerkte vorsichtig:: „Dir ist schon klar, das sie dich eben vollkommen zur Sau gemacht hat?“ Rasfer packte ihn am Hals. „Natürlich ist mir das klar, du hirnloser Idiot! Nur weil du verblödet bist, müssen es ja nicht alle sein!“ „Und was willst du jetzt tun?“, meldete sich der jüngste zu Wort. „Nun ich denke ich werde das vollbringen was ich damals nicht geschafft habe.“ Rasfer begann zu grinsen. „Ihr zwei fliegt zur Pyramide zurück. Ich kümmere mich um Jaguarkralle.“, wies er die Soldaten an und machte sich auf den Weg, Jaguarkralle zu verfolgen.

Langsamer als bei der kleinen Verfolgungsjagd aber doch zügig, flog Jaguarkralle weiter. Sie wollte noch vor Sonnenaufgang bei ihrer neuen Kolonie sein. Sie hatte Glück und ein leichter Wind, der von hinten kam, machte sie noch etwas schneller. Der Wind wehte ihr einen vertrauten Geruch um die Schnauze. Angewidert rümpfte Jaguarkralle ihre Nase und warf einen Blick über die Schulter. Was sie sah wunderte sie wenig, aber sie wollte nicht von der Person eingeholt werden.

Rasfer grinste. Er konnte Jaguarkralle vor sich sehen, er konnte sie nahezu riechen. Der Wind kam von hinten und trug seinen Gestank zu ihr herüber. Nun drehte sie sich doch tatsächlich zu ihm um! Jaguarkralle beschleunigte ihren Flug. Rasfer tat es ihr nach. Sie wusste, dass er ein genauso schneller Flieger war wie sie. „Na schön, Rasfer. Ich weiß, du bist schnell aber bist du auch wendig?“, murmelte Jaguarkralle zu sich selbst und stürzte sich kopfüber in das Blätterdaches des Urwaldes. Rasfer wunderte sich nicht und flog hinter ihr her.
Jaguarkralle raste zwischen den großen Bäumen hindurch, wich Ästen und Lianen aus, in denen sie sich hätte verfangen können. Ihr Blick hellte sich auf, als sie einen gigantischen Baum sah, der einmal von einem Blitz gespalten worden war. Das Loch, das der Blitz vor hunderten von Jahren in den Baum gebrannt hatte, war inzwischen von Pflanzen überwuchert worden. Nur an einigen kleinen Stellen, konnte man hindurch schlüpfen. Schnell flog Jaguarkralle auf eine der Öffnungen zu und quetschte sich hinein. Rasfer konnte sich grade noch abfangen, bevor er gegen den Baum gekracht wäre. „Du kannst nicht ewig da drin bleiben!“, brüllte er wütend den Baum an. „Und du kannst nicht ewig da draußen bleiben!“, brüllte Jaguarkralle zurück und klammerte sich von innen and die Pflanze, die sie schütze. Sie hörte wie Rasfer abfällig schnaubte und wegflog. Jaguarkralle wagte einen verstohlenen Blick ach draußen. Sie konnte weder Rasfers fette Gestalt, noch ein anderes Lebewesen entdecken. Jaguarkralle stieß erleichtert die Luft aus, blieb aber in ihrem Versteck. Sie traute ihm nicht und sie wusste wie hinterlistig er sein konnte. „Vergiss es, Rasfer. Ich bleibe hier, bis es hell wird.“, flüsterte sie und hängte sich kopfüber an die Innenseite des Baumes, um sich auszuruhen. Jaguarkralle verfiel in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte von der Unterwelt, wie ihre Mutter sie rief; von dem Nachthimmel und wie ein Stern vom Himmel fiel. Sie träumte wirr und im Schlaf zuckte sie und schwitze. Sie sprach auch, aber dies alles bemerkte niemand. Niemand, außer Rasfer, der inzwischen zurückgekommen war. Aber ihn kümmerte das nicht. Er hatte keine Ahnung was in dem hohlen Baum vor sich ging und es war ihm auch egal. Er wollte nur, dass Jaguarkralle endlich herauskam und er sich für all ihre Unverschämtheiten rächen konnte. Immer wieder sah Rasfer nach