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Welcome to our echo chamber.

Sternenflügel

[written by Eva - Illustrated by Kira Lynn Debris] 

 

Prolog

Sie schossen nach oben, immer weiter nach oben. Sie mussten schnell sein, das war ihnen klar. Ihre Flügel zerteilten die Luft. Unter ihnen tobten Kämpfe. Schmerzensschreie stachen ihnen in den Ohren. Sie mussten weg, so schnell wie möglich weg. Nur wohin? Wohin? Ihre Königin, Lysella, war mit der Situation ebenso überfordert wie die anderen. Da unten griffen Vögel Vierfüßler an, und Vierfüßler töteten Vögel. Der Boden war überschwemmt mit Blut und toten Tieren. Und die Schreie… Einzig die Fledermäuse waren nicht dabei. Und trotzdem, sie konnten da nicht bleiben. Ihre Kolonie verabscheute den Krieg, auch, wenn sie selbst nicht einmal teilnahm. Es war so widerlich… Sie mussten einen anderen Ort finden, einen Ort des Friedens, wo sie für immer bleiben konnten… Lysella durchstieß, allen voran, die Wolkendecke. Sofort drückten die Kampfgeräusche weniger auf ihre Ohren. Dunst trübte ihr Sehen, sowohl das mit den Augen, als auch das mit den Ohren, das in ihrer Kolonie sowieso nicht sehr gut funktionierte. Dann klarte die Luft auf. Unter Lysella und den anderen erstreckten sich Wolken, so weit das Auge reichte. Und es war Frieden. Frieden, der einlud, für immer hier zu bleiben und die Probleme der Erde zu vergessen. Nie wieder würde sie hier oben etwas von da unten stören…

 

 

Das Leben in den Wolken

„Ja, Mama, klar nehm ich dir eine Handvoll Sternenstaub mit!“ Lacríma breitete ihre Flügel aus und erhob sich. Rasch und leise glitt sie über die Wolken. Der Mond über ihr schien so nahe, dass sie ihn fast greifen konnte, die Sterne ebenfalls. Lacríma, oder Lucky, wie sie von allen genannt wurde, außer natürlich von der Königin des Wolkenreiches, der Anführerin ihrer Kolonie, hatte rotes Fell, so rot wie der Mars, wenn er hoch am Himmel stand. Ihre Flügel waren nicht lang, eher breit, doch wie alle Sternenflügel war sie trotzdem unwahrscheinlich schnell. Wie alle in ihrer Kolonie hatte sie weiße Einsprengsel überall im Fell verteilt, einem Sternenhimmel nicht unähnlich. Ihr Zuhause war in den Wolken. Dort lebten sie alle, die ganze Kolonie. Die Sternenflügel waren einst, vor langer Zeit, ein Fledermausvolk gewesen, das auf der Erde seine Zauberkräfte nur für gute Dinge einsetzte. Doch dann war der Große Krieg gekommen, zwischen Vögeln und Vierfüßlern. Obwohl die Fledermäuse sich herausgehalten hatten, hatten die Sternenflügel diese sinnlose Zerstörung nicht ertragen und waren in die Wolken geflüchtet, wo sie seit tausenden von Jahren lebten. Die Sternenflügel brauchten nicht zu essen oder zu trinken um zu leben. Ihre einzige „Schwäche“ in dieser Richtung waren das Atmen. Mit dem Schlafen war das eine andere Sache, das mussten sie schon tun, bis ihre Zauberkräfte zum ersten Mal zum Vorschein kamen. Jeder hatte seine eigene, ganz spezifische, die sich irgendwann im ersten Lebensjahr zeigte und sich dann in den nächsten Monaten weiter und weiter entwickelte, bis sie ausgereift war. Immer waren sie irgendwie unterschiedlich, seit man sich zurückerinnern konnte, hatten keine zwei Fledermäuse die gleiche gehabt. Auch Lucky besaß so eine, natürlich. Sie hatte bald ihren dritten Geburtstag hinter sich und war Oberste Generälin des Sondereinsatztrupps Königin Sabrinas. Auch wenn die Himmelsgeschöpfe Krieg und Kampf verabscheuten, war es manchmal leider trotzdem nötig, sich zu verteidigen. Doch meistens war das Leben hier äußerst friedlich, wie jetzt auch. Schäfchenwolken trieben vorbei, ein lauer Wind wehte, Sternenstaub rieselte von der Mondsichel. Lucky fing etwas davon auf und schnupperte daran, herrlich roch das, wie Blüten im Morgentau. Zwar kam selten ein Sternenflügel dazu, tatsächlich an so einem Gewächs zu riechen, doch Lucky war schon einmal auf der Erde gewesen. Als kleines Kind, bevor sie hatte fliegen können, war sie einmal von einer Wolke gefallen. Doch das war lange her, für sie zählte nur das Hier und Jetzt. Lucky glitt durch den vom baldigen Sonnenaufgang leicht geröteten Himmel. Vor sich sah sie plötzlich himmelblaues Fell aufblitzen, wie bei ihr selbst mit den weißen Fleckchen. Sie kannte diese Fledermaus, es war ihr ein Jahr älterer Cousin Arco. Sie grinste, sie hatte es immer geliebt, ihn ein wenig zu ärgern, vor allem, weil er gern angab, oft stundenlang mit seinen Leistungen prahlte. Er war ebenfalls im Sondereinsatztrupp des Königshauses. Dass seine kleine, nervige Cousine da seine Vorgesetzte war, das wurmte ihn gewaltig, man konnte ihn herrlich aufziehen. Zu dem kam, dass er furchtbar schreckhaft war und zum Erschrecken war Luckys Zauberkraft gerade die Richtige. Sie lächelte in sich hinein, holte tief Luft, bildete sich ein, spüren zu können, wie ihr Gewebe optisch an Dichte verlor, wie sie durchsichtiger und immer durchsichtiger wurde. Völlig unsichtbar glitt sie weiter, auf Arco zu. Sie schlich sich von hinten an ihn heran, schlug ihm die Flügel vor die Augen und schrie ihm laut „Buh!“ ins Ohr.




