Silverwing Story Blog – made by fairish.de.be

Welcome to our echo chamber.

Goldwing

[written by Syrus Brightwing]

 

-Darkness-

Dunkelheit. Stille. Einfach absolut nichts…
Wo bin ich?
Ich bin alleine…wirklich?
Hier ist jemand. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich weiss, dass er hier ist.
Ok. Erst mal schauen, ob noch alles da ist. Mal die Sinne und den Körper prüfen.
„OK. Ich kann hören, ich höre meine Stimme, ich kann sehen…wenigstens denke ich das, was sollte ich in dieser Dunkelheit schon sehen. Nicht wichtig. Kann ich riechen? Möglich, hier ist nichts, was man riechen könnte. Toll, selbes Problem.
Extremitätencheck. Hmm, am besten benutze ich das Echosehen. Flügel…da, Rumpf…da, Schwanz…da.
Gut, wie viele Flügel sind da. 1…2…3..?Hä? Halt mal, das ist nicht mein Flügel, ein halber Meter Spannweite ist zu gross. Hallo, wer ist da, wer bist du.“
„Ich wollte dich gerade das selbe fragen.“, antwortet eine heisere Stimme.
„Oh nein, ich kenne diese Stimme. Du bist ein Vampyrum, nicht wahr?“ fragt unser unbekannter Held.
„Kluges Kerlchen, und ich denke, du bist eine Fledermaus. Lecker.“
„Nett, aber bevor ich zu deinem Abendessen werde, musst du mich erst mal kriegen.“, antwortet die „kleine“ Stimme.
„Schwierig, ich kann dich nur hören, aber ich will dich gar nicht fressen. Noch nicht.“
„Grossartig. Immerhin bist du nicht dieser eine Vampyrum, ansonsten wäre ich schon lange Fledermausgehacktes.“
Stille. Die unbekannte Stimme schweigt.
„Hallo, sag was. Ich will wissen, wo du bist.“
„Schnauze, ich erinnere mich. Wie heisst du, Fledermaus??“
„Warum sollte ich dir meinen Namen verraten, ich kenne dich nicht einmal.“
„Meine Güte. Na gut, ich bin Smog. Sehr erfreut. Zufrieden?“
„Du bist ein Vampyrum. Ich begriffe nicht, warum du meinen Namen wissen willst.“
„Ich will wissen, was ich esse…nein, ich möchte meinen Verdacht bestätigen.“
„Hübsch, ein Vampyrum, das denken kann.“
„Lass das und sag endlich deinen Namen, oder ich fresse dich wirklich.“, schnauzt Smog ungeduldig.
„OK, aber zuerst: erkläre deinen Verdacht.“
„Na schön. Ich werde dir nun einige Worte sagen: Der BAUM, Unterwelt, Smog, die Oase, Cama Zotz und Greif.
So, was ist nun…
Ich weiss, dass du dich nun erinnern kannst…Schatten Silberflügel.

-Palingenesis-

Er kann sie gar nicht mehr loslassen. In diesem Moment gibt es für ihn nur diesen einen Gedanken: „Daheim.“
„Greif“, sagt eine sanfte Stimme, “Greif, du kannst jetzt loslassen, du bist wieder daheim.“
„Greif, lass sie los, oder du erstickst sie noch, und ich will nicht, dass du schon wieder jemanden umbringst“, meldet sich eine jüngere, weniger sanfte, aber dafür umso zynischere Stimme. “Ach was, ist schon in Ordnung, ich hab’s nicht so gemeint. Aber würdest du Marina trotzdem mal loslassen, ich möchte mit dir reden.“
Langsam beginnt Greif wieder klare Gedanken zu fassen. Diese Verkörperung seines Daheims, die er nun langsam wieder loslässt, ist Marina, seine Mutter.
„Na prächtig, seit kaum 3 Stunden wieder am Leben und schon wieder die altbekannte, große Klappe.“, gibt Greif zurück.
„Sonst hättest du Marina ja wohl kaum wieder losgelassen, oder?“
„Na ja, du bist ja auch nicht gerade kühl geblieben, als du deine Mutter wieder gesehen hast.“
„Im Gegensatz zu dir war ICH auch tot, schon vergessen?“
„Ja, schon gut, ich nehme nicht an, dass du mit mir darüber sprechen wolltest, oder? Und außerdem war ich auch tot. Und ICH war auch noch umgebracht worden.“
„Ob ich nun umgebracht wurde oder nicht ist Ansichtssache.“, gibt das Fledermausmädchen nach diesem Wortgefecht schlagfertig zurück.
„Fang jetzt nicht damit an. Ich hoffe doch nicht, dass du mit mir darüber sprechen wolltest, oder?“, kommt Greif auf das ursprüngliche Anliegen seiner Freundin zurück.
„Nein, eigentlich überhaupt nicht.“, gesteht Luna nun. Luna war Greifs Weggefährtin in der Unterwelt. Genaueres werden wir in diesem Gespräch noch erfahren.
Plötzlich ist Luna viel ruhiger. Mit gesenkter Stimme beginnt sie zu sprechen: „Ich wollte mich…“, beginnt sie, “ Ich wollte mich bei dir bedanken, Greif. Jemanden zu töten scheint unentschuldbar, doch du hast mich gesucht, wenn auch nicht ganz freiwillig, aber du hast mich zum BAUM geführt. Und das manchmal unter Einsatz deines Lebens.“
„Ja, aber das musste ich doch, ich wäre auch zum BAUM geflogen, wenn ich dich nicht gefunden hätte.“
„Sicher, schon richtig, aber du hast mich begleitet und das obwohl du manchmal dabei fast dein Leben verloren hättest. Und außerdem…du hast dein Leben verloren. Und da ist noch etwas…du scheinst der Einzige zu sein, dem ich im Namen deines Vaters danken kann. Sein Leben ist es, das in meinen Adern fließt. Greif, du warst es, der mich getötet hat, aber du warst es auch, der mir das Leben neu geschenkt hat, denn ohne dich hätte ich es nie bis zum BAUM geschafft und genau das ist es das den Tod entschuldet, deine Aufopferung für mich.“
Als sie endet, hat sie Tränen in den Augen.
„Das ist das erste Mal, das ich dich offen weinen sehe, Luna“, bemerkt Greif.
„Ich weiß, und ich wüsste nicht, warum ich dagegen ankämpfen sollte.“
„Es ist nur ungewohnt, du warst es immer, die mir auf der Reise mut machte. Ich habe die eben so viel zu verdanken, ohne dich hätte ich es nicht mal bis zur Höhle der Trauernden geschafft. Und nun plötzlich weinst du.“
„Erinnerst du dich nicht? So oft hatte auch ich Angst. Ich war verzweifelt, weil mir klar wurde, dass ich mein Zuhause nie wieder sehen würde. Und immer dann hast du mir Mut gemacht. Und einmal ging das sogar so weit, dass ich dich beinahe umgebracht hätte.“
„Ja, sicher. Aber vielleicht war es genau das, was mich immer wieder angespornt hat. Ich wollte dich da raus bringen, und das hat mir Kraft gegeben. Und damals als du mein Leben wolltest, hast du mir doch klar gemacht, dass ich nicht hier unten sterben wollte. Das hab ich dir doch gesagt, damals. Das hat meinen Durchhaltewillen ungemein gestärkt.“
Langsam fängt sie sich wieder.
„Es ist nur…erst jetzt wird mir klar, was wir da unten alles durchgemacht haben. Und erst jetzt, da ich mein Leben wieder habe, wird mir klar, wie oft du das deinige aufs Spiel gesetzt hast.“
„Ja, ist jetzt gut. Wir haben viel durchgemacht, aber wir sind dem Tod und dem Reich des Cama Zotz entkommen.“
„Ja, aber was ist mit deinem Vater? Er hat es nicht geschafft.“, erinnert ihn Luna.
Greif lässt ein leises Lachen hören.
„Luna, wenn es auch nur eine einzige, noch so absurd erscheinende Möglichkeit gib, zu den Lebenden zurück zu kehren, mein Vater würde sie finden.“

-liquid Light-

Langsam erinnert sich Schatten wieder.
„Smog, aber was machen wir hier? Ich kam durch den BAUM nach draußen und glitt als körperlose Gestalt durch den Wald. Warum habe ich plötzlich wieder einen Körper?“
„Mir ging es genau so und den anderen wohl auch. Doch das letzt an das ich mich erinnere, ist…ja, was war da eigentlich?“
„Davor war nichts, ihr seid nun einfach hier.“, antwortet eine Stimme. Sie hallt von nichts wieder, und scheint von überall zu kommen.
„Wer ist da?“, fragt Schatten in das Nichts herein.
„Ich.“, antwortet die Stimme.
„Na toll, gute Auskunft.“, knurrt Smog.
„Wo bist du.“, fragt Schatten.
„Überall, aber ich will mich euch in einer Gestalt zeigen die ihr begreift.“
Überall Licht. Wie Wasser läuft es zusammen.
„Oh mein Gott.“, entfährt es Smog.
„Nein, eigentlich nicht.“, sagt die Stimme, die nun langsam aus einer bestimmbaren Richtung zu kommen scheint.
„Was meinst du damit?“, fragt Smog mit zusammengekniffenen Augen.
„Eigentlich bin ich nicht DEIN Gott.“, antwortet die Stimme, die nun genau ortbar ist.
Schatten und Smog öffnen die Augen.
Vor ihnen schwebt das Resultat des flüssigen Lichts.
„Eigentlich währst du nun dran, Schatten Silberflügel, das träfe es besser.“
„Was meinst du dam…“, er stoppt. „ Meine Güte, das kann nicht sein.“
„Was, wer ist das.“, fragt Smog.
„Überleg doch mal, DEIN Gott ist SIE nicht. Aber bei mir träfe das eher.“
„Hmm, wer könn…aber ja. Nein, das kann doch nicht…sie sein, oder?“
„Doch“, fällt die Lichtgestalt dazwischen, “ich bin…“
„Nocturna“, vervollständigt Schatten den Satz ehrfürchtig.