Osten. Nach mehreren Stunden begann sich der Horizont aufzuhellen. Angstvoll weiteten sich seine Pupillen und er warf sich in die Luft, um zurück zur Pyramide zu fliegen. Er würde am Abend noch einmal herkommen. Jaguarkralle schaute wieder hinaus. Sie konnte noch Rasfers Umrisse erkennen, wie sie in Richtung Nord-Osten bewegte. Sie grinste. Jaguarkralle kannte Rasfer gut genug, um zu wissen, dass er zurückkommen würde. Allerdings würde sie dann nicht mehr hier sein. Sie erhob sich in die Luft und flog in die entgegen gesetzte Richtung. Jaguarkralle hielt sich dicht über den Baumwipfeln. Nachts waren die Vampyrum eindeutig die ersten in der Nahrungskette. Aber sie wusste nicht wie es Tagsüber aussah. Die Sonne kletterte über die Bäume und ein Schwall Sonnenlicht überkam Jaguarkralle. Sie spürte die Wärme und wünschte sich, sie könnte ewig so weiterfliegen. Nur auf das Echosehen verlassen und im vollen Sonnenlicht fliegen. Nach einer Stunde Flug, hatte Jaguarkralle genug von der Sonne. Ihr brannte der Rücken und die Flügel begannen ihr wehzutun. Sie flog zurück unter die Baumwipfel, um der brennenden Sonne entgehen zu können. Sie fand einen Bach und trank gierig einige Schlucke. Misstrauisch sah sie sich um. Als sie sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, schöpfte sie sich mit den Flügeln Wasser über den Rücken. Genüsslich schloss sie die Augen, als das kalte Wasser über ihren heißen Rücken floss. Plötzlich schrie ein Tukan auf und Jaguarkralle wirbelte alarmiert herum. Sie starrte das ganze Grün vor ihr an, konnte aber nichts entdecken, was den Vogel aufgescheucht haben könnte. Dann war es still. Die Stille drückte auf Jaguarkralles Trommelfell und sie wollte schreien, um diese dröhnende Stille zu durchbrechen. Die Blätter eines Busches begannen sich zu bewegen. Gebannt starrte Jaguarkralle den Busch an. Ein Jaguar kam aus dem Gebüsch, an seiner Schnauze klebten Blut und Federn. Man brauchte nicht überdurchschnittlich intelligent zu sein, um zu wissen, dass der Jaguar den Tukan gefressen hatte. Langsam schlenderte die große Raubkatze zum Bach und trank etwas Wasser. Jaguarkralle beobachtete ihn. So sah also ein Jaguar aus. Jaguare streunten auch nachts durch den Wald aber Jaguarkralle hatte noch nie einen gesehen. Warum hatte ihre Mutter sie nach einem solchen Wesen benannt? Der Jaguar steht für Kraft, Listigkeit und Anmut, erinnerte sie sich. Sie betrachtete das Fell der Katze genauer. Es war gefleckt und in jedem Fleckenkreis befanden sich kleinere Punkte. Der Jaguar war ein gefährlicher Jäger ohne Gnade. Je länger Jaguarkralle ihren Namensbruder ansah, desto mehr Gemeinsamkeiten fielen ihr auf. Sie lächelte und Stolz überkam sie. Ihre Mutter hatte vom ersten Moment an gewusst, was aus ihr werden würde. Und sie hatte den richtigen Namen gewählt. Vor Freude begann ihr Herz schneller zu klopfen. Ihr Rücken entspannte sich wieder und sie konnte den Blick nicht von dem Tier losreißen. Der Jaguar sah sie mit seinen gelben, durchdringenden Augen an. Jaguarkralle musste lächeln. Sie war glücklich. Schnell trank sie noch einen Schluck und erhob sich dann in die Luft. Der Jaguar sah ihr nach, wie sie zurück über die Bäume flog. Nach einer guten halben Stunde Flug sah sie endlich die große Steinpyramide. Jaguarkralle musste lachen. Schnell flog sie durch das Loch in der Decke und hängte sich neben Calitha. „Ich bin zurück.“, flüsterte sie erleichtert und fiel in einen tiefen Schlaf.