Treffen bei Sabrina

Arco schwebte nichts Böses ahnend knapp über dem weichen Boden aus Wolken, als er plötzlich fühlte, wie etwas vor seine Augen klatschte, was er sehr wohl fühlte, aber nicht sehen konnte. Gleichzeitig gellte ihm ein lauter Schrei durch sein überaus empfindliches Ohr. Erschrocken quietschte er und fuhr in die Höhe, im nächsten Moment, als er das Gekicher hörte, kam er sich schon wieder wahnsinnig naiv vor. „Lucky, du blöde Kuh!“ Immer noch lachend machte sie sich wieder sichtbar. Arno lauschte genauer, seine Ohren waren wirklich sehr, sehr empfindlich, das brauchte er auch für seine Art zu zaubern. Dir hab ich’s ordentlich gezeigt, Cousinchen, du bist mir eben haushoch unterlegen, und hör auf, in meinen Gedanken rumzustöbern, du weißt nur zu gut, dass ich das nicht ausstehen kann!, drang ihm ans Ohr. „Das werde ich“, versprach er, „aber erst, wenn du aufhörst, dich ständig von hinten an mich ranzuschleichen!“ „Also doch! Ich wusste, dass du zuhörst!“, rief Lucky triumphierend. Arco seufzte. „Oh komm, nicht sauer sein!“, lachte sie. Ihr konnte wirklich nichts die Laune verderben, da war der Rest ihrer Familie anders. „Begleit mich heim, ich muss Mami noch diesen Sternenstaub hier bringen.“ Eine Stimme erfüllte plötzlich die Luft, eine temperamentvolle, klingende Stimme. „Luuuckkkyyyy!!! Liiiieeeebeeesss! Ich-muss-mit-dir-spre-chen!“ Lucky drehte sich um. Wie sie erwartet hatte, giftgrünes Fell mit weißen Pünktchen drin. Erste Unteroffizierin des Sondereinsatztrupps, eine gute, gleichaltrige Freundin von ihr aus ihren Kindertagen, Desiree Sternenflügel. „Daisy, was ist denn? Ich bin gerade dabei, meine Überlegenheit Verwandten von mir gegenüber auszukosten und du…ach, vergiss es, was gibt’s denn?“ „Oje, armer Arco, du bist echt nicht zu beneiden!“, lachte Desiree. „Schnauze, Daisy!“, gab dieser genervt zurück. Die Angesprochene zog eine Schnute. Es war so etwas Ähnliches wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass nur Lucky und ihr Partner Jamie sie so nennen durften. Doch sie überging das. „Kommt ihr beide mal mit zur Königin, ihr zwei? Es geht um deine Schwester, Lucky.“ „Was?“ Lucky erschrak. „Lucy? Ihr ist doch nichts passiert, oder?“ „Das hoffe ich nicht, so ganz ohne eine erträgliche Cousine wäre es geradezu schrecklich!“, war Arcos Kommentar. Desiree streckte ihm die Zunge raus und zog eine Grimasse. „Du bist schrecklich…und so überaus feinfühlig! Nein, alles klar mit ihr, das heißt, ich weiß nicht, wie lange noch.“ Sie schoss voraus. Lucky und Arco hatten die größte Mühe, mitzuhalten, was wohl auch irgendwie damit zusammenhing, dass Desirees Zauberkraft Überschallgeschwindigkeit war. Doch sie gab sich Mühe, ihr Tempo weitestgehend zu drosseln. „Was ist denn nun?“, keuchte Lucky. „Pardon, weiß auch nicht mehr als du“, gab Desiree zurück, nicht im Mindesten außer Atem. „Die Königin hat gesagt, es eilt, es geht um Lucy, wir sollten uns so schnell wie möglich einfinden.“ Vor dem Wolkenpalast angelangt, wechselte Desiree ein paar Worte mit den Wachen, die sie einließen. Lucky stürzte, ohne auf gute Sitten zu achten, in den Thronsaal und presste das sonnengelbe Fellbündel an ihr Herz. „Lucy, dir geht’s gut…“, wiederholte sie immer wieder. Einige Meter hinter ihr traten Desiree und Arco ein, wie es sich gehörte mit gesenkten Köpfen. Doch Luckys Auftritt war bei weitem nicht so respektlos wie der darauf folgende: Die Wolken begannen zu beben, schnell schwangen sich alle Anwesenden in die Luft, so sehr vibrierte der Palast. Im Boden tat sich ein Riss auf, ein knalloranges Fellknäuel, ziemlich zerzaust und riesengroß für einen Sternenflügel tauchte auf: Khan, ebenfalls Mitglied des Sondereinsatztrupps, Zauberkraft Formen von Materie. So fiel es ihm auch nicht schwer, den Riss im Boden sofort wieder zu verschließen. Er nahm einfach die gebührende Haltung ein, ohne ein Wort zu sagen. Khan war bekannt für seine Schweigsamkeit, seinen Stolz, seine kalte Art und nicht zu vergessen seine offensichtliche Herzlosigkeit. Lucky mochte ihn nicht besonders gut leiden, sie wechselte nicht mehr Worte mit ihm, als unbedingt nötig war. Sie nannte so selbstbezogenes Verhalten nur egoistisch. Fast war der Sondereinsatztrupp nun komplett, das letzte Mitglied war für seine Unpünktlichkeit und seine Zerstreutheit bekannt: Timmy Sternenflügel. Neben Arco knallte es plötzlich laut. Es dampfte ein wenig, doch bald konnte man durch den Rauch samtiges, violettes Fell erkennen. Timmys Fähigkeit war die Teleportation. „Sorry, bin ich zu spät, was hab ich verpasst? Wisst ihr, ich hab schon geschlafen und auf dem Weg hierher ist mir was ganz Witziges passiert…“ Desiree räusperte sich vernehmlich. Sofort verstummte Timmy. Es war ein offenes Geheimnis, dass er in sie verknallt war, total. Arco hatte es einst herausgefunden – und sich dafür von Lucky einiges an Tadel anhören müssen. („Man dringt nicht in die Privatsphäre anderer Leute ein, du solltest das respektieren, du hast deine Fähigkeit, um Gutes zu tun, nicht um andere lächerlich zu machen, ist dir das klar? Und wenn du es schon weißt, dann brauchst du es nicht rumzuposaunen, sie hat einen Partner, Jamie ist fast ausgerastet, wirklich, Arco…&ldquo Nun richteten sich aller Augen auf die Königin. Sie war in allen Farben des Regenbogens – oder in den Farben aller anderen Anwesenden – gestreift, rot, orange, gelb, grün, blau und violett. Statt weißer Einsprengsel zierten weiße Blitze ihre Flügel und, obwohl sich im Bezug auf ihre Zauberkraft niemand sicher war, weil sie daraus ein Geheimnis zu machen pflegte, munkelte man, es sei, mit Nocturna persönlich zu sprechen, der Göttin der Nacht und aller Fledermäuse, der Erschafferin der Welt. Arcos „Nachforschungen“, wie er es zu nennen pflegte, hatten auch nicht viel gebracht. Das war sie, Königin Sabrina. „Ich habe euch alle rufen lassen“, verkündete sie mit melodischer Stimme, „weil auf uns eine große Bedrohung zuzukommen scheint. Lucy, bitte erzähl uns, was du gesehen hast!“ Die kleine Schwester kuschelte sich noch enger an Luckys Fell. Dann begann sie mit weinerlicher Stimme: „Also…ich hab da so gespielt…bin einer Sternschnuppe hinterhergejagt…da wurde ich müde…ich musste mich ausruhen…da war plötzlich eine große Wolke…ich hab mich hingesetzt…und plötzlich hat es überall an meinem Körper gejuckt…glaub ich…oder so…gebrannt hat es…und die Wolke hat gestunken, ja, ganz fürchterlich…ich bin schnell weg…gleich zur Königin…ich hatte solche Angst…“ Lucky nahm sie ganz fest in die Arme. „Alles ist gut…Ssssscht…“, flüsterte sie der Kleinen beruhigend ins Ohr. Ihr Weinen wurde leiser, Lucy schlief neben Lucky ein. „Die arme Kleine…“, murmelte Arco betroffen, während die große Schwester das Geschöpf sanft auf den Boden bettete, der ja aus Wolken bestand und daher ziemlich weich war. Khan musterte das erschöpfte Wesen unbeeindruckt. „Und das soll alles sein? Bei allem Respekt, Majestät, deshalb habt Ihr uns rufen lassen? Weil ein kleines Kind ein bisschen Gestank in die Nase bekommen hat? Völlig hysterisch, das Ding.“ „Jetzt hörst du mir aber mal zu…“, brauste Lucky auf, doch die Königin gebot ihr zu schweigen. Mit einigen giftigen Blicken in Khans Richtung fügte sie sich. „Das Problem ist“, erklärte Sabrina, „dass man durchaus in Betracht ziehen musste, dass die Sorge der Kleinen nicht unbegründet ist. Ich habe ihre Aussage nachprüfen lassen, jedes Wort war wahr. Und viele Überlegungen ließen nur eine Möglichkeit zu: Eine Spezies unten auf der Erde ist dabei, unsere Heimat mitsamt dem ganzen Planeten zu zerstören.“