-Nocturna-


Nocturna ist nun gut doppelt so groß wie die Flughündin Java, eine Gefährtin Schattens auf seinem Unterweltabenteuer. Java erschien Schatten immer so riesig, doppelt so groß wie Smog.
Gewaltige Schwingen, eine für sich schon so groß wie die gesamte Spannweite von Smog (1 Meter) und während Java einen Flügelschlag tat, musste Schatten gut 50-mal mit seinen Flügelchen schlagen.
Doch diese riesige Fledermaus die nun vor ihnen vor sich hin glüht, braucht keinen einzigen Flügelschlag. Sie strahlt in einem goldenen Licht, das jedoch Schatten und Smog nicht in den Augen schmerzt. Sie leuchtet, und doch schien sie kaum heller zu sein, als der Mond.
„Es freut mich das ihr beide mich so rasch erkannt habt, vor allem das du weißt wer ich bin, überrascht mich, Smog.“, spricht die goldenen Fledermaus nun, mit einer Stimme, die selbst aus diesem wunderbaren, warmen Licht zu bestehen scheint. Die Stimme hallt, doch trotzdem ist sie klar verständlich.
„Warum…Warum zeigst du dich uns?“, fragt Schatten, „vor allem, warum zeigst du dich Smog? Versteh mich nicht falsch, er hat mir sehr geholfen, aber er ist immerhin ein Diener des Cama Zotz.“
„So, denkst du.“, spricht Nocturna, „War es denn nicht er, der oftmals verhindert hat, das Goth und Phönix das Leben von Greif UND das deine bekommen haben. Und hat nicht er somit verhindert, das Goth und Phönix neue Anhänger für Zotz finden können?“
„Na ja, das stimmt schon, da hast du wohl Recht. Aber nach all dem was man sich erzählt, bist du doch tot, oder nicht.“, fragt Schatten weiter.
„Ja, mein eigener Bruder hat mich getötet, doch ich lebe weiter, ich lebe im BAUM und helfe den armen Seelen, aus der Unterwelt zu entkommen.“
„Sehr zur Missbilligung des Herrschers der selbigen.“, bemerkt Smog, zur Überraschung von Schatten, nicht ohne eine gewisse Genugtuung.
„Aber warum sehen wir dich hier?“, fragt Schatten.
„Wo denkst du denn, wo du bist?“, hilft Nocturna nach.
„Wohl im BAUM.“, antwortet Smog, anstelle von Schatte, als dieser einen Moment lang nichts sagt.
„Schön und gut, doch wir haben den Baum verlassen. Ich flog durch meinen Wald. Greif und Luna sind zurück, das habe ich gesehen und offenbar ist Smog auch raus gekommen.“
„Ja, das ist wahr. Aber ich könnte euch problemlos selbst zurückholen. Alle die die Unterwelt verlassen haben, kann ich auch wider zurückholen. Ich bin zwar tot, aber ihr alle, die ihr die Unterwelt durch den BAUM, durch mich verlasst, ihr lebt durch mich und umgekehrt. Aber ihr seid von selbst zurückgekommen. Schatten, du weist es wohl nicht mehr, aber als du durch Marina hindurch glittst, hattest du erst das wunderbare Gefühl, auch wieder zu hause zu sein. Doch bald hast du gemerkt, dass du ihnen nicht so nahe sein konntest, wie du es gerne gewesen währst. Und auch Marina und Greif, haben sich gewünscht, dich wieder zu haben, auch wenn sie es in der Wiedersehensfreude nicht so bemerkten, doch als du Teil von ihnen warst, hast du es bemerkt. Es ist nicht einmalig, das dies bei einem zurückgekehrten Geist passiert, meist kehren die…Nebelgestalten dann hierher zurück.“
„Und was ist mit Smog, „lebte“ er auch eine weile durch dich“, fragt Schatten.
„Ja, Schatten, jeder der die Welt wider sieht wenn er einst hier unten war, lebt durch mich, auch Smog.“
„Und hast du ihn zurückgeholt, oder kam er mehr oder weniger freiwillig zurück?“
„Frag doch ihn, er weiss es wohl besser“, entgegnet Nocturna.
„Ich kam halbfreiwillig zurück, würde ich mal sagen“, antwortet Smog, ohne Schattens Frage abzuwarten.
„Und warum?“, entgegnet die kleine Fledermaus
„So schwierig ist das nicht, erinnerst du dich, als wir die Fledermäuse in der Oase nach Greif gefragt hatten, habe ich dir gesagt, dass ich auch einst Kinder hatte...“, erklärt Smog.
„Du bist also erst vor kurzem gestorben, da du deine Kinder in der Oberwelt noch sehen konntest, richtig?“
„Ja, genau. Ich weiß nicht wie lang ich dort unten war, den Sklaven dürfte das Zeitschätzen einfacher fallen als den Obsidianzähnen.“
„Moment mal, langsam. Obsidianzähne?“, fällt ich Schatten ins Wort.
„Ja, die Sklavenwächter des Cama Zotz. Meist sind diese Wächter schon lange tot, aber ich war ein spezieller Vampyrum. Ich war einst ein Priester des Zotz. Doch als ich hier unten ankam, wurden mir die Augen geöffnet. Zotz war nicht der gnädige Herrscher, der Gott dem eigentlich beide Welten zustehen, der Lord der Unterwelt, einem Ort, in dem die Vampyrum in frieden leben konnten. Hier führten nur die wahren Anhänger Zotz ein gutes Leben, alle anderen beutete der Lord aus. Ich floh, obwohl ich eine gute Stellung hatte. Von einigen nördlichen Fledermäusen hatte ich vom BAUM gehört. Da wollte ich hin. Dann stieß ich zufällig auf eure Pilgergruppe. Aber das tut nichts zu Sache.“, wechselt Smog nun, “Die Wahrheit ist, ich starb bei einem Umfall. Ich denke ich war höchstens einige Wochen hier. Vielleicht auch Monate, wie gesagt, das ist schwer zu sagen.
Auch wenn du es wohl nicht glaubst, Silberflügel, als ich hoch über dem Dschungel herauskam und dann meine Familie fand, hatte ich dieselben Gefühle. Meine zwei Kinder schienen mich immer noch zu vermissen, auch meine Partnerin war immer noch nicht über meinen Tod hinweg gekommen. Ich wünschte mir nichts mehr, als zu ihnen zurückkehren zu können.“, schließt Smog endlich.
Und was Schatten da sieht, schockiert ihn zutiefst. Smogs Augen glitzern. Er schließt die selbigen und wischte sich schnell mit seinen Flügeln über die Lieder.
„Ich habe nie gedacht…das…das“, stottert Schatten.
„Das Vampyrum solche Gefühle haben können?“, ergänzt Smog, „ Wie hätte ich damals denn wissen sollen dass du deinen Sohn suchst? Ich wusste wie es ist, Kinder zu verlieren. Den, den du da suchtest, war nicht irgendjemand. Und deshalb musste ich dir einfach helfen. Und außerdem, ich weiss nicht, ob alle Vampyrum solche Gefühle haben können. Nach all dem was sich hier unten erlabt habe, kann ich das einfach nicht mehr garantieren.“
„Oh Smog, ich hatte ja keine Ahnung, für mich war das nur…na, ein Waffenstillstand aufgrund der etwas ungewöhnlichen Situation.“
Smog grinst. Erst jetzt fallen Schatten zum ersten Mal die ungewöhnlichen Zähne Smogs auf. Pechschwarz. Das also meinte er mit den Obsidianzähnen „Das war es anfangs wohl auch, als ich deine Geschichte noch nicht kannte. Und unter normalen Umständen, also wenn wir noch unter den Lebenden geweilt hätten, hätte ich dich wohl auch gefressen. Doch du und vor allem Greif, ihr seit mir immer mehr ans Herz gewachsen.“
„Ja, das hab ich vermutet. Ich hab bei drei aufgehört zu zählen, wie oft du mir da geholfen hast.“
„Ist das relevant? Was hatte ich zu verlieren?“
„Gut, auch wieder wahr. Aber um auf dich zurück zukommen, “, sagt Schatten und wendet sich an Nocturna, „warum hast du uns überhaupt zurückgeholt. Nur weil wir uns das gewünscht haben wohl kaum, oder?“
„Nein, unter uns gesagt nicht.“
„Aber warum sonst?“
„Das ist recht simpel, ich kann leben schenken. Nicht in der Form wie ihr es kennt, aber ihr könntet sichtbar und lebendig zurückkehren, denn Lebenswillen müsst ihr euch aber selbst erarbeiten. Irgendwann seit ihr dann wieder so lebendig wie eh und je.“
„Und warum, wenn man fragen darf?“, erkundigt sich Schatten, doch leicht erstaunt.
„Nicht das es mich stören würde, aber ich würde es auch gerne wissen“, ergänzt Smog.
„Ihr seit beide etwas ganz besonderes, ich will euch noch mal eine Chance geben, Schatten, du kannst und wirst noch viel erreichen und dir Smog, dir wird ein eher ungewöhnliches, aber großartiges Schicksal bevorstehen. Bedenkt jedoch, die Zukunft steht nie fest, ihr müsst die eure selbst erreichen. Schatten, Smog ich wünsche euch alles Gute. Noch bevor sich euer beider Schicksal erfüllen wird, werdet ihr euch wieder sehen. Auch mir werdet ihr abermals begegnen.
Doch jetzt, wünsche ich euch erstmal eine gute Heimreise.“
Alles wir hell. Schatten muss die Augen schließen, zu stark erstrahlt die Umgebung.

-The Reborn-

Schatten öffnet die Augen. War das alles ein Traum?
Wo sind Smog und Nocturna. Gab es sie überhaupt jemals?
Schatten öffnet die Flügel. Alles noch dran.
Rund um ihn herum stehen Bäume, am Himmel funkeln Sterne. Es ist milde Nacht, am Firmament strahlt hell der Mond.
Schatten lässt sich von seinem Baum fallen und segelt knapp über dem Boden in den Wald hinein. Alles wirkt vertraut, aber Schatten hat das Gefühl, als sei er schon lange nicht mehr hier gewesen.
„Ich muss zum Baumhort.“, ist sein wichtigster Gedanke.
Aber wo ist der Baumhort? Sind die andern dort? Wie viel Zeit ist vergangen, zwischen dem Beginn des Unterweltabenteuers und heute? Gibt es den Baumhort überhaupt noch?
So tief in seine Gedanken versunken währe Schatten beinahe mit einem Ast zusammengestossen. Schatten dreht die Flügel, bremst ab und landet mehr oder weniger galant unter dem Ast. Neben ihm am Ast hängt ein grosses, braunes Blatt.
Schatten schaut sich um. Nicht weit von hier plätschert ein Bach durch den Wald. Hier und da surren einige Käfer um die Bäume. Schatten nimmt sie jedoch nur halb war. Er hat keinen Hunger. Noch nicht zumindest. Am Fuss des Baumes wachsen einige Blümchen. Alles in allem muss es also Sommer sein. „Gut.“, denkt sich Schatten, „so viel Zeit kann noch nicht vergangen sein.
Schatten hält inne. Nur mal wieder den Wind spüren, hören wie der Wald klingt, schnüffeln, nach was die Nacht riecht, sehen was die echten Sterne für Bilder an den Himmel zaubern.
Das Laub raschelte, ein feiner Duft von Sommer schwebt durch die Bäume.
„Schön wieder hier zu sein“, denkt sich Schatten.
Dann erstarrt er.
Da stimmt doch was nicht.
Der Wald ist in jeder Hinsicht voll von Sommer.
Aber da ist etwas, was nicht in dieses Bild passt.
Das Problem ist nur, Schatten weiss noch nicht genau was.
Alles scheint so lange her, so viel Zeit war vergangen, so scheint es ihm zumindest.
Aber da passt etwas nicht. Ein erneuter Windstoss lässt die Blätter rascheln.
Aber ja doch, wenn es heute Sommer ist, warum hängt dann neben ihm ein grosses, verdorrtes Blatt, der stetige Wind hätte es längst abreissen müssen.
„Wie ein Herbstblatt, das noch nicht abgefallen war.“, schiesst es Schatten durch den Kopf.
Ein Herbstblatt, eingehüllt in ledrige, hell leuchtende, lange, schmale Flügel, am Ast hängend, nicht an einem Stil, sondern an zwei Beinen, endent in ein Paar scharfer Krallen.
Langsam dämmert es Schatten.
Vorsichtig hangelt er sich näher an das vermeidliche „Blatt“ heran.
Ein Blatt atmet aber normalerweise nicht.
Es sei denn…“Marina“, flüstert Schatten in Richtung des Blattes
Das Blatt regt sich. Es öffnet seine langen Flügel. Das Fell dieser Fledermaus schimmert hell im Mondlicht, auf dem Kopf sitzen zwei elegante, muschelförmige Ohren.
Die Fledermaus dreht sich zu Schatten um. Zwei wunderschön strahlende Augen richten sich auf ihn.
Es vergehen einige wenige Sekunden, von weit weg durchbricht ein Uhu mit seinem Schrei die Stille.
„Schatten“, fragt die erstaunte Fledermaus, eindeutig ein weiblicher Glanzflügel.
„Marina“, gibt Schatten wenig hilfreich zurück.
„Ist das ein Traum?“, flüstert Marina.
„Kaum, Marina, ich bin wieder da.“
Sie umschlingt ihn mit ihren Schwingen.
Die Zeit scheint für Schatten still zu stehen.
Erst als er nun endlich wider Marinas Wärme spürt, merkt er, wie kalt er hat.
„Wie ist das möglich?“, fragt sie erstaunt, nachdem sie wieder losgelassen hat.
Ihre smaragdgrünen Augen leuchten vor Freude.
„Komm, gehen wir zum Baumhort, das ist eine lange Geschichte“, sagt Schatten, und dann:
„Den Baumhort gibt es doch noch, oder?“
„Keine Sorge. So lange warst du nicht weg.“, beruhigt ihn Marina.
Dann sagt sie: „Los Schatten, wer als letzter dort ist, ist eine lahme Krähe.“
„Sie ist immer noch die Alte.“, denkt sich Schatten grinsend, lässt sich Fallen und jagt mit kraftvollen Flügelschlägen hinter Marina her, um ihren Vorsprung einzuholen.

Schatten schiesst mit gewaltigem Tempo hinter Marina her. Ihre langen, schmalen Schwingen lassen sie bedeutend schneller fliegen als Schatten. Doch sie hat einen Nachteil im Wald.
Schatten kippt seitlich ab, tiefer in den Wald, dem Bach entlang. Marina kann zwar schneller fliegen, aber Schatten ist mit seinen gedrungenen Flügeln viel wendiger. Der Weg dem Bach entlang ist für Marina zu umständlich, jedoch ist diese Route eine Abkürzung zum Baumhort.
Das ist grossartig. Endlich wieder den Wind, der einem entgegenpeitscht. Schatten klappt die Flügel zusammen und fängt sich kurz vor dem Bach wieder ab. Er geht noch ein Stück runter und schaufelt das kristallklare Wasser in seinen Mund. Herrlich.
Dann sieht er ihn: Vor Schatten auf einer Lichtung steht der Baumhort, ein mächtiger Silberahorn, durch und durch ausgehöhlt von den Silberflügeln. Schatten steigt steil auf, um Geschwindigkeit zu verlieren, zieht die Flügel an und landet nach einer eleganten Rolle unter einem Ast am Rande der Lichtung. Das silberne Mondlicht lässt den Ahorn in einem schon fast mystischen Licht erstrahlen.
„Tja Schatten, ich bin immer noch schneller.“, sagt ein braunes Blatt neben ihm.
„Warum lerne ich es nie?“, stöhnt Schatten.
„Was?“, fragt Marina, die sich inzwischen „zurückverwandelt“ hat.
„Du kannst mich jedes Mal wieder erschrecken, wenn du wie ein Herbstblatt da hängst.“
Sie lächelt. „Komm, lass uns rein gehen, zu kalt draussen.“
„Wo sind denn alle anderen?“, fragt Schatten, während sie auf den Baumhort zufliegen.
„Es ist kurz vor der Morgendämmerung, fast alle sind schon zurück.“, antwortet Marina, und deutet mit dem Kopf nach Osten, wo sich der Himmel schon hellblau zu färben beginnt.
Ein schwarzer Schatten hebt sich von dem bläulichen Hintergrund ab.
Schatten grinst hinterhältig. Mal sehen wie der auf seine Rückkehr reagieren würde.
„Hallo Chinook!“, ruft er.
Der grosse Silberflügel segelt langsam an ihm und Marina vorbei.
„Morgen Schatten, morgen Marina“, gähnt Chinook.
Fast augenblicklich stellt Chinook seine Flügel an und bremst ab. Er steht nun fast bewegungslos in der Luft.
Dann wirbelt er herum.
„Schatten?“
„Morgen auch, Chinook“, grinst Schatten zurück.
Chinooks Aufprall reisst Schatten beinahe vom Ast. Aufgeregt beschnüffeln sich die beiden.
Chinook mustert Schatten von oben bis unten. „Scheinst deinen kleinen „Ausflug“ ja gut überstanden zu haben.“, bemerkt Chinook grinsend, „Du lässt dich wirklich von nichts und niemandem unterkriegen, nicht war? Nicht einmal von Cama Zotz persönlich…“
„Na ja, so eine grossartige Leistung war das nicht, ohne Nocturna währe ich nicht hier, sie hat mir eine nächste Chance gegeben.“, winkt Schatten ab.
Marinas und Chinooks Minen vereisen plötzlich.
„Was soll das heissen?“, fragt Marina sichtlich verwirrt.
„Willst du uns erzählen, Nocturna habe dir ein neues Leben gegeben?“, erkundigt sich nun auch Chinook.
„So in der Richtung. Und nicht nur mir, sondern auch Smog.“
„Smog?“, kommt es von Marina und Chinook gleichzeitig.
„Erklär ich euch später, ich erzähl euch alles ganz genau…“
„Wir wissen wer Smog ist, genau darum überrascht uns das so“, unterbricht ihn Marina.
„Woher wisst ihr von…Hat euch Greif die Geschichte erzählt?“
„Greif und Luna, genauer“
„Dann sind sie also heil angekommen, sehr gut.“
„Kommt, lasst uns rein gehen, es wird hell und kühl.“, meldet sich Chinook zu Wort.