Jaguarkralle öffnete die Augen. Sie hatte so gut geschlafen, wie schon lange nicht mehr. Als sie neben sich blickte, sah sie allerdings nur Calitha. „Wo ist Durza?“, fragte sie und streckte ihr Flügel. „Er … na ja … er ist …“, stotterte Calitha verlegen herum. „Wo ist er??“ Jaguarkralle kniff die Augen zusammen und ihr Rücken verspannte sich. „Sie sind bei losgeflogen um unsere alte Kolonie anzugreifen.“, sagte sie und legte die Flügel bequemer um sich herum. „Wieso hat mir das keiner gesagt?“ Jaguarkralle sah zur Seite und blinzelte verwirrt. „Ich kann mich nicht erinnern, dass Durza mir das gesagt hat.“ „Hat er auch nicht.“, sagte Calitha und schluckte. Ihre Kehle war so trocken. Jaguarkralle sah aus dem Loch in der Decke zum Nachthimmel hinaus. „Wie lange sind sie schon weg?“, fragte sie leise. „Seit Sonnenaufgang. Keine zwei Stunden.“, erklärte Calitha und ihre Muskeln spannten sich an. Jaguarkralle hatte doch etwas vor. Bevor Calitha es verhindern konnte, flog Jaguarkralle in rasendem Tempo nach draußen. „Nein! Jaguarkralle, warte!“, schrie Calitha ihr hinterher aber Jaguarkralle reagierte nicht auf ihre Rufe. Calitha seufzte und flog ihr nach. Calitha musste sich alle Mühe geben um mit Jaguarkralle mithalten zu können. „Warte doch.“, bat sie weiter. Jaguarkralle sah sie kurz an und verlangsamte ihren Flug etwas aber ihre Flügelschläge blieben entschlossen. „Was hast du vor? Du kannst doch nichts bezwecken.“, versuchte Calitha sie zur Vernunft zu bringen. Jaguarkralle schnaubte abfällig. „Mein ganzes Leben lang wurde mir genau das eingeredet und du warst immer diejenige, die das Gegenteil behauptet hat. Warum sollte ich nichts bewirken können? Du kennst mich. Du kennst meine Stärken!“ „Es ist nur, ich habe Durza versprochen, dass du nicht dorthin fliegen würdest!“, erklärte Calitha verzweifelt. „Und ich möchte wirklich nicht dorthin zurück.“ „Du musst auch nicht mitkommen. Du kannst zurückfliegen.“, antwortete Jaguarkralle kühl. Sie würde sich nicht zur Umkehr überreden lassen! Calithas Blick verfinsterte sich. „Nein.“, sagte sie entschlossen. „Ich habe dich schon einmal im Stich gelassen und ich werde es nicht noch einmal tun!“ Überrascht sah Jaguarkralle sie an. „Wann hast du mich im Stich gelassen?“ „Damals, als Inti Palla und Anamaya so gemein waren, hätte ich mich auf deine Seite stellen müssen. Aber ich habe nichts gesagt. Ich war einfach zu feige.“, beschämt wandte sie den Blick ab. Eine Träne bahnte sich einen Weg über ihr hübsches Gesicht. „Das stimmt nicht, Calitha und du weißt es. Du warst so oft für mich da. Ohne dich hätte ich das alles niemals überstanden.“, Jaguarkralle lächelte aufmunternd. „Sieh nur! Wir sind schon da!“, rief Calitha überrascht und merkte wie müde sie war. Leise landeten sie auf dem Dach der Pyramide. „Meinst du sie sind auch schon da?“, flüsterte Calitha. Jaguarkralle nickte und gab Calitha ein Zeichen mit ihr näher an das Loch in der Decke heran zu schleichen. Beide warfen ein Klangnetzt in die Höhle, konnten aber niemanden entdecken. „Seltsam“, bemerkte Jaguarkralle. Plötzlich wurde sie nach hinten gerissen und eine scharfe Kralle legte sich auf ihre Kehle.