Die Mission

Lucky glaubte, sich verhört zu haben. „Was?“ Arco klappte der Mund auf. „Un-unsere Heimat zerstören? Nein, das gibt’s ja nicht, wer hat die Macht zu so etwas…und die Herzlosigkeit?“ Sabrina seufzte. „Die Spezies nennt sich ‚Mensch’ und scheint sich das Leben durch den Bau von Maschinen erleichtern zu wollen, die ihnen die Arbeit abnehmen. Und genau diese Maschinen sind es, die dieses Gift erzeugen. Das Problem ist, dass das Gift bis zu unserem Heim, bis zu den Wolken, herauftreibt und sich hier ablagert. Schon bald werden wir nicht mehr hier leben können, falls die Vergiftung in diesem Tempo weiter fortschreitet. Sicher, wir können uns ein neues Zuhause suchen, doch nach und nach wird alles zerstört werden, bis nichts mehr auf dem Planeten leben kann, dann wird es nur noch die Menschen geben und ihre Maschinen…“ „Stopp!“, fiel Desiree ihr ins Wort. „Hört auf, Majestät, ich bitte Euch! Das ist das Schrecklichste, was ich jemals gehört habe!“ In ihren Augen standen Tränen. „Also“, meldete sich Timmy zu Wort, „meint Ihr, dass wir versuchen sollten, das zu stoppen, Hoheit?“ Die nickte. „Genau das meinte ich. Ihr – also Lucky, Desiree, Arco, Timmy, Khan und Lucy – seid vielleicht die letzte Hoffnung der ganzen Erde.“ Alle nickten, hoffnungsvoll und geschmeichelt, nur Lucky war käseweiß geworden. „Lucy?! Bei allem gebührenden Respekt, Hoheit, doch sie ist noch ein Kind! Sie kann nicht mit! Das ist unmöglich, sie…“ „…wird eines Tages ein sehr fähiges Truppenmitglied sein, das ihr jetzt schon sehr nötig habt“, beendete die Königin gelassen den Satz. Auch Arco war der Meinung, dass es Wahnsinn war, sie mitkommen zu lassen, doch er hatte nicht den Mut, etwas zu sagen. Und auch, wenn er die Gedanken der Königin aus irgendeinem Grund nicht lesen konnte, spürte er doch, dass sie von dem überzeugt war was sie sagte. „Wir sollen während unseres Einsatzes babysitten?“, fragte Khan verächtlich. „Das werdet ihr tun“, blieb die Königin stur. „Und wenn ihr nun etwas passiert…?“ Lucky konnte ihre Angst nicht unterdrücken, sie liebte ihre Schwester mehr als alles andere. „Ist das deine einzige Sorge? Sie wird uns nur aufhalten“, meckerte Khan. „Du…!“ Es sah aus, als wollten die beiden aufeinander losgehen, doch die Stimme der Königin zerschnitt die Stille und lenkte die Streithähne ab. „Für diesen Fall kommt sie mit.“ Sabrina deutete mit dem Flügel zum Tor, das sich langsam öffnete. Eine türkisfarbene Fledermaus betrat den Thronsaal. „Felicitas Sternenflügel, genannt Fee. Ihre Kraft besteht aus Heilen. Sie wird euch begleiten, nun viel Glück!“ Die Königin breitete die Flügel aus, ein Beben erschütterte die Wolken. Der Boden teilte sich unter den Fledermäusen. Unvorbereitet wie sie waren, kamen sie erst viel zu spät auf die Idee zu fliegen. Als sie sich in Spiralen wieder nach oben schraubten, hatte sich das Loch schon wieder geschlossen, als hätte es nie existiert. Lucky, die die schlafende Lucy aufgefangen hatte, fasste sich schnell wieder und übernahm sofort wieder ihren Posten als Anführerin der Truppe. „Folgt mir!“, rief sie mit gebieterischer Stimme. Die Fledermäuse ließen sich neugierig und voller Erwartung Richtung Erde tragen.