Smog segelt dicht unter der tief hängenden Wolkendecke über den dunklen Urwald. Bis zum Horizont reicht das Baummeer. Es ist warm und feucht diese Nacht, nicht weiter ungewöhnlich für diese Gegend, für jemanden, der Monatelang in der Unterwelt lebte aber eine ziemliche Umgewöhnung. Unter Smog bahnt sich ein kleiner Fluss seinen Weg durch den Wald. „Na also, wurde aber auch Zeit“, denkt sich Smog und schwenkt hart nach links.
Mitten im Wald liegt ein kleiner Hügel. Smog umkreist den Erdhaufen etwa zur Hälfte, bis er ein Loch findet, das fast senkrecht in die Erde führt. Smog fliegt hinein, legt die Flügel an lässt sich nach unten fallen. Je weiter Smog nach unten rauscht, desto kälter wird es.
Schlagartig breitet Smog seine Schwingen vollständig aus und fängt sich so abrupt aus dem Fall auf. Hier unten ist es vollkommen dunkel. Natürlich kein Problem für eine Fledermaus.
Smog hört Geräusche aus der Höhle.
„Das müssen die Anderen sein, ist ja schon fast Morgen.“, denkt er sich.
Smog fliegt tiefer in die Höhle, ohne Echosehen, nur den, durch lange Routine bekannte Weg zu seinem Schlafplatz. Als er glaubt dort zu sein, schiesst er einen Echostrahl auf die Position seines Platzes ab.
Smog grinst. Dort hängen ein anderer Vampyrum sowie zwei Jungtiere. „Wer da?“, fragt eine Stimme aus der Dunkelheit, die offenbar Smogs Echo bemerkt hat.
Gleich darauf streift eine Echoortung Smog.
„Smog?“, fragt die Stimme.
„Ja Isis, ich bin zurück.“
Ein Rascheln und dann ein Aufprall, der Smog fast aus der Luft gerissen hätte. Das warme Fell von Isis, seiner Partnerin schmiegt sich an ihn.
„Wie ist das möglich, wie konntest du wieder zurückkehren?“
„Das ist eine lange Geschichte, Liebes. Ich erzähle dir alles der Reihe nach.“
„Dann ist es also doch möglich…“, flüstert Isis nachdenklich.
„Was meinst du damit?“
„Dann ist es also wirklich möglich, aus der Unterwelt zu entkommen.“
„Wie soll ich das verstehen, das scheint für dich ja nicht sehr ungewöhnlich zu sein.“
„Ein anderer Vampyrum ist vor einiger Zeit zusammen mit unseren Jünglingen hier angekommen und hat behauptet er sei ein Diener des Cama Zotz und komme aus der Unterwelt.“
„Wie nennt sich denn der Kerl?“, fragt Smog mit wachsender Sorge. Er glaubt zu wissen, wer hier wieder an die Oberfläche gekommen ist, um neues Unheil anzurichten.
„Wenn ich mich recht erinnere“, beginnt Isis, „nennt er sich selbst „Goth.“

-The evil twin-


Smog schläft tief. Die Ereignisse der letzten Stunden waren äusserst ermüdend.
Vor seinen Augen sieht er im Schlaf eine weite Wüste. Dürr und leer. Es ist Nacht, am Himmel funkeln klar die Sterne, in ihm unbekannten Bildern.
„Das ist die Unterwelt“, schiesst es ihm durch den Kopf.
„Ich will aufwachen, ich bin nicht mehr tot.“
„Nana, Smog, du willst schon gehen?“, donnert eine tiefe Stimme.
Vor Smog bebt die Erde, der Sand scheint zu kochen.
Aus dem Boden steigt etwas auf. Erst die Flügelspitzen, dann der alte, schlangenartige Kopf, dann folgt der riesige Körper, das Fell alt, sandig und verfilzt. Die gewaltige, uralte Fledermaus vor Smog hatte gewiss schon bessere Tage hinter sich, aber mit der Höhe einer Kathedrale ist sie trotzdem noch sehr beeindruckend.
„Cama Zotz“, flüstert Smog ehrfürchtig.
„Jaaaaa“, zischt Zotz mit schleimiger Stimme.
Zotz breitet seine riesigen, pechschwarzen Schwingen zur vollen Grösse aus.
„Ich habe dir abgeschworen, dunkler Herrscher, ich bin zurück bei den Lebenden.“, knurrt ihm Smog trotzig entgegen.
„Ich weiss, meine nichtsnutzige Schwester musste sich wieder ein mal einmischen.“, fauchte Zotz verachtend. „Aber dass du mir auf einmal untreu wurdest, wusste ich nicht. Wie kommt das? Du warst einst mein treuer Diener, in meinem Reich hattest du den besten Posten, du enttäuschst mich, Smog.“
„Ich habe dein wahres Gesicht gesehen, Zotz, du bist ein grausamer Herrscher. Und nun schickst du auch noch deinen Speichellecker Goth hier hoch. Was ist Zotz? Bist du nicht mehr mächtig genug?“
„Schweig“, donnert Zotz.
Mit gewaltigen Flügelschlägen erhebt sich der Gott in die Luft. Flammen lodern nun über seinen Körper, seine Augen glühen. Die nächtliche Umgebung wird nun erhellt, durch Zotz Flammen.
„Goth ist ein wahrer Diener des mächtigen Zotz, im Gegensatz zu dir, Abtrünniger.“
„Lass es Zotz, deine Macht reicht nicht aus, um mich zu bestrafen. Du bist genau so tot wie deine Schwester. Aber sie ist mächtig, sie hat mir Leben geschenkt, was du nicht konntest.“
„Lass dieses verdammte Biest aus dem Spiel. Ich bin immer noch Mächtiger als Nocturna.“
„Bist du das, Bruderherz?“, säuselt eine hallende Stimme hinter Zotz.
Ein Wirbel aus Licht steigt aus dem Boden auf. Ein Schwarm von Geräuschen ertönt, so wunderbar wie sie Smog noch nie gehört hat. Ein Lichtblitz strahlt am oberen Ende des Wirbels auf, mit einem dumpfen Knall schiesst eine Druckwelle aus Licht in alle Richtungen bis zum dunklen Horizont davon und lässt Zotz Flammen dröhnend nach hinten lodern.
Fasziniert beobachtet Smog das Schauspiel von Licht, Klang und Feuer.
Cama Zotz scheint von dem Spektakel weniger erfreut zu sein.
„Was machst du hier, du Abschaum?“, faucht Zotz, sichtlich verwirrt Nocturna an.
„Ich bin nicht so tot, wie du aussiehst. Das ist nur ein Traum, ich habe genug Macht, mich in Smogs Träume einzumischen, genau wie du, mein Brüderchen.“ Die letzten zwei Worte betont sie äusserst nachdrücklich und genüsslich.
„Halts Maul, ich bin mächtiger als du und werde es auch bleiben.“
„Bis du sicher, Brüderchen? Ich gewinne Macht zurück, wie du siehst.“
„Ich werde dich…“Smog schnappt mit seinen gewaltigen Kiefern nach Nocturna.
Mit lautem Krachen donnern seine Fängen aufeinander. Feuer scheint wie Geifer zur Seite wegzuspritzen.
„Ach was, Zotz, du kannst mich nicht noch mal töten, eine Lichtgestalt ist nicht zu fassen, mein Lieber.“
„Wenn ich euch zwei mal unterbrechen dürftet, ihr seit hier in meinem Traum, wenn ihr nur euer Wiedersehen feiern wollt, dann lasst mich nun weiterschlafen.“, mischt sich Smog ein.
„Du schläfst bereits, Smog“, antwortet Nocturna mit zuckersüsser Stimme.
„Keine Sorge Smog, wir sehe uns wieder.“, raunt Zotz. Der Totengott steigt mit gewaltigen Flügelschlägen und unter ohrenbetäubendem Getöse hoch in den Nachthimmel auf. Dann verschwindet er in einem Feuerball, hell wie die Sonne. Smog muss sich die Augen zukneifen, aber Nocturna schaut nur leicht genervt an die Stelle, wo noch Sekunden vorher der Feuerball war. „Der hat Nerven.“, knurrt sie.
„Für Geschwister scheint ihr euch ja nicht gerade gut zu verstehen.“, sagt Smog zu Nocturna.
„Nun ja, immerhin hat mein liebenswerter Bruder mich umgebracht, nicht wahr?“
„Stimmt, ich währe da wohl auch nicht sehr gut auf meinen Bruder zu sprechen. Willst du etwas Bestimmtes von mir, oder wolltest du nur mal mit deinem Bruder plaudern?“
„Ich habe was für dich. Offenbar hat sich Zotz Lakai Goth bei euch eingenistet. Behalte ihn im Auge, ich weiss nicht was Zotz vorhat. Und er hat etwas vor, ich weiss nur nicht was.“
„Mach ich, aber da ist noch etwas anderes.“
„Und das währe?“, lächelt Nocturna.
„Weißt du, wie es Schatten geht?“
„Oh, du scheinst den Kleinen zu mögen.“, lacht die Nachtgöttin. „Dem geht es prächtig. Und keine Angst, ich sagte ja, ihr werdet euch wieder sehen, sehr bald sogar.“
„Danke. Aber eines begreife ich nicht, du weißt, das ich Schatten bald treffen werde und du kennst unser beider Schicksal, aber du weißt nicht, was dein Bruder plant?“
„Das stimmt. Ich weiss das ihr euch wieder sehen werdet, aber ich weiss nicht wie und wann und wo und ich kenne euer Schicksal nicht wirklich, ich weiss nur, das deines ungewöhnlich sein wird. Genau so wie das von Schatten, Greif, Marina und einigen anderen. Aber ich kann nicht sagen, was genau daran so speziell sein wird. Vielleicht war gerade dieser seltsame Traum das seltsame an deine Schicksal, aber vielleicht wird es noch viel unglaublicher.“
„Hmm, ich weiss nicht.“, meint Smog nachdenklich. „Ich denke, mir wird noch mehr widerfahren.“
„Wenn du meinst, wird es stimmen.“
„Noch eine letzte Frage, kannst du auch Schatten auf diese Weise erscheinen?“
„Kann ich und werde ich wohl auch früher oder später, warum?“, fragt die leuchtende Fledermaus.
„Sehr schön, dann Grüsse ihn von mir“, grinst der Vampyrum.
„Das werde ich tun.“, meint Nocturna noch zu Smog.
Dann, wie bei ihrem ersten Treffen, glüht alles um Smog herum auf, so grell, dass er die Augen schliessen muss. Alsdann ist die Nachtgöttin verschwunden und Smog gleitet über in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


Auch Schatten schläft nun tief und fest. Lange, lange hat es gedauert alle zu begrüssen und alles ausführlich zu erklären. Als endlich die ganze Kolonie zufrieden war, stand die Sonne schon hoch am Himmel.
Schatten ist wieder im Dunkeln, dieses Mal ganz alleine und vollkommen körperlos. Vor ihm schwebt ein kleines Licht in der Dunkelheit.
„Komm Schatten, folge mir…“, kichert das Licht und schwebt hüpfend in die Finsternis hinein. Schatten folgt ihm, ohne mit den Flügeln zu schlagen, er ist im Moment nur ein Gedanke, ein beseeltes Nichts. Nur durch die Vorstellung von Fortbewegung schwebt er ins Dunkel. „Komm Schatten, komm“, lacht die Lichtstimme, nun schon ein ganzes Stück von ihm entfernt. „He, warte auf mich!“, ruft Schatten, wie in einer seltsamen Trance.
„Komm Schatten, nicht mehr weit, nicht mehr weit. Komm Schatten, ich will es dir zeigen.“
„Was willst du mir zeigen?“
„Will es dir zeigen Schatten, gleich da vorne.“, kichert das Licht mit seiner hohen, singenden Stimme.