„Durza! Sieh dir das an!“ León, ein junger Soldat machte Durza auf Calitha und Jaguarkralle aufmerksam, die gerade auf dem Dach der Pyramide gelandet waren. „Das gibt’s doch nicht!“, fluchte Durza „Wieso muss sie auch so stur sein?“ „Soll ich sie da weghohlen?“, bot León seine Hilfe an. „Nein. Ich übernehme das schon.“, lehnte Durza ab. Dann sah er es. Ein großes Männchen hatte sich Calitha und Jaguarkralle unbemerkt genähert und war drauf und dran sie anzugreifen. „Das ist keiner von unseren Leuten.“, bemerkte León. „Ist mir auch schon aufgefallen.“, schnauzte Durza und warf sich aus dem Baum, der ihnen als Deckung diente.

„Keinen Schritt weiter, Abtrünniger! Du willst doch nicht, dass diesen schönen Hals eine unansehnliche Narbe ziert?“, zischte Rasfer, als er sah wie Durza vor ihnen landete. Erleichtert huschte Calitha zu Durza hinüber. Rasfer verstärkte seinen Griff an Jaguarkralles Schulter und drückte seine Kralle noch näher an ihren Hals. „Wenn du mich umbringst, kannst du nicht darauf hoffen diese Nacht zu überleben!“, knurrte Jaguarkralle angewidert und versuchte seinen Arm weg zu drücken. León und drei weitere Männchen der Anderen landeten hinter Durza, auf dessen Gesicht sich ein gemeines Grinsen ausbreitete. Rasfers Grinsen hingegen, war wie weggewischt. „Nun, unter diesen Umständen ...“, begann Rasfer und stieß Jaguarkralle zu Durza „... verschwinde ich lieber!“ León und die anderen drei stürzten hinter Rasfer her, der sich in die Pyramide geworfen hatte. Jaguarkralle knirschte mit den Zähnen. „Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen.“, grummelte sie und wollte hinterher aber Durza hielt sie fest. „Dein Stolz wird dich noch einmal umbringen! Du fliegst jetzt mit Calitha zurück. SOFORT!“ , fauchte er und seine blauen Augen blitzen gefährlich. „Ich dachte ich wäre eine wichtige Figur in diesem Kampf.“, bemerkte sie. „Jaguarkralle, lass uns zurückfliegen. Bitte.“, bat Calitha und ihre Stimme klang so verzweifelt, dass es Jaguarkralle einen Stich gab. Plötzlich holte Jaguarkralle aus und ließ ihre Kralle direkt auf Durza niederfahren. Durza war so überrascht, dass er nicht dazu kam den Schlag abzuwehren. Dann hörte er hinter sich etwas zu Boden gehen. Er drehte sich um und sah einen feindlichen Soldaten der ihn von hinten erschlagen wollte. Er sah zurück zu Jaguarkralle und ihr Blick sagte mehr als tausend Worte hätten sagen können. Inzwischen strömten alle zur Pyramide. Andere und „normale“. Alle fanden sich zusammen um die gewaltige Schlacht zu schlagen, die die Rangordnung verändern würde. Calitha sah sich um. Die Weibchen und Kinder strömten aus der unteren Region der Pyramide heraus und ihr Herz fing an schneller zu schlagen, als sie ihre Mutter unter ihnen sah. „Cahua!“, rief sie und winkte. Das verkrampfte Gesicht ihrer Mutter hellte sich auf, als sie Calitha sah. Rasch landete sie neben ihr. „Liebling. Du lebst ja!“, hauchte Cahua und nahm sie stürmisch in den Arm. „Los, es ist besser wenn ihr euch außer Reichweite bringt!“ Auf einmal war Jaguarkralle bei ihnen und schubste sie zum Rand der Pyramide. „Wo sollen wir denn hin? Und wo gehst DU hin?“, fragte Calitha. Die Atmosphäre um die Pyramide machte ihr Angst. Die Schlacht hatte noch nicht begonnen, aber die Luft war geladen von Angst und Hass. „Was weiß ich, fliegt in die Bäume und versteckt euch dort oder fliegt zur anderen Pyramide!