Unten auf der Erde

Sie landeten auf einem Baum. Ein merkwürdiges Gebilde…doch gerade ideal für eine kurze Rast. „Was jetzt? Lasst uns weiterfliegen, wir haben eine Aufgabe!“, quengelte Khan. „Und Lucy?“, fragte Arco. „Wir können sie unmöglich hierlassen und ebenso wenig tragen.“ Man sah Khan an, dass er da anderer Meinung war, doch er sagte nichts. Lucky meldete sich zu Wort: „Wir warten, bis sie aufwacht, was denn sonst?“ „Das ist doch ein Witz, wegen dem kleinen Ding so viel Zeit verlieren…“ Wahrscheinlich war es nur gut, dass Desiree mit ihrer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit zu Lucky hinüberschoss und sie am Flügel packte, sonst hätte sie sich auf Khan gestürzt. Arco warf Khan gereizte Blicke zu, auch er hing sehr an dem kleinen Mädchen. Timmy und Fee stellten sich in weiser Voraussicht zwischen die beiden Männchen. Lucky seufzte. Das fing ja gut an, die Mission hatte kaum begonnen und schon fielen sie alle übereinander her. Noch etwa eine Stunde saßen sie so da. Lucky überlegte, wie man diese Sache wohl am besten anfing. Desiree flog durch den Wald, um das Gebiet zu erkunden. Arco schnüffelte aus Langeweile in den Gedanken der anderen herum. Khan meckerte ununterbrochen vor sich hin. Timmy versuchte, Fee etwas näher kennenzulernen, doch sie gab nur kurze Antworten und schien lieber für sich zu sein. Lucy schnarchte ganz leise, bis sie plötzlich die Augen aufschlug. Hektisch sah sie sich um, doch sie nahm nicht ihr geliebtes Wolkenreich wahr, sondern eine merkwürdig geformte Landschaft. Sie sah Bäume mit roten Blättern, die im Wind wehten, gelblich verfärbtes Gras und in der Ferne riesige Betonklötze, eine Stadt. Sie war nicht in der Lage, etwas davon zu benennen. Und dann diese unbekannten Geräusche und Gerüche! Vogelgezwitscher drang an ihr Ohr und Lärm aus der Menschenstadt. Sie konnte Blumenduft riechen und die feuchte Erde am Boden. Auch das verrottende Laub gab einen interessanten Geruch ab, der Gestank des Rauches dagegen tat in der Nase weh. Lucy war grenzenlos erleichtert, als sie die bekannten Gesichter sah, die zu ihrer Schwester und ihrem Cousin gehörten. Auch freute sie sich, Desiree wiederzusehen. Die anderen kannte sie flüchtig von ihrer Begegnung im Palast, nur die türkisfarbene Fledermaus nicht. Trotzdem mochte sie sie – abgesehen von Lucky und Arno natürlich – sofort am liebsten. Auch Lucky war glücklich zu sehen, dass ihre Schwester endlich wach war. „Wo sind wir?“, hörte sie Lucy mit herzzerreißend ängstlicher Stimme fragen. Wie kann einem dieses Geschöpf nur nicht Leid tun?, fragte sie sich. Tatsächlich schien es wieder nur Khan kaltzulassen – Lucky begann sich allen Ernstes zu fragen, ob er zu Regungen wie Gefühlen oder so überhaupt fähig war. „Wir sind auf der Erde, Süße“, flüsterte sie ihr beruhigend zu. „Weißt du noch, was die Königin gesagt hat? Wir müssen die Erde beschützen…und du darfst uns helfen…“ „Ist das wahr?“ Lucys Augen leuchteten. „Ich darf mit der Sondereinsatztruppe unterwegs sein und wirklich echt jemanden retten? Ich meine, nicht nur Abenteuer spielen sondern ganz in Echt?“ Sie hörte sich fasziniert und glücklich an, Lucky brachte es nicht über sich, ihr zu sagen, wie gefährlich das war – vermutlich hätte die Kleine es in ihrem Eifer gar nicht verstanden. So verlegte sie sich auf beruhigende Worte wie: „Ja, meine Kleine, und wenn wir nach Hause kommen, dann bist du ganz berühmt und alle wollen deine Freunde sein…“ Arco musterte Lucky prüfend, er fragte sich, ob es richtig war, was Lucky tat. Das Kind nur noch mehr anzustacheln…nein, das konnte nie und nimmer richtig sein. Desiree bemerkte, wie Khan so tat als müsste er sich übergeben, und warf ihm einen warnenden Blick zu. Tatsächlich ließ er das Theater daraufhin sein, doch er räusperte sich vernehmlich. „Ja, wo fangen wir an?“, fragte Timmy. „Ich meine, einfach so in die Stadt fliegen und…nein, wir brauchen Hilfe, ganz klar. Wir kennen uns hier doch nicht aus. Was wollen wir denn tun? Zu den Menschen, ja – und dann?“ Den anderen leuchtete ein, dass er Recht hatte. Es war aber auch zum Mäusemelken! Voller Zuversicht und Hoffnung, diesen Wahnsinn stoppen zu können, waren sie auf die Erde gekommen und nun hatten sie keine Ahnung, wo sie anfangen könnten oder was sie überhaupt tun sollten. „Wir brauchen jemanden, der sich hier auskennt“, meldete Fee sich das erste Mal an diesem Tag zu Wort. Sie schien ihre Schüchternheit nun endlich überwunden zu haben, doch Khan machte mit einem einzigen Satz alles zunichte: „Das wissen wir längst, du dummes Ding, bist du nicht ein Mal in der Lage, eine hilfreiche Mitteilung zu machen?“ Mit Tränen in den Augen wandte Fee sich ab. „Also wirklich!“, fauchte Timmy. Khan sträubte das Fell, fauchte ebenfalls und zeigte seine spitzen Zähne, die Ohren eng angelegt. Keine Frage, wer von beiden furchterregender aussah. „Hehe!“ Blitzschnell, im wahrsten Sinne des Wortes, zischte Desiree zwischen die beiden. Nun sahen die Männchen so aus, als wollten sie sich beide auf die Streitschlichterin stürzen, doch sie fuhren genauso wie alle anderen herum, als es plötzlich im Gebüsch raschelte.