Das Licht schwebt weiter ins Unbekannte. Dann bleibt es zitternd in der Luft stehen.
„Ist es hier?“, fragt Schatten. Obwohl er keinen Körper hat, fühlt er sich merkwürdig erschöpft.
„Ja Schatten, hier...“, plötzlich kichert das Licht nicht mehr. Rot glühend steht es im Raum. Nun donnert eine andere Stimme durch die Dunkelheit. Dröhnend, alt, böse: „Hier ist es Schatten, hier sehen wir uns wieder.“
„Wer…wer ist das?“, stottert Schatten.
„Kennst du mich nicht mehr, Schatten?“
Das Licht scheint nun zu brennen, in Flammen zu stehen.
Vom Licht aus breitet sich ein Feuer aus. Erst bilden die Flammen einen alten, schlangenartigen Kopf. Wie brennendes Wasser fliessen die Flammen zur Seite und nach unten. Riesige Schwingen aus Feuer wachsen seitlich des Kopfes in die Höhe. Nach unten vereinen sich die lodernden Flammen zu einer Art Schweif. Als Schatten zu letzt einer solchen Erscheinung begegnete, war dies eine wunderschöne, friedliche Lichtgestalt.
Auch dieses Wesen hier scheint nicht von dieser Welt zu sein. Wie Nocturna schwebt es regungslos im Nichts und strahlt so hell wie die Sonne. Diese Helligkeit jedoch, schmerzt Schatten in den Augen. Dieses…Ding, das spürt Schatten, ist nicht so friedlich wie Nocturna. Es scheint nur aus Flammen zu bestehen, wenn die Fledermaus vor ihm spricht, klingt es, als würde ein Feuersturm aus ihrer Kehle wüten. Das Wesen ist uralt, älter als alles was Schatten bisher gesehen hat. Und es ist böse, sogar der Äther, der es umgibt scheint durch seine Anwesenheit böse zu werden. Und dieses Ungetüm strahlt eine gewaltige Macht aus. Eine Macht, gemischt aus Habgier, Zorn, Ehrgeiz und purem Hass. Dieses Ding ist nicht einfach eine Laune von Schattens Traumgedächtnis, diese Feuererscheinung ist…
„Cama Zotz…“
„Jaaaa.“, donnert Zotz, seine pupillenlosen, hell glühenden Augen weiten sich grausam entzückt. Ein breites Grinsen seinerseits entblösst Zotz Fängen, gross wie Schatten selbst…die kleineren von ihnen.
„Was willst du, Zotz, ich befinde mich nicht mehr unter deinen Untertanen.“, faucht Schatten den Feuergott an.
Wie der einer Schlange, schiesst Zotz Kopf blitzschnell nach vorne, bis seine Schnauze beinahe Schattens…Nichtkörper berührt. Schatten kann nun die Flammen lodern hören und fühlt die höllische Hitze von Cama Zotz.
„Ich will dir etwas zeigen, Schatten. Du kannst mich nicht noch einmal aufhalten, es ist zu spät. Auch meine unnütze Schwester kann euch nicht mehr helfen.“