“, antwortete Jaguarkralle gehetzt. „Andere Pyramide? Es gibt wirklich eine andere Pyramide?“, fragte Cahua erstaunt. „Ja. Und jetzt komm.“, sagte Calitha knapp und flog in die Baumwipfel. Jaguarkralle flog zu Durza. „Also, was ist der Plan?“, fragte sie. Überrascht sah er auf. „Der Plan ist, dass du, Calitha und ihre Mutter sofort verschwindet.“, knurrte er. „Wieso willst du mich nicht dabei haben? Du hast doch eben gesehen, was ich kann!“, empörte sie sich. „Warum willst du unbedingt dabei sein? Krieg ist nichts tolles! Sei doch nicht so stur!“, schoss Durza zurück. „Es ist auch mein Krieg! Außerdem bestimme ich doch, wie dieser Kampf ausgeht oder etwa nicht?“, zischte Jaguarkralle. „Wem willst du etwas beweisen?“, fauchte er. „Mir selbst. Ich will mir selbst beweisen, dass ich Dinge verändern kann. Und dir will ich beweisen, dass es nichts bringt mich wegschicken zu wollen.“ Ein Grinsen breitete sich über ihr Gesicht aus. Durza grinste zurück. „Na schön. Bleib etwas wenn du willst. Aber wenn es zu gefährlich wird, verschwindest du von hier, klar?“ „Gut.“, stimmte sie zu. „Wie ist der Plan?“

„Was?“, zischte Inti Palla, „Dir ist es nicht gelungen sie zu töten!?“ „Es tut mir Leid Herrin.“, winselte Rasfer und verzog vor Schmerz das Gesicht, als ihm der Arm auf den Rücken gedreht wurde. „Selbst ein Kleinkind hätte das besser hinbekommen, du bist ein kompletter Vollidiot!“, schimpfte Inti Palla und versetzte Rasfer einen Tritt in die Seite. „Tötet ihn.“, wies sie kaltblütig die Wächter an. „Nein! Herrin, nicht! Bitte. Ihr braucht mich noch!“, bettelte Rasfer. „Ach ja, und wozu? Um diesen Kampf zu verlieren?“, Inti Pallas Augenbrauen zogen sich zusammen. „Um Jaguarkralle zu vernichten.“, erklärte Rasfer, der immer noch auf dem Boden lag. „Wie?“ Inti Pallas Neugierde war geweckt. Sie war schon immer neidisch auf Jaguarkralle gewesen. Sie wollte so sein wie sie, kräftig, schön, groß und schlank. Sie brannte darauf, was Rasfer ihr zu berichten hatte. „Wie Ihr wisst, ist Jaguarkralle nur dann glücklich, wenn Calitha es auch ist.“, begann Rasfer seinen Plan zu erklären. „Ja. Calitha. Ich erinnere mich an sie. Sie war doch dieser Winzling, der sich nur von Früchten und Insekten ernährte.“, murmelte Inti Palla. Rasfer zog eine Grimasse. Gerade sie musste Calitha Winzling nennen. Calitha hatte zwar nur eine Spannweite von 90 cm, war damit aber auch nicht viel kleiner als Inti Palla selbst. „Nun, äh ja. Und Calitha ist nur glücklich, so lange ihre geliebte Mutter wohlauf ist. Aber was währe, wenn Cahua sterben würde?“, erzählte Rasfer weiter. Ein heimtückisches Grinsen breitete sich auf Inti Pallas Gesicht aus. „Eine gute Idee, Rasfer. Flieg zur Pyramide, und töte Cahua. Oder noch besser. Töte Calitha.“

Die Schlacht hatte bereits begonnen, als Rasfer bei der Pyramide eintraf. Überall waren Verletzte und auch Tote von beiden Kolonien. Aber kam es ihm nur so vor, oder waren es hauptsächlich seine eigenen Leute, die nahezu niedergemäht wurden? Er schüttelte den Kopf und flog einen Bogen um die Pyramide, um nicht entdeckt zu werden. Er strengte seine Augen an, konnte aber weder Calitha noch ihre Mutter Cahua irgendwo sehen. Aber er sah Jaguarkralle und diesen Abtrünnigen, den sie Durza nannten. Sein Magen zog sich vor Hass auf ihn zusammen. Er würde nicht nur Calitha und Cahua umbringen. Da war er sich sicher.