Die Mondflügel

Lucy war die einzige, die nicht versteinert auf die mit Blättern verdeckte Stelle starrte, von der das Geräusch zweifellos gekommen war. Sie trippelte ganz ruhig darauf zu. „Hallo? Wer bist du?“ Das riss Lucky aus ihrer Starre. „Nein!“ Aber da war die kleine Schwester schon in der Dunkelheit verschwunden. Lucky starrte ihr perplex hinterher, dann flog sie ihr nach. Blitzschnell versperrte Desiree ihr den Weg. „Bist du irre? Wer weiß, was da hinten auf uns wartet. Du kannst doch nicht…“ „Und wie ich kann!“, fiel ihr Lucky ins Wort. „Du führst dich ja auf wie der Abklatsch von Khan!“ Böse schielte sie zu diesem hinüber. Arco war es, der die Situation entschärfte. „Jetzt mal ganz ruhig, ich empfange von dort keine bedrohlichen Gedanken, ich denke, du kannst hinsehen, Lucky. Allerdings hielte ich es für besser, du würdest dich unsichtbar machen.“ Erleichtert nickte Lucky, wurde immer durchsichtiger und verschwand schließlich ganz. Sehr darauf bedacht, so leise wie möglich zu sein, flog sie um die Blätter herum. Was sie auf der anderen Seite sah, sah eigentlich überhaupt nicht bedrohlich aus, es waren zwei Fledermäuse, aber was für welche! Eine davon, ganz offensichtlich ein Männchen, hatte weiß-silbernes Fell, die andere, ein Weibchen, hatte dieselbe Farbe wie der Mond, der auf ihr Fell schien. Sie beide betrachteten interessiert Lucy, als hätten sie allen Ernstes noch nie in ihrem Leben eine sonnengelbe Fledermaus gesehen…merkwürdig, dabei war dies doch eine ganz häufige Farbe. Nun ja, solche Fledermäuse sehen ja auch nicht gerade normal aus, vermutlich ist es tatsächlich so, dachte Lucky. Da die beiden zu Lucy sehr freundlich waren, traute sie sich, näher heranzugehen. Versehentlich rempelte sie das Weibchen an. „Schubs mich bitte nicht, Jed!“, befahl sie genervt. „Jane, du hast ganz klar nen Vollknall, ich hab doch nichts gemacht!“, konterte der andere, der wohl Jed heißen musste. „Nur weil du so empfindlich bist, dass dich ein Windhauch außer Gefecht setzt…“ „…und nur weil du so sentimental bist, dass du es nicht über dich gebracht hast, diese kleine Schwierigkeit aus der Welt zu schaffen und wir jetzt hier draußen rumhängen, während die anderen im Winterquartier sind…“ Dieser Streit erinnerte Lucky stark an ein Wortduell zwischen ihr selbst und einer Khan-Arco-Mischung. Sie räusperte sich vernehmlich. Beide – Jed und Jane – fuhren erschrocken herum. Lucy blieb ganz ruhig. „He, ihr tut ja, als hättet ihr ein Gespenst gesehen! Ist doch nur meine Schwester, ja, sie kann ein Quälgeist sein, aber sie ist doch nicht gefährlich.“ „Da hat die Kleine Recht“, schmunzelte Lucky, blöderweise ohne sich sichtbar zu machen. „Aaaaaaaah!“ Die beiden flogen kreischend weg. Kopfschüttelnd machte Lucky sich sichtbar. Solche Angsthasen, die waren ja allen Ernstes noch schreckhafter als Arco! Doch sie waren die einzigen Fledermäuse, die sie hier unten getroffen hatten, und sie brauchten Hilfe! Arco!, dachte Lucky mit aller Kraft. Desiree soll in die Richtung dieser Buche dort vorn fliegen und die beiden Fledermäuse einholen, die auch auf dem Weg da hin sind! Für den Augenblick war sie dankbar, dass ihr Cousin immer ihre Gedanken las, sonst wäre das nicht möglich gewesen. Tatsächlich hörte sie bald aus der Richtung der anderen eine befehlende Stimme und darauf das leise Surren, wenn Daisy durch die Luft brauste. Lucky machte sich sichtbar und sah zu den anderen. „Kommt mit!“ Desiree hatte die Erdfledermäuse schon aufgehalten. Beide starrten nur fassungslos auf die knallbunte Fledermausschar. „Red du mit ihnen“, flüsterte Lucky geistesgegenwärtig zu Lucy. Vor dem kleinen Mädchen schienen sie die wenigste Angst zu haben. Die kleine Lucy trippelte ganz direkt auf die beiden zu. „Hallo, ich bin Lucy und wer seid ihr? Wollen wir nicht Freunde sein?“ Super, Lucy!, dachte Lucky. Deren unbefangene Art schien die beiden Erdfledermäuse tatsächlich ein bisschen aufzutauen. „Ich b-bin Jed. Jed Mondflügel“, presste der eine aus sich hervor, das Männchen war es. „Und das hier ist meine Begleiterin, Jane Mondflügel. Sagt, was seid ihr? Woher kommt ihr?“ Lucky wollte als Truppenführerin ganz selbstverständlich antworten, doch Khan ergriff das Wort. Beleidigt klappte sie den Mund wieder zu. „Wir sind der Sondereinsatztrupp der Sternenflügelkolonie.“ Es war den Mondflügeln anzumerken, dass sie nur Bahnhof verstanden. Khan musterte ihre ratlosen Gesichter verächtlich und ließ sich nicht herab, noch mehr preiszugeben. „Was er sagen wollte“, setzte Arco die Erklärung fort, „ist, dass wir bei unserer Mission dringend Hilfe brauchen. Wisst ihr, wir kennen uns auf der Erde überhaupt nicht aus und…“ „Wie bitte?“ Jed lachte ungläubig. „Wart ihr etwa noch nie auf der Erde? Das ist doch…“ „Ich schon, einmal, aber sonst noch keiner. Wir wollen mithilfe unserer Zauberkräfte die Welt vor dem Untergang retten“, erklärte Lucky. Jed sah stumm sie an, als hätte sie im Oberstübchen ein Rad ab. „Red nicht so mit meiner Cousine!“, befahl Arco scharf. Jed starrte ihn verdutzt an. „Ich hab doch gar nichts gesagt!“ „Aber gedacht. Glaub mir, meine Ohren sind besser als du denkst.“ Arco zwinkerte ihm zu. Nun schien er vollends verwirrt. Jane meldete sich nun auch zu Wort. „Ja, verzeiht, aber ist das die Zauberkraft, von der ihr gesprochen habt? Gedankenlesen? Und du, du kannst dich unsichtbar machen, hab ich Recht?“, fragte sie an Lucky gewandt. Die sah überrascht zurück. Die ist nicht dumm für eine Erdenfledermaus… „Ja, so ist es. Unsere Königin hat uns hier herunter geschickt, weil…“ Und sie erzählte die ganze Geschichte, angefangen mit ihren Zauberkräften über das Heim in den Wolken bis hin zu dem Ereignis mit Lucy und dem menschlichen Qualm. „Und jetzt brauchen wir jemanden, der sich hier auf der Erde gut auskennt, der uns helfen kann, die Menschen daran zu hindern, den Planeten zu zerstören“, endete sie. „Das ist kein Problem“, lächelte Jane. „Wir helfen gerne, nicht wahr, Jed?“ „Oh, äh, ja, natürlich“, beeilte er sich zu sagen. „Na dann kommt!“, forderte Jane die anderen auf. „Wenn die Sonne aufgeht, wollen wir lieber nicht mehr hier herumhängen!“