-Cama Zotz-

Schatten, jetzt wieder mit Körper, segelt über eine weite, prächtige Flusslandschaft. Unter ihm schlängelt sich das Wasser durch die Wiesen, aus einer entfernten Bergkette kommend.
Es ist eine schöne Gegend, freudig leicht segelt Schatten auf der aufsteigenden Thermik und geniesst die wohlige Wärme, mit der Sonne auf ihn herunter scheint.
Doch plötzlich erlischt die Sonne. Schatten blickt zum Himmel, nur noch schwere Wolken, Dunkelheit, nicht mal eine schwarze Scheibe, wie damals, bei der Sonnenfinsternis. Mit entsetzen sieht Schatten, wie das Wasser des Flusses unter ihm versiegt. Die Bäume scheinen rasend schnell zu verrotten, brechen in sich zusammen. Alle anderen Pflanzen verdorren sofort. Die Ebene ist nun tot, grau, öde. Nur noch einige geisterhaft ausschauende Baumreste stehen einsam in der Ebene. Die Wolken reissen auf, ein gewaltiger Sternenhimmel kommt zu Vorschein, der Vollmond beleuchtet eine kalte, leblose Welt unter ihm.
Ein riesiger Schatten zieht vor dem Mond vorbei, doch Schatten nimmt ihn kaum wahr. Langsam segelt Schatten über die leere Erde. Nahe dem ehemaligen Flussbett hängt er sich an einen der dürren Bäume. Da vernimmt er hinter sich das Geräusch von schlagenden Flügeln, grosse Flügel, aber nicht das gewaltige Donnern von Zotz Schwingen. Schatten dreht sich um und blickt in das Gesicht einer grossen Fledermaus, ein gutes Stück grösser noch als Java, cirka 4 Meter Flügelspannweite. Das Fell der Fledermaus ist schwarz wie die herrschende Nacht. Schatten spürt, dass das keine normale Fledermaus ist, an der Aura, die dieses Nachtgeschöpf umgibt, spürt Schatten, das dieses Wesen böse ist. Diese Fledermaus ist eindeutig Cama Zotz, doch dieses mal ist es kein Hass, keine Dunkelheit die von ihm ausgeht, Schatten weiss nicht einmal, ob er sich die böse Aura vielleicht nur einbildete, da er schon vorher vermutet hatte, dass das Zotz ist. Zotz wirkt ruhig, eisig, aber nicht abweisend. Seltsamer weise, findet Schatten die Anwesenheit von Cama Zotz schon beinahe beruhigend. Anders als der riesige, alte Totengott aus der Unterwelt mit seinem Schlangenkopf und dem verdreckten Fell, ist diese Erscheinungsform schon fast bewundernswert. Sein ganzer Körper ist von schwarzem, dichtem Fell überzogen, dass im Mondlicht hell schimmert. Seine Arme sind kräftig, sein Brustkorb breit. „Er währe ein guter Jäger.“, schiesst es Schatten unweigerlich durch den Kopf. Sein Kopf ist von dichtem, schwarzem Fell überzogen und wird geziert von einem prächtigen Kamm. Nur seine Augen entlarven ihn noch. Hell glühende, pupillenlose und trotzdem emotionale Augen.
„Hallo Schatten.“, spricht Zotz. Seine Stimme klingt kräftig, heiser, aber längst nicht so bedrohlich wie vorhin. Schatten erinnert sich an Borael, den Eulengeneral. Zotz Stimme ähnelt der seinen. Tief, dröhnend, Respekt einflössend und doch auf eigene Weise Vertrauen erregend und freundlich. Und Zotz Stimme hat jetzt auch jenes seltsame Hallen, wie es auch Nocturna hatte, nur nicht ganz so stark.
Schatten hat abermals jenes seltsame Gefühl, welches er bereits in der Unterwelt schon einmal hatte, als er mit Zotz sprach. Jenes fremdartige Gefühl von Bewunderung und Verständnis für den Totengott. Ob Zotz ihn wohl absichtlich so stimmt?
„Keine Sorge, Schatten. Du hast immer noch deinen freien Willen.“, brummt Zotz, als ob er Schattens Gedanken gelesen hätte. Hat er vermutlich auch…
„Wo sind wir hier?“, fragt Schatten.
„Weiss ich nicht so genau, irgendwo. Ist auch nicht so wichtig.“, antwortet ihm Cama Zotz.
„Wolltest du mir das zeigen?“, fragt Schatten, seinen Blick über die kalte, unbekannte Welt leitend.
„Ja genau Schatten, das ist es, was euch alle erwarten wird.“
„Und was ist das genau.“
„Nun Schatten, ich wurde dazu verbannt, nur über die Unterwelt zu herrschen. Wenn es denn nun so sein soll, gut. Aber es wird mich nicht davon abhalten, auch die Oberfläche zu beherrschen.“
„Ach ja, dummerweise habe ich deine Chance damals zu Nichte gemacht Zotz, oder hast du das vergessen?“
Zu Schattens Überraschung scheint der Gott recht belustigt zu sein, seine Augen scheinen zu lachen und ein leichtes Grinsen entblösst seine schneeweissen Fängen.
„Ja genau, das war eine ziemlich beeindruckende Vorstellung.“
„Das scheint dich ja regelrecht zu amüsieren“, stellt Schatten fest.
„Allerdings, es ist kein alltägliches Erlebnis, das eine Nordfledermaus mit einigen Kumpanen eine ganze Kolonie von Vampyrum ausrottet. Ich achte all jene, die den Tod nicht fürchten und denen es an guten Ideen nicht mangelt. Sei es nun ein Freund oder ein Feind.“
„Interessante These, aber für ein wenig Gequatsche ist es hier reichlich ungemütlich.“
„Ach, das ist gewöhnungsbedürftig, aber wenn es dich stört, bitte.“, spricht Zotz.
Im nächsten Augenblick, wächst rund um sie herum wieder ein Wald, durchzogen von einem klaren, plätschernden Fluss.
„Oder bevorzugst du etwas anderes?“, grinst Cama Zotz.
Schon einen Augenblick später befinden sie sich mitten in einem dichten Dschungel.
„Oder doch lieber so“
Nun hängen sie an einem Baum, hoch auf einem Hügel, umgeben von einem Wald, der sich scheinbar endlos weit zu erstrecken scheint.
„Wie hast du das gemacht?“, fragt Schatten erstaunt.
Zotz grinst erfreut. „Das ist mein Reich, Schatten, hier kann ich machen, was ich will. Schau!“
Zotz schliesst kurz die Augen.
Schon scheint die Sonne am Himmel. Schatten schliesst erschrocken die Augen.
„Tut mir leid.“, lacht Zotz, „Hunger?“
Im nächsten Moment schwirren tausende Mücken um Schatten herum.
„Oder bist du vielleicht durstig?“
Dichte Wolken hängen unvermittelt über dem Wald. Sekunden später regnet es in strömen,
Von den vielen Ereignissen auf einmal langsam leicht verwirrt, ruft Schatten durch das Getöse des Regens: „Jaja, stopp, ich hab begriffen, was du sagen wolltest.“
Der Mond scheint, es ist angenehm warm und trocken. Schatten schüttelt sich den Regen aus dem Fell. Zotz, der neben ihm am Ast hängt, scheint gar nicht erst nass geworden zu sein, was Schatten aber nicht sonderlich überrascht.
„Ich muss sagen, du magst zwar ein bösartiger, alter Schreckenslord sein, aber du weißt, was du tust.“
„Ach komm schon Schatten, es mag sein, das meine Mittel und Wege damals im Dschungel etwas…unkonventionell waren, aber es hatte alles einen Grund, das wirst du später noch sehen, und was mein Alter anbelangt, ich bin nicht älter als Nocturna.“, meint Zotz mit gespielt, beleidigter Mine. Aber er kann ein stolzes Grinsen nicht verbergen.
„Mag sein, aber was war das in der Unterwelt?“, knurrt Schatten vorwurfsvoll.
„Ein normales Verhalten für den Herrscher der Unterwelt, findest du nicht? Wer währe ich dann, wenn bald jeder aus der Unterwelt fliehen würde?“
„Du hast Greif und mich getötet, falls dir das entgangen sein sollte.
„Irrtum.“, grinst Zotz hinterhältig, „Erstens: Ich habe Greif nicht umgebracht, das war Goth, ich kann bedauerlicherweise niemanden töten. Und zweitens, dich habe ich weder getötet noch töten lassen. Und ausserdem, wenn du mal die Schnauze halten würdest, würde ich dir auch zeigen, warum.“
Schatten rollt die Augen und schnaubt genervt. „Na schön, was willst du mir so dringend zeigen?“
„Das hier.“ Zotz deutet mit seinem Flügel auf das ganze Tal, das vor ihnen liegt.
„Das wird mein zukünftiges Reich sein, Schatten. Ohne das Opfer von Greif, hätte ich das niemals schaffen können.“
„Du wirst niemals etwas anderes beherrschen, als die Unterwelt, Zotz.“, antwortet Schatten trotzig.
„Weiss ich.“, gibt Zotz triumphierend Zurück. „Dann mache ich eben die Welt oben auch zur Unterwelt und damit zu meinem Reich.“
„Das wird nicht funktionieren, Zotz“
„Wird es, glaube mir. Und wenn alles vollendet ist, wird alles so sein, wie hier. Ich werde alles verändern können. Ein jeder in meinem Reich, wird einen Lebensraum haben, so wie er ihm gefällt. Eine grosse Wüste wird genau so unnötig sein, wie die Sklavenwächter oder meine Kontrolle. Denk doch nur mal nach Schatten, eine perfekte Welt. Na gut, es wird wieder einmal ein paar Opfer verlangen, aber was soll’s, sie kommen danach ja sowieso in die Unterwelt und danach in mein neues, perfektes Reich. Hier wird es keine Katastrophen mehr geben, auch kein Tod und kein Krieg.“
Schatten spürt, wie ein Teil von Zotz – übrigens vollkommen echter – Begeisterung auf ihn überzuschwappen beginnt.
„Aber warum ist denn nicht alles seit jeher so?“, fragt Schatten.
„Wenn ich das wüsste, Schatten. Viele grosse Denker aller Spezies auf unserem Planeten haben sich seit Äonen genau darüber ihre Köpfe zerbrochen. Doch ich werde ihr Denken überflüssig machen.“
„Wenn es nicht so sein sollte, dann wird das wohl eine Grund haben, oder?“, säuselt eine bekannte Stimme hinter ihnen. Zotz und Schatten drehen sich um. Ein gleissend heller Blitz zerreisst die schwarze, stille Nacht.
„Hallo Schwesterchen…“, knurrt Zotz ziemlich genervt und Schatten glaubt, in seinen Augen das Auflodern von Flammen zu erkennen. Doch Zotz scheint eisig kalt. Keine Flammen, kein Donnern der Stimme. Nicht einmal seine Grösse verändert Zotz, und das, obwohl Nocturna im Moment ein ganzes Stück grösser zu sein scheint als ihr Bruder.
„Schön dich wieder einmal zu sehen“, grinst Nocturna ihren Bruder an. Dieser scheint immer noch eiskalt zu sein, wie Schatten doch leicht überrascht feststellt.
„Nun Bruder, du bist entweder grössenwahnsinnig oder aber vollkommen verrückt. Du bist als Herrscher der Unterwelt auserkoren und ich denke, das wird wohl seinen Grund haben.“
Zotz antwortet in überraschend ruhigen und bestimmten Ton: „Nocturna, es steht uns allen doch zu, die Welt zu verändern…zum Besseren zu verändern. Warum sollte man es mir verwehren, eine perfekte Welt ohne leid zu erschaffen?“
„Weil die Welt nicht perfekt sein soll, darum ist sie es ja nicht. Vielleicht wirst du es irgendwann begreifen Zotz, vielleicht werde ich es dir auch irgendwann erklären.“
„Ähh, ihr zwei, wenn ich mal unterbrechen dürfte, ihr habt beide gute Argumente. Aber…“, Schatten zögert, „ Aber…ich…muss ehrlich sagen, dass ich Zotz doch recht überzeugen fand.“
Unsicher Blickt Schatten Nocturna an. Diese lacht ihn an.
„Schatten, mein Bruder mag zweifellos Recht haben, aber wenn die Welt unseren Wünschen entsprechen könnte und dürfte, würde sie das doch auch, nicht?“
„Sicher, aber warum ist sie dann nicht so.“
Zotz mischt sich ein: „Denk an meine Worte Schatten, viele habe darüber nachgedacht.“
„Ja, aber um es zu begreifen, bedarf es ganz besondere Umstände, man muss viel mehr begreifen. Und dazu Schatten, ist sogar ein Gott schwer fähig.“
Es herrscht eine Weile lang Schweigen.
Dann sagt Schatten zu Zotz gewandt: „Darf ich dich etwas fragen, warum bist du hier und in deinem Reich ein solcher Schreckensherrscher, versprichst uns jedoch eine perfekte Welt, wo jeder machen kann, was er will? Und warum zeigst du dich hier in einer doch recht gut aussehenden Gestalt, als ich dich das letzte mal sah, warst du ein altes, schlangengleiches Geschöpf mit Flügeln und drei Köpfen. So kennt man dich gar nicht.“
„Nun Schatten“, beginnt Smog. Sein Ton lässt Schatten zusammenzucken. Nicht vielleicht, weil er scharf und bedrohlich klingt, nein, Zotz spricht ungewohnt sanft, freundlich und verständnisvoll.
„Weiss du, wenn man ein solch hohes Ziel erreichen will, muss man ein ganz besonderer Gebieter sein. Das verlangt manchmal nach Durchsetzungskraft und Einschüchterungen und auch…unkonventionellen Mitteln. Ich würde nie weiter kommen, wenn ich ein grossherziger, nachgiebiger Fürst währe. Doch wenn ich mein Ziel erreicht habe, wenn ich zwei zu einem geformt habe, dann habe ich kein Ziel mehr, dann will ich nur noch meine Welt geniessen, es gibt keinen Grund zur Schreckensherrschaft mehr. Und was meine Gestalt betrifft. Das lässt sich mit meinen Vorherigen Worten erklären. Man muss jemanden einschüchtern und beeindrucken können, wenn man ihn beherrschen oder…besiegen will.“
Schatten steht der Mund offen. Es scheint alles so plausibel, so einfach, was der Fürst der Unterwelt ihm da gerade mit unfassbar Vertrauens erweckender Stimme erklärt hatte. „Und warum willst du mich nicht beeindrucken oder einschüchtern, ich bin schliesslich nicht gerade dein treuester Untertan.“
„Nein Schatten, gewiss nicht. Aber weißt du, man muss einen Feind nicht töten um ihn zu besiegen, man muss ihn nicht einmal verletzen. Und weiter, muss man einen Feind auch nicht besiegen, um ihn unschädlich zu machen.“
„Es gibt aber Gegner, da entscheidest du dich für die einfachsten Methode“, wirft Nocturna ironisch dazwischen.
„Ich hatte ja schon versucht, dich auf meine Seite zu hohlen, du hast mir keine Wahl gelassen. Ich wollte nicht mehr, als meine Untertanen die Möglichkeit zu geben, in ihre alte Welt zurückzukehren. Aber du wolltest ja nicht.“
„Weil es nicht so sein soll, Zotz. Gewiss, bei Schatten und Smog habe ich eine Ausnahme gemacht, aber nur, weil ich fühlte, das von dir eine Bedrohung ausgeht, wie kaum je zuvor.“
„Nun, ist ja jetzt auch egal, wenn ich mein Werk vollendet habe, wird es keinen Unterschied zwischen Lebenden und Toten mehr geben. Alle werden lebendig oder…tot sein, das wird niemand mehr sagen können. Auch dir, meine Schwester, dir werde ich vielleicht auch zu neuem Glanz verhelfen.“
„Aber was für eine Nutzen siehst du darin, alles zu beherrschen, ein einziges Reich zu schaffen?“, meldet sich Schatten wieder einmal zu Wort.
„Ich will mein neues Reich nicht beherrschen, Schatten“, knurrt Zotz, „Verstehe doch, seit jeher wollte ich nichts anderes, als meinen Untertanen zu ermöglichen, die Unterwelt zu verlassen, an die Oberwelt zurückzukehren.“
„Zotz, ich geben jenen, die es wollen doch schon längst die Möglichkeit, zu fliehen“, säuselt Nocturna.
„Ja, doch, aber sie werde nie wieder leben könne, wenn sie einst die Unterwelt verlassen haben. Du siehst es doch bei Schatten, zurückzukehren, aber nicht zu leben, bereitet den Toten noch viel mehr Schmerz, als in der Unterwelt gefangen zu sein. Du hättest uns vor langem die Erlaubnis geben könne, in normaler Gestalt zurückzukehren.“ Bei den letzten Worten lodern Flammen in Zotz Augen auf.
„Nocturna hat Recht, Zotz. Du bist verrückt zu glauben, den Tod besiegen zu können.“
Zotz lacht schallend. „Schatten, hat man dich damals nicht als verrückt bezeichnet, als du verkündet hattest, du wollest Greif aus der Unterwelt befreien? Und hat man dich nicht als verrückt erklärt, als du allen von Goth und Throbb erzählt hast? Und was war damals, als du die Sonne zurück wolltest? So oft hat man dich verrückt genannt, und was bist du heute? Du bist ein Held, Schatten, du hast den Fledermäusen die Sonne zurückgebracht, die Vampyrum besiegt und Greif gerettet. Sollte dies dich nicht lehren, das jemand, der ungewöhnliche Ideen hat, nicht gleich verrückt ist?“
Schatten kann nun nichts mehr erwidern. Zotz hat scheinbar sein Gesicht gewechselt. Er ist nicht mehr der fürchterliche Totengott aus der Unterwelt von damals, jenes dreiköpfige, machtgierige, alte Monster im Glockenturm. Der Zotz der nun vor Schatten steht, ist ein sympathischer, freundlicher, kluger Kerl, der Verwandtschaft mit Nocturna durchaus würdig.
„Nun Schatten“, sagt Zotz mit ruhiger Stimme, „ich habe dir alles gesagt, was ich wollte. Ich versuche nicht, dich von meiner oder irgenjemandens Sache zu überzeugen, du kannst frei entscheiden. Trotzdem, vergiss nie, was ich dir heute gesagt und gezeigt habe.“ Mit diesen Worten steigt Zotz hoch in den von funkelnden Steren übersäten Himmel auf. Als Cama Zotz schon mit dem Himmel verschmolzen scheint, wird das Sternenzelt schlagartig hell, eine Kugel aus Licht breitet sich aus, um sogleich wieder zu kollabieren. Dann sind auch Zotz leuchtenden Augen vom Firmament verschwunden, alles was man bis zum Schluss von ihm zu erkennen vermochte.
„Dein Bruder hat scheinbar eine Schwäche für spektakuläre Auftritte, nicht wahr?“, grinst Schatten Nocturna an.
„Nun, er neigt dazu, seinen Auftritten eine recht imposante Hülle zu verpassen.“, antwortet ihm Nocturna, ihren Blick gen Himmel gerichtet.
„Ich weiss Schatten, Zotz kann sehr überzeugend sein, auf jeden Fall. Je nach Situation wendet er verschieden Mittel an, um seine Ziele zu erreichen, aber er bewirkt fast immer das, was er will. Das macht in mächtig und zugleich gefährlich.
Du konntest dich ja eben selbst davon überzeugen. Trotzdem Schatten, du musst versuchen zu verhindern, dass Zotz seinen Plan ausführen kann, so verlockend seine Welt auch zu sein scheint. Ihr werdet alle irgendwann begriffen, warum.“
„Warum gerade ich?“
„Schatten, hast du das noch nicht bemerkt? Du bist einer der grössten Helden deiner Kolonie, Zotz hat es bereits erwähnt; denkst du, das sei alles nur Zufall?“
„Das mag ja alles stimmen, aber besonders ohne Marina hätte ich das meiste nicht geschafft, was ich bis heute erreicht habe.“
„Ich habe ja auch nicht gesagt, dass du Zotz alleine gegenüber stehen sollst.“
„Moment mal, ich werde Zotz persönlich entgegenstreben, aber ich möchte nicht, das sich Marina in Gefahr bringt.“, protestiert Schatten.
„Du unterschätzt Marina, Schatten. Sie ist intelligent, vorausschauend, mutig und unschlagbar darin, selbst in den schlimmsten Situationen ruhig zu bleiben. Schatten, du wirst diese Herausforderung nicht ohne Marina bestehen können.“
„Nun, ich muss zugeben, sie hat einige Eigenschaften, an denen es mir selbst mangelt, aber wird sie auch dem Anblick von Cama Zotz persönlich gewachsen sein?“
„Auf jeden Fall, Schatten. Sie ist die einzige deiner Kolonie, die sich nicht vor dem Herrscher der Unterwelt fürchten wird.“
„Aber sie ist ihm nie zuvor gegenüber gestanden.“
„Wohl kaum, aber sie konnte seine Anwesenheit vorhin spüren, genau so wie meine, auch wenn wir nur deine Traumerscheinungen sind. Dies ist eine Gabe, die für dich nützlich sein wird. Marina kann Zotz und mich fühlen, noch bevor wir überhaupt für andere sichtbar werden. Auch kann sie es fühlen, wenn Gefahr droht, meistens zumindest. Was ich sagen will ist: Schatten, deine Partnerin weiss von Dingen bevor sie geschehen, kann Ereignisse verhindern, die noch gar nicht eingetreten sind.“
„Soll das heissen, sie kann wie Zephir in die Zukunft sehen?“
„Nicht ganz, ihre Fähigkeiten sind nicht ganz so mächtig, es ist mehr ein Gefühl. Marina kann diese Gabe nicht bewusst kontrollieren, aber dieser zusätzliche Sinn warnt sie, wenn Gefahr droht. Entweder hat sie dann eine Abneigung etwas zu tun, da sie weiss, dass es nicht gut für sie sein wird. Oder aber, ich weiss es nicht so genau, die Voraussicht ist kurzfristiger, so würde es so scheinen, als habe Marina blitzschnelle Reflexe.“
„Denkst du, dass wird reichen, um den Gott der Unterwelt zu besiegen? Ich meine, es wird sich als nützlich erweisen, denke ich, aber wir werden mehr brauchen.“
„Sicher Schatten, du wirst noch mächtige Verbündete bekommen. Aber vor nicht all zu langer Zeit, zumindest für meine Massstäbe, hat ein Mensch etwas Gesagt, was sich wohl in deiner nahe Zukunft noch öfter als richtig erweisen wird. Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Und dieser erste Schritt muss bald getan werden, Schatten. Mache dich so bald als möglich auf den Weg.“
„Das werde ich tun, Herrscherin der Nacht. Doch ich habe noch eine letzte Frage. Wer wird mich auf meiner Reise begeleiten dürfen?“
„Alle die dich begleiten wollen. Du solltest dir deine Gefährten jedoch sorgfältig aussuchen. Du wirst jede Hilfe gebrauchen können, die du kriegen kannst.“
„In Ordnung, doch…äh… mir ist noch was eingefallen. Wo muss ich eigentlich genau hin?“
„Warte ab Schatten, du wirst es noch erfahren. Höre auf Marina. Und nun beeile dich.“

-S.S. Moonlightshadow-

Schatten schlägt unvermittelt die Augen auf. Was war denn das schon wieder? Auf Marina hören? Nun, Nocturna wird schon wissen, was sie sagt.
Schatten stösst sich von der Wand ab und schraubt sich mit gelassenen Flügelschlägen nach oben, hoch in das ausgehöhlte Astwerk des Baumhorts. Er sollte sich erst mit den Ältesten beraten. Unter ihm beginnt sich die Kolonie zu regen, die Sonne geht gerade unter, die Tageszeit der Silberflügel bricht an. Auch Schattens Mutter scheint bereits wach zu sein. Ariel ist einer der Ältesten des Baumhorts.
„Oh, hallo Schatten. Gut geschlafen“, gähnt sie ihn an.
„Weiss nicht, aber ich denke schon.“
Seine Mutter schaut ein wenig verwirrt. „Was meinst du damit?“
„Ich hatte einen etwas…ungewöhnlichen Traum. Ich erkläre es dir später, ich muss mit den Ältesten sprechen, mit allen.“
„Na schön“, meint seine Mutter, ein wenig überrascht, „Ich werde den Ältestenrat einberufen.“
„Danke, Mutter. Ich hole Marina, ich denke ich muss sie einige Dinge fragen.“

Schatten segelt langsam hinunter und landet leise neben der noch schlafenden Marina.
Eine Weile blickt er sie nur an. Wie wunderschön sie noch immer ist, immer noch wie an jenem vergangenen Tag auf der Insel, irgendwo mitten auf dem Ozean. Es ist schön sie wieder an seiner Seite zu wissen, denkt sich Schatten, besonders jetzt. Ob Marina wohl schon von ihrer Fähigkeit weiss?
Schatten stupst sie vorsichtig mit dem Flügel an. „Marina, aufwachen.“
Marina gähnt ausgiebig und streckt die Flügel zu voller Länge aus.
Dann schlägt sie ihre Augen auf. Obwohl erst gerade aufgewacht, mustert Marina Schatten mit wachen, lodernd grünen Augen. Ein durchdringender, aufmerksamer Blick. Doch sind diese Augen wirklich auch in der Lage, in die Zukunft zu blicken?
„Hallo, Marina. Gut geschlafen?“
„Hmm, geht so. Ich hatte einen recht seltsamen Traum.“
Schatten blickt sie aufmerksam an. „So, was denn?“
„Keine Ahnung, ich weiss nicht was ich gesehen habe. Aber ich kann versuchen, dir ein Echobild davon zu singen.“
Mit der Zeit haben Schatten und Marina gelernt ihre jeweiligen Echokarten zu verstehen, was zwischen Glanz- und Silberflügel normalerweise nicht funktioniert.
Schatten schliesst die Augen und konzentriert sich darauf, was Marina ihm vorsingt.