Als die Sonne aufzugehen begann, war die Schlacht noch in vollem Gange. Während die Anderen weiter angriffen, zogen sich ihre Feinde mehr und mehr zurück. „Meinst du das ist ein Hinterhalt?“, fragte Jaguarkrale außer Atem. Durza schüttelte den Kopf. „Nein. Sie ziehen sich vor der Sonne zurück.“ Inti Pallas Kolonie zog sich tatsächlich weiter in den Urwald zurück, bis kein einziger lebendiger mehr auf der Pyramide war, außer den Anderen. Jaguarkralle grinste. „Wie haben es geschafft! Wir haben gewonnen!“, rief sie und fiel Durza erleichtert um den Hals. Cahua und Calitha landeten neben ihnen. „Das war unbeschreiblich!“, keuchte Calitha. „Ich wusste nicht das du so gut kämpfen kannst, Jaguarkralle.“, lächelte Cahua. „Danke.“, freute sich Jaguarkralle. Niemand von ihnen bemerkte Rasfer, der hinter Cahua gelandet war. Erst als Cahua zu Boden stürzte und alle herumfuhren, sahen sie, wie Rasfer sich von der Pyramide in den Urwald schwang. Durza stürzte ihm hinterher. León sah sich Cahua an. Ihre Kehle war von Rasfer aufgeschlitzt worden. „Sie ist tot.“, wandte er sich an Calitha, die noch wie versteinert dastand. Calitha begann zu weinen und brach selbst zusammen. Jaguarkralle konnte sie noch auffangen, bevor sie auf den Boden aufschlug. Behutsam stellte Jaguarkralle Calitha wieder auf die Beine und nahm sie in den Arm. Durza kam zurückgeflogen. Erst jetzt bemerkte Jaguarkralle das Blut an seinen scharfen Krallen und Zähnen. Frisches, offensichtlich von Rasfer und älteres, von der Schlacht. „Wir sollten jetzt gehen.“, sagte er zu Calitha, legte seine Hand aber auf Jaguarkralles Schulter. Als Jaguarkralle ihn ansah, bemerkte er, dass auch ihr Tränen in den Augen standen. „Komm, wir gehen.“, sagte sie zu Calitha und musste ein Zittern in der Stimme unterdrücken. Calitha antwortete mit einem Markerschütterndem Schluchtzen und klammerte sich noch fester an Jaguarkralle. „Ist ja gut. Wir gehen doch nicht ohne dich. Du kommst doch mit.“, sagte Jaguarkralle sanft und löste Calithas Krallen vorsichtig aus ihrem Fell. León kam zu ihnen herüber. „Ich kann mich um sie kümmern.“, bot er seine Hilfe an. Jaguarkralle musterte ihn. Sie wusste dass man ihm vertrauen konnte und nickte. Bereitwillig lehnte sich Calitha an seinen Oberkörper. Er streichelte ihr Haar und sprach beruhigend auf sie ein. Als sich Calitha so weit beruhigt hatte, dass sie normal Atmen konnte, flogen die vier los. Erschöpft hängten sie sich in einer kleinen Gruppe an die Decke und schliefen sofort ein.

Ein halbes Jahr später, war diese Nacht noch immer nicht vergessen. Und alle wussten, dass sie auch niemals vergessen werden würde. Aber die Pyramide wurde noch gemieden, es hieß, dass die Geister der verstorbenen dort spuken würden. Jaguarkralle machte oft Witze über diese Geschichten und Calitha hatte den tragischen Tod ihrer Mutter halbwegs verkraftet. Sie lachte wieder und war fast so wie früher, was auch an Leóns ständiger Gesellschaft hätte liegen können. Jaguarkralle und Durza hielten sich oft an einem Baum auf, der wunderschöne Blüten trug.
„Weißt du, was dir gut stehen würde?“, fragte er uns riss eine der duftenden Blüten ab. Jaguarkralle lächelte, als er ihr die Blüte ins Haar steckte und lehnte sich zufrieden an ihn. So sollte es immer sein. So schön ruhig und nirgendwo irgendeine Bedrohung. „Hat man Inti Palla und den Rest ihrer Gefolgsleute schon gefunden?“, fragte sie nahezu beiläufig. Diese Frage war schon zur Gewohnheit geworden. „Nein.“, antwortete Durza in gleichem Tonfall und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Ist ja auch egal.“




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