Jeds Geheimnis

Die Sternenflügel folgten Jed und Jane durch den Wald. „Warum müssen wir eigentlich bei Sonnenaufgang weg? Wir haben schon oft die Sonne gesehen. Ihr nicht?“, fragte Timmy. „Das dürfen wir hier nicht“, gab Jane zurück. „Keiner Erdenfledermaus ist es erlaubt sie anzusehen, wobei natürlich ihr mit euren Zauberkräften…“ „Lebt ihr in einer Kolonie oder ganz allein? Ist das bei euch so üblich?“ Timmys Neugier war groß. „Nun, wir haben mal in einer Kolonie gelebt“, erklärte ihm Jane zögernd. „Und warum jetzt nicht mehr?“ „Na, weil es eben so ist“ fuhr sie ihn ziemlich kurz angebunden an. Bei diesen Worten flog Jed weiter nach vorne, weg von ihnen, überholte sogar Desiree. Lucky erhaschte gerade noch einen Blick auf sein grimmiges Gesicht. „Was ist denn mit dem?“, flüsterte sie Jane zu, so leise, dass keiner der anderen es hören konnte. „Gar nichts, was soll mit ihm sein?“ Ihr war es anzusehen, wie nervös sie war. Lucky drang nicht weiter in sie ein und bat inständig, Arco würde es auch nicht. „Aber Luckylein, würde ich so etwas jemals tun?“, hörte sie eine Stimme an ihrem Ohr. Sie drehte sich um und blickte in Arcos grinsendes Gesicht. Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu, woraufhin er sich zwar bemühte, schuldbewusst auszusehen, doch er konnte es nicht verhindern, dass noch ein leises Glucksen seiner Kehle entkam. Lucky ignorierte ihn, wandte sich ab und flog nach vorn zu Jed. „Alles klar bei dir?“, wollte sie wissen. „Lass mich in Ruhe“, fauchte er zurück, ziemlich kurz angebunden. Schnell beleidigt, wie sie nun einmal war, ließ Lucky sich ein Stück zurückfallen, um nicht mehr neben ihm fliegen zu müssen. Sie kamen zu einem hohlen Baum, nicht groß, aber gemütlich. Die beiden Mondflügel glitten durch ein Astloch hinein, die Sternenflügel folgten, fast ohne zu zögern. Hier im Baum war es dunkler, als Lucky gewohnt war. „Was machen wir jetzt bis zum Morgen?“, quengelte Khan ungeduldig. Die Erdfledermäuse starrten ihn an, als würde er nicht so ganz richtig ticken. „Na, schlafen, was denn sonst?“ Jane schüttelte verständnislos den Kopf. „Sternenflügel brauchen nicht zu schlafen. Nur Jungtiere, die noch nicht zaubern können. Wie Lucy.“ „Ihr seid eine seltsame Fledermausart“, gähnte Jed. „Macht, was ihr wollt, aber verlasst nicht den Baum und weckt uns nicht auf.“ Jane und er kuschelten sich zusammen und waren schnell eingeschlafen. Auch Lucy schlummerte in Luckys Armen. „Das ist doch ein Witz, wir brauchen die drei nicht, lasst uns ohne sie weiterfliegen“, brummelte Khan, aber wie üblich hörte niemand auf ihn. Etwas ratlos wartete der gesamte Sondereinsatztrupp, bis es endlich wieder dunkel wurde. Öfters versuchte jemand, ein Gespräch zu beginnen, doch selten wurde es länger als zwei Minuten weitergeführt. Dann war es endlich so weit, das rote Licht, das durchs Astloch fiel, kündigte den Sonnenuntergang an. Lucy schlug als erste die Augen auf. „Guten Abend!“, rief sie in ihrer typisch kindlichen Art in die Runde. Jed und Jane rappelten sich ebenfalls hoch. „Dir ebenfalls“, gähnte Jed. „Aber nächstes Mal brauchst du mir nicht so ins Ohr zu schreien, bin ja nicht taub, Kleines.“ „Lass das Kind in Ruhe“, befahl ihm Jane gelangweilt. „Und zeig unseren Freunden lieber gute Plätze zum Jagen.“ „Das wird nicht nötig sein“, erklärte Khan kalt. „Im Gegensatz zu euch Schwächlingen brauchen wir nämlich nichts zu essen. Wusstet ihr das nicht? Was seid ihr doch dumm…“ Seine Stimme klang eindeutig höhnisch. Nicht austicken, Lucky…wir brauchen ihn noch für die Mission…nicht das tun, was dir durch den Kopf geht… „Sei still, sofort!“, fauchte sie. „Du hast mir gar nichts zu sagen, du schleimige Zicke!“, kam es zurück. „Die schleimige Zicke ist rein zufälligerweise die Führerin dieser Truppe, und wer ich nicht nach der schleimigen Zicke richtet, weil er sich zu gut dafür ist, auf andere Rücksicht zu nehmen, der läuft ernsthaft Gefahr, aus der Mission rauszufliegen und überhaupt seinen Job zu verlieren“, erklärte Lucky ihm gefährlich ruhig. „Und deshalb würde ich dir raten, deine übergroße Klappe zu halten, wenn du nicht willst, dass ich sie dir stopfe!“ Tatsächlich hielt er sich jetzt ein wenig mehr zurück. Lucky fixierte Khan noch mit einem sehr scharfen Blick, dann wandte sie sich ab. Oh, wie sie seine überhebliche Visage hasste, wie gern würde sie ihm einmal sein arrogantes Grinsen aus der schmierigen Fratze prügeln…sie erschrak schon fast selbst über ihre Gedanken. „Ja, Jed, Jane, geht erst mal jagen und dann treffen wir uns wieder hier. Wir gehen derweil auch ein bisschen raus, klar?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stieß sie sich ab und segelte hinaus in die Nacht. Sie wollte nur allein sein… „Luuuuckyyyyy!