Mit hohem Tempo jagt Schatten vom Baumhort weg. Unter ihm eine Welt aus silbernen Bildern, Echos, mehr nicht, doch Schatten erkennt den Wald. Diesem Wald folgt die alljährliche Wanderroute der Silberflügel. Vor ihm taucht eine Scheune auf. Jene Scheune, die die Kolonie seit Jahren als ersten Zwischenhalt auf ihrem Weg ins Hibernaculum nutzt. Weiter jagt Schatten über die Landschaft, immer in Richtung der grossen Stadt, vorbei am Leuchtturm. Doch anstatt hier in Landesinnere zu wenden, folgt die Echokarte weiter der Küste, bis zu einer riesigen Anlage am Meer. Dem Ufer entlang stehen mehrere riesige Gebäude, dazwischen schieben sich hochbeinige, stählerne Giganten durch die Strassen. Doch die Echokarte zielt nicht auf eines der Gebäude am Ufer, sondern auf eines, das im Wasser zu schwimmen scheint. Seine Form erinnert Schatten an das Schiff der Ratten, mit welchem Marina und seine Mutter in den Dschungel reisten, um ihn zu retten. Die Karte steigt auf, auf das Schiff, zwischen einen der riesigen Behälter, die darauf stehen.
Dann endet die Wegbeschreibung.
„Was war das?“
„Die „Moonlightshadow“
„Die was?“
„Ich weiss nicht, was das war, ich weiss nur, wie ich es nenne.
„Und warum nennst du es so?“
„Keine Ahnung, ich glaube aus dem selben Grund, warum ich diese Echokarte kenne.“
Schatten denkt nach. Vor seinen Augen sieht er noch einmal Nocturna. „Höre auf Marina.“
Aber was sollte diese Echokarte? Meinte Nocturna das damit? Oder war das nicht doch nur ein Traum von Marina, eine alte Erinnerung vielleicht?
„Schatten, an was denkst du?“
Schatten schreckt auf. „Ähh, was? Nichts. Lass uns nach oben gehen.“, meint er, in Gedanken noch immer bei Nocturna und Zotz.
„Nach oben?“
„Was? Oh, ja. Ich muss mit den Ältesten sprechen. Hab sie schon benachrichtigt. Wollte dich nur noch kurz holen gehen.“
„Die Ältesten? Schatten, was…“
Schatten flattert bereits nach oben, ins Geäst.
Marina knurrt etwas Unverständliches vor sich hin, spannt die Schwingen und fliegt Schatten hinterher.

Schatten konzentriert sich mit ganzer Kraft auf Marinas Echokarte, um sie den ältesten Vorzusingen.
Er ist darin seltsamerweise lange nicht so gut wie Marina, doch es geht nicht anders, die Ältesten würden Marinas Gesang nicht verstehen.
Obwohl Schatten nur mit seiner Echoortung Trugbilder erstellen kann und Gegenstände zu bewegen vermag, beherrscht er den Echogesang nicht so gut wie man denken müsste.
Aber es scheint ausreichend zu sein. Als er geendet hat, beginnen die Anwesenden aufgebracht zu tuscheln.
„Schatten, es ist durchaus nicht ungewöhnlich, das Feldermäuse nur in Echobildern Träumen, doch diese Karte scheint doch sehr genau.“, meint Ceres, eine der Ältesten, „Doch wie kommst du darauf, dass wir dieser Karte folgen sollten?“
Das hat Schatten vollkommen vergessen zu erwähnen, so sehr musste er über seinen und Marinas Traum nachdenken.
„Nun, das ist eine lange Geschichte.“

-Old Friends-


„Sooo“, grinst Goth genüsslich, „Du bist also Smog? Du hattest hier früher mal ziemlich was zu sagen, nicht? Zu schade, dass die Kolonie dich verloren hat. Doch du scheinst nicht aufzugeben, wie? Ich bin auf jeden Fall erfreut, dich doch noch kennen lernen zu können.“
„Was spielst du für ein Spiel, Goth. Ich denke nicht, das du mich nicht mehr erkennst.“, blafft ihn Smog verächtlich an.
„Ich weiss nicht, wovon du sprichst.“
„Du weiss ganz genau, was ich meine. Du solltest uns damals im Namen von Zotz töten.“
Goths lächeln friert ein.
„Und du schimpfst dich einen Hohepriester des Zotz? Warum sollte unser gütiger Herrscher jemanden wie dich tot sehen wollen?“
Goth spielt noch immer den friedfertigen, ahnungslosen, doch Smog spürt dessen Beunruhigung. Goth kann einen Rebellen in dieser Kolonie nicht gebrauchen, nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel steht.
„Vielleicht, weil unser Gott nicht so gütig ist, wie man behauptet.“ Smog nähert sich bei diesen Worten dem Gesicht von Goth bis auf wenige Zentimeter. Dieser weicht unvermeidlich ein Stück zurück, so trotzig er Smog bisher auch angesehen hat.
Zufrieden wirbelt Smog herum und segelt davon.
Noch immer kann er seine Gegenüber nur mit seinem Blick furchtbar einschüchtern, das war eben nur eine Kostprobe für Goth. Mag dieser auch Prinz und Gesandte des Zotz sein, gegen Smogs schneidenden Blick und seine mächtige Aura, beides ein Relikt aus dessen Zeit als Hohepriester, hat selbst Goth keine Chance.

„Smog!“, kommt es plötzlich aus einer Kammer in der Wand.
„Hmm, wer da?“
„Komm, ich muss dich sprechen.“
Smog fliegt in die Kammer hinein.
Licht. Viel helles Licht. Nicht gut.
„Du kannst die Augen wieder auf machen Smog.“
Eine nur zu gut vertraute Stimme.
Nocturna…
Auch bei der dritten Begegnung ein unvergesslicher Anblick.
Eine mächtige Lichtgestalt, wie eine Wolke aus Licht schwebt sie vor Smog, alleine ihre Anwesenheit kann Smogs Herz mit Mut und Hoffnung erfüllen.
Mit flammend goldenen Augen schaut sie Smog an, doch diese Juwelen zeugen von Besorgnis.
„Hallo Smog. Ich muss sagen, deine Vorstellung eben hat mich sehr beeindruckt.“
„Öhh, ja, ich lasse mich von so einem nicht unterkriegen. Es ist mir eine Ehre, euch wieder zu begegnen, Göttin der Nacht.“
„Freut mich auch Smog. Hör zu, Schatten ist auf dem Weg hier her. In wenigen Wochen ist er hier. Bereite dich vor.“
„Wie ihr wünscht, Nocturna. Doch wie soll ich mich vorbereiten und auf was?“
„So wie du es ebne schon gemacht hast. Verhindere, das Goth zu mächtig wird. Und überzeuge möglichst viele von seinem falschen Spiel. Schatten wird Hilfe gebrauchen können.“
„Langsam erscheint mir das seltsam. Ich habe das Gefühl, du und dein Bruder bereiten einen Krieg vor und das behagt mir nicht so ganz.“
Nocturna blickt ihn Traurig an, ein Blick, der Smog zu durchschneiden scheint.
„Ach Smog, ich wünschte, ich könnte dir mit Gewissheit widersprechen.“
„Aber das letzte mal, als sich die Fledermäuse an einem Krieg beteiligten…oder eben nicht, hatte das schwerwiegende Konsequenzen.“
„Du kennst die Geschichte?“ Nocturna scheint ehrlich überrascht.
„Ja, ich glaube Schatten hat sie mir mal ungefähr erzählt, damals.“
„Das ist lange her Smog. Und ich hoffe nicht, das es zu einem Krieg kommen wird, ich halte es für unwahrscheinlich. Aber wir sollten auf alles gefasst sein.“
„Ist es das, was dich besorgt, Nocturna?“
„Auch, doch fühle ich, wie die Macht meines Bruders zunimmt. Er ist gefährlich, gefährlicher denn je.“
„Sorgt euch nicht, Herrin der Nacht. Ich werde mein bestes tun.“
„Ich weiss Smog. Es ist ehrbar von dir, dich auf meine Seite zu stellen. Doch du musst vorsichtig sein! Ich schätze, dass du Goth ein Dorn im Auge bist. Er kann jetzt keinen Rebellen wie dich gebrauchen, nicht jetzt, da so viel auf dem Spiel steht. Pass auf dich, auf deine Familie und auf deine Mitstreiter auf, Smog.“
„Keine Sorge, Nocturna. Ich bin schon deinem Bruder entkommen, da werde ich doch wohl noch mit Goth fertig werden.“
„Genau das ist es, was dieses Sache so gefährlich macht: du unterschätzt Goth.“
„Denkst du? Na gut, ich werde in Zukunft vorsichtiger sein.“
„Sei so vorsichtig, wie du sein kannst.“
„Sicher. Doch meine Aufgabe wird nicht leicht sein, kannst du mich nicht unterstützen?“
„Nein, Smog, leider nicht. Bedenke, ich bin nur eine Art Traumerscheinung. Dir kann ich erscheinen, doch auch nur, weil du ein Teil von mir bist. Ich kann nicht real werden. Doch du wirst das auch alleine schaffen. Und Schatten Silberflügel wird in wenigen Wochen hier sein. Hoffe ich…“
„Wie soll er so schnell hier her kommen?“
„Dafür habe ich schon gesorgt. Er wird hier sein. Doch bis dahin, musst du möglichst viele der Kolonie auf deine Seite geholt haben. Schatten wird mit Unterstützung kommen, aber wir haben keine Armee.“
„Das hoffe ich.“
„Keine Sorge Smog. Es wird Alles gut gehen.“
„Dein plötzlicher Optimismus überrascht mich.“
„Nun Smog, ich bin nicht sehr erfreut, über die Entwicklungen in der Unterwelt, doch ich habe nie wirklich einen Krieg befürchtet.
„Nun, wenn das so ist, will ich deinem Optimismus trauen.“
„Tu dass Smog. Und pass auf dich auf.“
„Warte! Wie kann ich dich finden, wenn ich dich brauche?“
„Gar nicht, leider. Doch ich werde da sein, wenn du mich brauchst.“
Die Höhle glüht auf, strahlend hell. Schon ist die Göttin der Nacht verschwunden.
Doch dieses Mal schläft Smog nicht weiter oder hat das Gefühl geträumt zu haben. Es war bestimmt kein Traum.
Nocturna hatte Recht, Goth ist eine Gefahr. Doch er ist schon zu mächtig, um ihn einfach so aus der Welt zu schaffen. Auch weiss Smog nicht, ob er gegen Goth eine Chance hätte, geschweige denn gegen den Goth loyalen Teil der Kolonie.
Noch hat Smog kaum jemand gesehen, er könnte also das Überraschungsmoment seiner unerwarteten Rückkehr ausnutzen. Doch wen kann er wohl am einfachsten überzeugen? Die Jünglinge dürften ein schweres Ziel sein, die meisten haben Goth bereits die Treue geschworen.
Als erstes muss er dafür sorgen, das seine Familie in Sicherheit ist.
Smog kriecht aus der Höhle und fliegt los. Mitten in der Luft taucht plötzlich Goth, flankiert von zwei anderen Vampyrum vor ihm auf, vermutlich auf dem Weg, neue Loyalisten zu suchen. Geschickt weicht Smog der Kollision aus.
In der Luft schwebend blickt er Goth in die Augen.
Dieser stiert kalt zurück. Kaum einer könnte wissen, was Goth nun denkt, doch Smog spürt Nervosität in seinem Kontrahenten. „Ich weiss, was du vorhast, Goth. Fühle dich immer von mir beobachtet!“ Das fahle Licht, das durch einen kleinen Eingang hinter Goth in die Höhle fällt, beleuchtet Smogs Gesicht zu hälfte. Mit diesem unheimlichen zweigeteilten Blick, durchbohrt er Goth abermals so lange, bis dieser unweigerlich zu Boden blickt.
„Ich weiss alles Goth.“, zischt Smog bedrohlich und fliegt davon, mit seinen Flügelspitzen Goths Leibgarde absichtlich nur um Millimeter verfehlend.
Goth blickt verstohlen zurück.
„Er wird gefährlich. Jemand soll zu seinem Schatten werden, wir wollen nicht das er Ärger macht, kapiert!!“, faucht Goth einem seiner Gardisten zu.