“ Genervt stöhnte sie auf, doch ihr Gesicht hellte sich auf, als sie ihre Schwester erkannte. „Hey, Lucy. Alles in Ordnung?“ „Nein, nichts ist in Ordnung“, wimmerte die kleine. „Khani ist sooo böse, nie lächelt er mich an, ich würd so gern mit allen befreundet sein, ich möchte nur, dass mich jeder lieb hat…“ Die Schwestern ließen sich auf einem Ast nieder und Lucky nahm Lucy in die Arme. „Er ist sehr gemein zu uns allen, meine Kleine. Hör ihm einfach nicht zu.“ Das arme, naive Kind…mit allen befreundet sein… Ginge es nach Khan, würde er Lucy zum Frühstück verspeisen. Doch das sagte sie nicht, natürlich nicht. Während sie Lucy über den Kopf strich, sah sie einen der Mondflügel vorbeifliegen. „Hallo, Jed!“, rief sie ihm zu. Er drehte nicht einmal den Kopf, sondern flog ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihr vorüber. „Wie nett!“, rief sie ihm hinterher. Er würde perfekt zu Khan passen…warum ist er nur so abweisend? Lucy begann erneut zu weinen. „Immer musst du mit allen streiten“, beschwerte sie sich. „Manche Leute sind einfach Idioten“, flüsterte Lucky ihr ins Ohr. „Da kann man nichts machen.“ „Lucky“, hörte sie plötzlich eine Stimme. „Kommst du mal?“ Sie drehte den Kopf. „Arco? Hat das nicht Zeit?“ „Nein, das hat keine Zeit“, zischelte er eindringlich. Sie spürte, dass es besser wäre, ihm zu folgen, andererseits brachte sie es kaum übers Herz, das zitternde Bündel, das sich in ihr Fell gekuschelt hatte, allein zu lassen. „Sag’s mir doch hier rasch“, bat sie. Arco schüttelte den Kopf. „Ich will allein mit dir reden. Bitte!“ Ergeben seufzend machte sich Lucky aus der Umarmung ihrer Schwester frei. Schon wieder rollten Tränen über Lucys zitronengelbe Wangen. „Für mich hast du auch nie Zeit, alle lassen mich allein…“ Im Gegensatz zu zuvor war sie jetzt nicht mehr wirklich traurig, sondern nur ein bisschen wütend und probierte nun die Mitleidsmasche, die Lucky nur zu gut kannte. Wie dumm, dass sie sich trotzdem jedes Mal aufs Neue davon erweichen ließ, doch welches Wesen auf dieser Welt konnte schon diesen Äuglein widerstehen…außer diesem Gefühlstrampel Khan natürlich. Luckys Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück, gleich, wie sehr sie auch versuchte, ihn zu vergessen, doch das schob sie auf ihren Zorn. Ja, so musste es sein, was auch sonst? „Geh zu Fee und Timmy, die werden auf dich aufpassen“, befahl sie so bestimmt wie nur möglich. „Buhäää, aber ich…“ „Bitte, geh zu ihnen!“, unterbrach Lucky sie, jetzt eindeutig ungehalten. Lucy konnte sich viel erlauben, das wusste sie, doch sie kannte Luckys Grenzen der Geduld ganz genau und wusste auch, dass es kaum ratsam war, sie zu überschreiten, besonders wenn ihre Nerven schon bis zum Zerreißen gespannt waren. Fast schlagartig hörte Lucy mit ihrem Theater auf und trollte sich mit einem artigen „Ja, Schwesterchen.“ Zufrieden nickte Lucky. „Was wolltest du sagen, Arco?“ „Nun, du weißt ja selbst, wie abweisend und aggressiv dieser Jed oft ist, oder? Und du weißt auch, dass er verbannt wurde?“, begann dieser vorsichtig. Er holte tief Luft. „Und ich glaube, ich weiß auch warum, denn ich habe…naja, ich habe…wie soll ich das ausdrücken…also ich…ich habe nämlich…“, druckste er herum. „Jeds Gedanken gelesen, nehm ich an“, fragte seine Cousine und bedachte ihn mit einem prüfenden Blick. Arco atmete aus. „Ja, so ungefähr.“ Lucky seufzte genervt. „Du bist wirklich eine unartige Fledermaus, weißt du das? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du das nicht tun sollst? Vielleicht haben andere Leute ja ganz gern eine Privatsphäre und eventuell sagen sie dir das, von dem sie wollen, dass du es erfährst, ja selber. Ich hab manchmal das Gefühl, ich rede gegen eine Wand…“ Arco grinste. „Ja, das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Warum wohl…?“ „Eindeutig deshalb, weil nichts dazwischen ist, was es aufhalten könnte“, konterte sie. „Und jetzt raus mit der Sprache!“ „Oha, es interessiert dich ja doch!“ Arco grinste schadenfroh. „Wenn du es mir unbedingt so heimlich sagen willst und nicht einmal Lucy es hören darf, dann muss es schon was Wichtiges sein. Und du weißt es nun schon mal, das ist nicht mehr rückgängig zu machen, und wenn du schon mit deiner Zauberkraft ununterbrochen rumspielen musst, dann setz sie wenigstens ein Mal zu etwas halbwegs Sinnvollem ein, klar?“ Arcos Lächeln erlosch. „Das wird dir nicht gefallen, Cousinchen…“ Lucky atmete tief durch. „Nerv nicht, rede!“ Arco platzte heraus, als hätte er sich die Worte zurechtgelegt: „Jed ist deshalb ausgestoßen worden und so verbittert, weil er einen anderen Mondflügel umgebracht hat! Verstehst du, Lucky, wir haben einen Mörder ins Vertrauen gezogen!“