Zur selben Zeit weit…sehr weit entfernt.
„Du willst damit also sagen, dass Marina in ihrem Traum eine Vision hatte, die ihr von Nocturna gegeben wurde?“, fragt Aurora, eine der Ältesten und schielt Schatten misstrauisch an. „Genau.“, entgegnet Schatten ohne zu zögern.
„Aha. Und warum ausgerechnet Marina?“
„Ich…Woher soll ich das denn wissen?“
„Hmm. Und was soll uns diese Vision mitteilen?“
„Ich weiss nicht. Nur das wir dieser Karte folgen sollen und auf diesem Schiff mitfahren sollen.“
„Und warum sollten wir das?“
„Weil Smog und Nocturna unsere Hilfe im Kampf gegen Cama Zotz benötigen.“
„Wir sollen es also riskieren, ein Schiff der Menschen für eine Reise zu nutzen, von der wir keine Ahnung haben, wie lange sie dauern wird und wohin sie uns führt, nur um einen Vampir und eine Göttin, von der wir übrigens nicht einmal sicher sind, ob sie existiert, im Kampf gegen einen Gott zu unterstützen, von dem wir genau so wenig wissen, ob er wirklich existiert?“
„So in etwa.“
„Na Klasse. Schatten, all deine Heldentaten in Ehren, aber das ist vollkommen verrückt.“
Aufgeregtes Tuscheln unter den anwesenden Ältesten.
„Nun, Smog existiert ganz sicher. Nocturna existiert mindesten in der Unterwelt. Und Zotz. Nun meine Gute, willst du etwa behaupten, das dieses dreiköpfige Ungetüm, das mir in der Unterwelt begegnete, mich mit feuerflackernden Augen musterte und mir später in meinen Träumen erschien alles nur ein Produkt meiner Fantasie sei?“
„So in etwa.“, grinst Aurora.
„Wenn ich auch meinen Teil dazu beitragen dürfte.“, meldet sich plötzlich Marina mit ruhiger Stimme, bemüht, die Situation zu entschärfen. „Es steht ausser Frage, das Schatten und ich tun und lassen können, was immer uns beliebt. Und wir werden die „Moonlightshadow“ aufsuchen und mit ihr dorthin reisen, wo Nocturna uns braucht. Doch wir brauchen einige Gefährten. Nicht viele, es dürfen nicht zu viele sein, und wir können niemanden zwingen, uns zu folgen, doch wer mag, soll sich melden und uns folgen.“
„Nun gut. Wie du meinst.“ Aurora war nie gut auf Marina zu sprechen, vermutlich, weil diese kein Silberflügel ist.

Wenig später weiter unten.
„Also soll nun spreche, wer uns begleiten will.“, endet Marina gerade.
Kaum ist sie fertig flattert Chinook hinauf.
„Also mit mir müsst ihr klarkommen, ich lasse euch doch nicht alleine die tollsten Abenteuer bestehen.“
„Ich komme natürlich auch mit, ich glaube nicht dass noch etwas schlimmer ist als die Unterwelt.“ Greif hängt sich neben Chinook.
„Wenn Greif mitkommt, komme ich auch.“
„Wegen mir?“
„Nun ich…“ Luna scheint einen winzigen Augenblick lang nach Worten zu suchen. „Jemand muss schliesslich auf dich aufpassen.“, ergänzt sie dann etwas schnell.
„Oh…ja.“
„Ich komme auch.“ Breeze, Chinooks Partnerin, meldet sich ebenfalls.
„Ich auch.“ Skye, ein Freund von Luna, er war in der Nacht des Unfalls dabei, fliegt hinunter zu ihnen.
„Du?“ Greif schaut Skye überrascht an.
„Ja, ich will dich ein wenig kennen lernen. Und wie Chinook lass ich euch doch nicht die Gelegenheit später mit euren Geschichten zu prahlen.“, grinst Skye.
„Gut, ich denke das reicht. Wir sollten so früh wie möglich ins Lager der Männer aufbrechen und dort noch nach Gefährten suchen.“ Marina kreist vor den Freiwilligen. „Ihr wisst hoffentlich, dass wir keine Ahnung haben, was uns auf unserer Reise erwarten wird?“
Keiner der Gefährten reagiert.
„Gut, ich sehe ihr meint es wohl tatsächlich ernst. In dem Fall. Wir fliegen bei Sonnenuntergang los.“
Flatternd verteilt sich die Kolonie wieder im den Baumhort.
„Du scheinst die sehr genau testen zu wollen, ob unsere Kameraden wissen, auf was sie sich einlassen. Was ist los?“, wendet sich Schatten kurz später an Marina.
„Oh nichts. Ich will nur niemanden einer Gefahr aussetzten, die er nicht erwartet hat.“
„Du bist doch nicht alleine verantwortlich für diese Reise.“
„Ich weiss Schatten. Aber ich hab irgendwie ein mieses Gefühl bei der Sache. Aber vermutlich bin ich nur ein wenig übervorsichtig.“ Marina kreist weiter den Baumstamm hinunter, doch Schatten bleibt abrupt in der Luft stehen. „Wie war das?“
„Ich hab nur irgendwie ein Mieses Gefühl bei der Sache. Warum meinst du?“
„Ich…äh. Nun, vergiss es.“
„Ihr sechster Sinn warnt sie vor Gefahr…Sie weiss von Dingen bevor sie geschehen…Höre auf Marina, Schatten“, echot Nocturnas stimme im Schattens Kopf nach.

-The first Step of the 1000 Miles-

Greif wacht auf. Es sind noch Stunden bis Sonnenaufgang, doch er ist es sich gewohnt mitten am Tag aufzuwachen. Immer wieder plagen ihn Träume. Alpträume. Träume von ihm und Luna in der Unterwelt. Noch einmal macht er alles durch oder erlebt neue, noch schlimmere Dinge im Reich des Cama Zotz.
Doch dieses Mal ist etwas anders. Greif kann sich nicht mehr an den Traum erinnern, als er aufwacht, doch er hat nicht dieses Panikgefühl wie sonst. Dann kommt die Erinnerung zurück. Wieder er und Luna. Doch…keine brodelnden Sandmassen, kein Totengott der vor ihm erscheint. Keine widerlichen Fratzen vor seinen Augen. Nur er und Luna alleine im Wald. Nur er uns sie…ganz für sich alleine...Er hat Luna ganz für sich, ganz nahe…Nur sie zwei…

Greif schläft wieder ein. Glücklich, zufrieden. Eine Wärme in sich, die ihn sanft in den Schlaf hüllt.

„Greif, wach auf, es geht los.“ Luna hängt kaum eine Nasenlänge von Greif entfernt und schaut ihm direkt in die Augen.
„Luna. Träume ich schon wider?“, murmelt Greif im Erwachen.
„Was?“
„Oh, nichts.“
Ihre leuchtenden Augen scheinen Greif zu hypnotisieren, er schaut sie an, ohne seine Umwelt noch wahrzunehmen.
„Hast du gut geschlafen?“, holt ihn Luna zurück.
„Was??...Ja, mehr oder weniger. Du?“
„Bestens. Lass uns die anderen suchen.“
Greif schaut Luna hinterher, ein seltsames Drücken und Kribbeln im Bauch.
Dann streckt er die Flügel, lässt sich Fallen und segelt hinter ihr her.

„Guten Abend zusammen.“ Schatten lässt seinen Blick über die Anwesenden schweifen.
„Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen, wir haben einen sehr weiten Weg vor uns. In etwa einer Stunde brechen wir auf, fresst und trinkt noch so viel ihr könnt.“
Schatten flattert hinüber zu Marina.
„Marina, du und Greif ihr müsst uns vorausfliegen, zum Lager der Männer. Informiert sie über alles und schaut, das ihr uns noch ein paar Gefährten gewinnen könnt.“
„Aber Schatten, ihr…“
„Marina, du und Greif seit die schnellsten Flieger auf so langen strecken. Ihr könnt es in zwei Nächten dorthin und zurück zum Glockenturm schaffen, die ganze Gruppe bräuchte doppelt so lange oder sogar mehr. Wir treffen uns bei Zephir.“
„Nun…na gut.“

Greif flattert um einen grossen Ahorn herum, auf der Suche nach Beute.
„He Greif.“, ruft plötzlich eine Stimme.
„Skye? Was machst du denn hier.“
„Na ja, wir werden eine ziemlich lange Reise zusammen unternehmen, da wollte ich dich erst ein wenig besser kennen lernen.“
„Oh. Ach, wenn wir es schon davon haben: du kommst nicht wirklich wegen mir mit, oder?“
„Was meinst du, warum nicht?“ Skye schaut ihn von seinem Ast herab an.
„Nun…eher wegen jemand anderem.“
„Wegen wem sollte ich…ohhhhh, keine Sorge Greif“, grinst Skye, „ich mach dir deine liebste Luna schon nicht streitig. Sie ist eine gute Freundin, mehr nicht.“
„Sie ist auch nur meine Freundin, Skye, Luna ist nicht meine Liebste.“
„Nicht?“, Skye schaut etwas überrascht, „Na ja, auch egal. Nein wirklich, ich find dich echt nett und ich muss mal weg hier. Nachdem ich die Geschichten deines Vaters gehört habe, wollte ich schon selbst mal so was erleben, nachdem du dann wieder gekommen bist, beschloss ich die erst beste Gelegenheit zu ergreifen. Und da war sie dann.“
„Nun, wenn das so ist.“, grinst Greif, „Zeig mal was du drauf hast. Zum Bach und zurück.“
„Du hast nicht den Hauch eine Chance.“
Beide stürzen sich nach unten und klappen im letzten Moment die Flügel auf.
„He, wirst du schon müde.“, ruft Skye, als Greif vor ihm etwa langsamer wird.
„Nö, ich muss hier raus.“, ruft Greif und kippt zur Seite weg. Er kann sehr schnell fliegen, braucht dazu aber freie Bahn und der einfachste Weg zum Bach führte hier entlang.
Am Bach schiesst Greif hinunter, schaufelt Wasser in seinen Mund, wendet und jagt denselben Weg wieder zurück.
„Schneller!“, ruft er als er wieder am Baum ankommt, Skye einige Meter hinter sich.
„Das ist unfair, deine Mutter ist eine Glanzflügel“, beschwert dieser sich.
„Oh, komm schon, war doch nur ein Spiel.“
„Schon gut.“, grinst Skye.
„Ich denke ich habe nichts mehr dagegen, wenn du mitkommst. Luna hatte wohl recht, du bist schon in Ordnung.“
„Danke. Aber wir sollten langsam zurück, wir brechen wohl bald auf.“
„Hast Recht. Komm.“

„Nur wir beide?“
Greif schaut erst seine Mutter an, dann seinen Vater. Er weiss nicht recht, was er davon halten soll.
„Nicht das ich nicht gerne mit dir zusammen fliegen würde, Mami, aber es ist doch ein recht weiter weg. Und auch nicht ganz ungefährlich.“
„Ich weiss Greif. Aber wir zwei sind die schnellsten Flieger. Wir müssen das Lager der Männer so schnell als möglich erreichen.“
„Nun…Na gut.“
„Danke Greif. Wir brechen gleich auf. Bist du so weit?“
„Ich komme gleich, Mami. Moment noch.“
Greif umarmt seinen Vater. „Machs gut, Greif. Pass auf Mami auf.“
„Klar Dad. Passt auf euch auf.“
Greif wendet sich an Skye. „Ich kenne dich noch nicht lange so gut. Pass bitte trotzdem auf dich auf, ja.“
„Mach ich Greif, zeig was in dir steckt, beweis allen wie schnell du bist.“
„Sicher doch, Skye.“, grinst Greif.
Dann fliegt Greif hinüber zu Luna. Eine weile Lang sagt Greif nichts.
„Luna…“ „Ja Greif?“
„Ich…ich hoffe du hast einen gute Flug. Pass auf dich auf, ja.“
„Keine Sorge. Pass nur auf, dass dir nichts zustösst, Greifchen.
Plötzlich bemerkt Greif, dass er ihr schon seit Sekunden nur in ihre Augen sieht. Rasch blickt er zur Seite.
„Ich muss jetzt gehen.“, sagt er schnell. „Machs gut Luna.“
„Bist du so weit?“, frag ihn seine Mutter.
„Ja, lass uns gehen.“
„Gut. Wir fliegen möglichst hoch, die Höhenwinde werden uns weiter beschleunigen.“
„Wie hoch.“
„Wirst du noch sehen.“, ruft ihm Marina zu. Sie steigt bereits steil nach oben.
Greif lässt sich fallen und fliegt ihr hinterher. Auf Baumwipfelhöhe dreht er sich nochmals um und winkt den anderen ein letztes Mal zu.
Nach etwa 2 Minuten Steigflug wendet sich Greif an Marina.
„Wie hoch wollen wir noch, wir sind schon fast in den Wolken. So hoch war ich noch nie.“
„Noch um einiges höher. Aber vertrau mir Greif. Ich weiss schon was ich tue.“
Misstrauisch fliegt ihr Greif hinterher. Nach weiteren Minuten stossen sie in die Wolken vor. Die Temperatur sinkt nun rapide.
„Es wird langsam kalt.“, murrt Greif von hinten.
„Ich weiss, Greif. Aber hier oben können wir viel schneller fliegen. Halte durch, es sind nur noch etwa 100 Meter.“
„Wie lange werden wir unterwegs sein?“
„Hier oben? Nun, wenn wir uns anstrengen, schaffen wir es diese Nacht noch.“
„Diese Nacht??? Normalerweise braucht die Kolonie für solche Strecken mehrere Nächte.“
„Ist es dir noch immer nicht aufgefallen Greif? Du hast die Flügel deiner Mutter geerbt. Wenn wir mit der Kolonie fliegen würden, müssten wir uns stark anpassen. Hier oben und mit unserem eigenen Tempo sind wir um ein vielfaches schneller.“
„Oh. Gut.“
„Warte, gleich sind wir da.“, meint Marina plötzlich und beginnt langsam höher zu kreisen.
„Wo?“
„Da. Da ist es. Wir sind jetzt am unteren Rand. Fühlst du es?“
Greif bemerkt einen leichten Luftzug von oben.
„Wir steigen jetzt noch ein, zwei Meter auf. Dann öffnest du deine Flügel und lässt dich einfach Mittreiben. Verstanden?“
„Ja.“ Greif steigt vorsichtig neben seiner Mutter auf. Plötzlich ein starker Windstoss von hinten. Sofort streckt Greif seine Schwingen voll durch und lässt sich vom konstanten Wind mitreissen.
„Da sind wir. Geht’s?“, fragt ihn Marina, die scheinbar mühelos neben ihm herjagt.
„Geht so. Ich habe noch ein wenig Mühe nicht zu kippen.“
„Keine Sorge, man gewöhnt sich daran. Segle einfach, vertraue dem Wind.“
„Es ist wunderschön hier oben?“, meint Greif nach einigen Minuten des Schweigens.
„Findest du auch?“, grinst ihn Marina an.
Unter ihnen das scheinbar endlose Wolkenmeer, über ihnen die funkelnden Sterne.
„Hast du das schon einmal gemacht?“
„Ja, hab ich. Aber es ist schon ziemlich lange her.“
„Wann?“
„Damals hab ich deinen Vater kennen gelernt. Er war ein kleiner Knirps, der sich im Sturm auf meine Insel verirrt hat. Um zum Land zurück zu kommen, benutzten wir ebenfalls diese Höhenwinde.“
„Wie hast du das herausgefunden?“
„Diese schnellen Winde? Die hab ich bemerkt, als ich die Seevögel beobachtet habe.“

Einige Stunden fliegen Greif und Marina nun schon, ohne viel zu sprechen.
„Wir müssen mal runter Greif, das ich mich orientieren kann. Einfach nach unten fliegen, du kannst den Schwung für den Abstieg nutzten. Wenn wir in die Wolken kommen, beginne zu bremsen, man weiss nie, was darunter auf einem wartet.“
Ohne Eile beginnt Greif mit seiner Mutter den Sinkflug. Als sie in die feucht-kalte Wolkendecke eintauchen, stellt Greif seine Flügel an. Langsam bremst er seinen Fall ab. Dann durchstossen sie die Wolken.
„Oh, wir sind ja schon fast da.“, bemerkt Marina, „Nur noch einige Kilometer diesem Fluss folgen und dann noch ein kurzes Stück der Küste entlang, dann sind wir da. Kannst du noch?“
„Kein Problem. Steigen wir wieder auf?“
„Nein, das würde sich nicht mehr lohnen.“
„Na gut. Wen werden wir eigentlich mitnehmen?“
„Weiss ich noch nicht, wer sich meldet eben.“
„Und dann fliegen wir zu Zephir?“
„Genau.“
„Endlich werde ich ihn kennen lernen. Ihr habt schon so viel von ihm erzählt.“
„Ja, er ist ein lieber Kerl, ich mag ihn. Und er hat deinem Vater die Echoprojektion beigebracht.“
„Eben. Er muss etwas ganz besonderes sein.“
„Ist er. Er ist mysteriös. Aber ist nett, geduldig und wird uns vielleicht noch einige Tipps geben können.“
„Werden wir den Männern eigentlich wieder voraus fliegen?“
Marina muss lachen. „Hat dir wohl gefallen, dein eigenes Tempo fliegen zu können.“
„Vielleicht, ja.“
„Mal sehen Greif. Wenn du willst kannst du auch alleine voraus fliegen. Du würdest die Stadt in ein, zwei Nächten erreichen. Und bei Zephir bist du gut aufgehoben, bis wir eintreffen. Du kannst vieles von ihm lernen in der Zeit.“
„Alleine? Ich weiss noch nicht so recht.“
„Komm schon, der alte Zephir wird seine helle Freude an dir haben.“
„Das meine ich nicht. Zur Stadt ist es eine ziemlich lange Strecke.“
„Du warst in der Unterwelt auch alleine unterwegs. Und dein Vater war fast eben so jung, als er eine viel längere Reise alleine machte.“
„Ersten: Luna war bei mir. Zweitens: Du warst bei ihm. “
„Stimmt. Aber erstens: das war immerhin die Unterwelt. Und zweitens: das war eine viel längere Reise in gesperrtem Luftraum am Anfang eines Krieges. Zur Stadt sind es kaum zwei Nächte und der Weg ist recht ungefährlich.“
„Hmm, ich werde es mir überlegen.“
„Gut.“
Wieder fliegen sie einige Zeit ohne ein Wort zu sprechen. Plötzlich scheint das Land aufzuhören, eine riesige Wasserfläche liegt vor ihnen, bis zum Horizont.
„Was ist das?“
„Das ist das Meer.“
„Ist das alles Wasser?“
„Alles, bis zum Horizont und weiter. Viel weiter. Und da draussen, irgendwo vor der Küste im Meer habe ich einige Zeit lang gewohnt.“
Greif schaut fasziniert auf den Ozean hinaus. Langsam fängt das Wasser zu glitzern an. Hinter ihnen beginnt sich der Horizont allmählich aufzuhellen.
„Die Sonne wird gleich aufgehen.“, bemerkt Greif
„Ja. Aber es ist ja nicht mehr weit.“
„Schaffen wir das noch in der kurzen Zeit?“, fragt Greif.
„Nein. Na und?“
„Wir sollen in der Sonne fliegen?“
„Ja, warum nicht? Ich mag die Sonne und dir wird sie bestimmt auch gefallen. Ich bin auch schon mitten am Tag geflogen und damals durften wir das noch nicht einmal. Und heute steht es uns frei zu fliegen wann immer wir wollen.“
Greif beobachtet gebannt den Horizont.
„Wenn wir schon dabei sind, sag mal, bist du noch nie bei Tageslicht geflogen?“ Marina schielt ihn an.
„Nur immer in der Dämmerung und im Schatten der Bäume. Aber noch kaum jemand von uns hat je den Drang verspürt am Tag zu fliegen.“
„Mal abgesehen von Luna.“
„Mal abgesehen von Luna, ja.“
„Siehst du, wenn sie es konnte wirst du es auch schaffen.“
„Diese Reise würde Luna sicherlich auch gefallen.“, sagt Greif zu Marina.
„Ja, das dachte ich mir auch.“
Bei ihren Worten blitzt ein Bild von Luna vor Greifs geistigem Auge auf und ein seltsames Gefühl durchzuckt ihn wie Feuer.
Was ist nur los, fragt sich Greif.
„Bist du müde?“, ruft Marina zurück, als Greif nur abwesend hinter ihr her flattert.
„Was? Oh, nein nein. Wann sind wir da?“
„Gleich, nur noch ein paar Minuten.“
„Mami, schau nur!“ Greif blickt fasziniert über die Hügel nach Osten. Majestätisch hebt sich die glühende Sonne über den Horizont. Sofort kneift Greif erschrocken die Augen zu. Ihr Licht ist so unglaublich hell.
„Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?“, hört er Marinas Stimme.
„Es ist wunderschön. Aber viel zu hell.“
„Ich weiss, man muss sich daran gewöhnen. Lass uns hier ein wenig warten, bis du die Augen öffnen kannst, das muss man gesehen haben.“
Greif wartet einen Augenblick. Eine ungewohnte Wärme kriecht langsam über sein Fell, die Sonnenstrahlen scheinen ihn zu streicheln.
„Versuche jetzt die Augen ein ganz klein wenig zu öffnen. Aber schau nicht direkt in die Sonne, verstanden?“
„Schon klar.“, meint Greif und öffnet seine Augen ein winzig kleines Stück. Doch schon das reicht, um eine völlig veränderte Welt zu sehen, eine andere Welt, in der alles seine vertraute, schattige Haut abgestreift zu haben scheint.
Alles leuchtet im hellen Licht der Morgensonne, ihre Strahlen verleihen allem ein weiches, sanftes Aussehen. Greif dreht sich um. Die See scheint in Flammen zu stehen, das Wasser glüht im Glanz des Morgens. Auch anderes scheint sich verändert zu haben. Immer mehr Vögel beginnen zu singen, sogar der Wald scheint anders zu riechen. Und die wohlige Wärme, als wolle die Sonne selbst Greif in ihre wohligen Schwingen hüllen. Die lockere Wolkendecke am Himmel hat sich verwandelt, von einer scheinbar unendlichen Fläche weissen Nebels in ein strahlendes Spiel aus Licht und Schatten.
„Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen.“, flüstert Greif ehrfürchtig.
„Es ist immer wieder ein Wunder, ja. Und dass du dieses Wunder selbst erleben darfst, hast du deinem Vater zu verdanken.“
„Nicht auszudenken, wenn uns diese unglaubliche Moment für immer verwehrt worden wäre.“
„Und das ist erst der Sonnenaufgang, das Gefühl am Mittag zu fliegen ist noch unbeschreiblicher. Aber das machen wir dann später mal. Jetzt lass und das Lager suchen, wir haben schon bald wieder eine lange Reise vor uns.“
„Na gut.“, murmelt Greif und betrachtet noch ein letztes Mal ganz kurz die Sonne, die nun wie ein unendlich grosser Feuerball über dem Horizont schwebt.
„Siehst du, dort ist es schon.“
Greif späht die steile Steinküste hinunter. Ein gutes Stück unter dem Rand klafft ein Spalt in dem grauen Stein.
„Gratuliere Greif, du bist vermutlich die jüngste Fledermaus, die diesen Ort jemals besucht hat.“
Auf dem die Klippen hinauf rauschenden Aufwind segeln die beiden zur Höhle.
„Einen guten Morgen zusammen!“, ruft Marina als sie in das Lager der Männer hineinfliegen. Einige tuscheln verwirrt, die meisten grüssen Marina und Greif erfreut. Greif flattert unsicher hinter seine Mutter her.
Einige Meter weiter im Fels hält Marina inne.
„Hallo Cassiel.“, ruft sie einer Fledermaus zu, die mit dem Rücken zu ihnen hängt. Die Fledermaus dreht sich um. Als sie Marina und Greif sieht weitet sich ihr Mund zu einem erfreuten, herzlichen Lachen.
„Marina, Liebes, welch schöne Überraschung dich zu sehen.“ Marina und Cassiel begrüssen sich freudig.
„Und dein schüchterner Begleiter muss Greif sein. Normalerweise haben wir nie solch junge Besucher, aber für Greif kann man ja eine Ausnahme machen.“ Cassiel wendet sich an Greif: „Du bist schliesslich ein fast so grosser Held wie dein Vater.“
„Och, das waren doch keine wirklichen Heldentaten.“, grinst Greif verlegen.
„Hast Recht, du hast schliesslich nur dein Leben aufs Spiel gesetzt, um deine Freundin zu retten.“
„Ich war eher zufällig dort unten, ausserdem musste ich sie retten, weil ich sie in diese Situation gebracht hatte.“
„Das ist schlussendlich nicht wirklich wichtig, du hättest sterben können bei dem Versuch sie zu retten.“
„Sie hat mich vermutlich öfter gerettet, als ich sie…denke ich zumindest.“
„Aber du kannst nicht leugnen, dass du eine grosse Tat vollbracht hast.“
„Hmm…wenn du meinst, vielleicht, ja.“
„Ich frage mich, wo er diese Bescheidenheit her hat.“, meint Cassiel und schielt zu Marina hinüber. „Jedenfalls nicht von seinen Eltern.“, grinst er dann.
Marina grinst übertrieben freundlich, sarkastisch zurück, muss dann aber trotzdem lachen.
„Die Intelligenz hat er auf jeden Fall von seiner Mutter.“, säuselt sie.
„Jaja, sicher doch, das wage ich nicht zu bestreiten. Doch nun sagt, wie ist es euch ergangen?“ Cassiels Mine verfinstert sich. „Kommst du darüber hinweg?“
Marina schaut ihn mit schief gelegtem Kopf an. Auch Greif mustert seinen Grossvater verwirrt.
Da dämmert es Marina.
„Mir geht es prächtig, Cassiel.“
Nun schaut Cassiel leicht verwirrt.
„Aha, du hast also…schon jetzt, nach so kurzer Zeit…du hast also jemanden gefunden der dich tröstet???“ Cassiel zwinkert ihr zu, sein Lachen wirkt dennoch ein wenig geschockt.
„Cassiel, ich bleibe lieber beim Alten, da weiss man was man hat. Und etwas Vergleichbares würde ich nirgendwo finden.“
Nun schaut Schattens Vater völlig perplex drein.
„Sag mal Liebes, sprechen wir vom selben Thema?“
„Ich denke schon, warum?“
„Nun, ich…ich verstehe nicht, was du meinst.
Verwirrt blickt Cassiel Rat suchend seinen Enkel an.
Dieser grinst ihn nur verschwörerisch an. Auch Greif hat inzwischen begriffen, was los ist.
„Cassiel, du weißt, ich würde nie jemanden finden, der ihm würdig wäre, aber warum auch.“
Cassiel schaut nun so, als würde er an seinem oder Marinas Verstand zweifeln.
„Mir scheint, du hast es doch nicht so gut überstanden.“, meint er finster.
Marina kann sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Auch Greif prustet los.
„Was in Nocturnas Name ist hier los? Wie kann dir zum scherzen zumute sein?“
„Du hast es noch immer nicht begriffen? Naja, verständlich, ist auch ein wenig ungewöhnlich. Sagen wir so: Keine andere Fledermaus könnte ein so guter Ersatz für meinen Schatten sein, als das ich so eine gute Laune hätte.“
Cassiel schaut Marina an. Nun scheint er sich ganz sicher, dass es nicht an seinem Verstand hapert.
„Tut mit leid.“, lacht Marina, hustet und strahlt Cassiel dann an.
„Cassiel, dein Sohn lebt, Schatten ist wieder am leben…“




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