Fluchtversuch

Lucky starrte ihn nur an. Sie weigerte sich, es zu glauben. „Was?!“, brachte sie schließlich krächzend hervor. Arco antwortete nicht. Lange herrschte Stille. „Luuuuckyyyyy!“ Auch das noch! Lucy!, dachte sie. „Ja?“, rief sie der Stimme mit gezwungener Fröhlichkeit entgegen. Gleichzeitig tobte in ihrem Kopf ein wirrer Kampf. Arco, sei so gut und setz deine ach so tolle Fähigkeit ein Mal dann ein, wenn es auch Sinn hat! Was sollen wir jetzt tun? „Woher soll ich das wissen, du bist hier die Kommandantin“, flüsterte er ihr zu. „Es ist deine Aufgabe, ich mische mich nicht ein!“ Sie wollte ihm einen sehr unfreundlichen Gedanken zurückschicken, doch da tauchte auch schon Lucy auf. „Schwesterchen, ich glaube, Timmy und Fee wären lieber ungestört…“ Sie verdrehte die Augen, spitzte die Lippen und machte drollige Schmatzgeräusche. In jeder anderen Situation hätte es Lucky vor Lachen fast zerrissen, doch jetzt wies sie Lucy zurecht. „Lass das! Man äfft andere Leute nicht nach!“ Beleidigt schürzte die kleine Schwester die Lippen, traute sich aber nicht, zu widersprechen. Arco, pass mal auf, wir können hier doch nicht bleiben, nicht mit einem Mörder! Wir müssen abhauen! Wie zufällig sah sie zu ihm. Er zuckte kaum merklich die Schultern, nickte aber. „Hör mal, Lucy, wir müssen Desiree, Khan, Timmy und Fee suchen. Wir fliegen weiter. Kannst du sie suchen?“ „Und Jed und Jane? Nehmen wir die nicht mit?“, fragte die Kleine. Lucky schüttelte den Kopf. „Nein, das müssen wir alleine machen. Sie können nicht mit. Such die anderen, pass aber auf, dass die Mondflügel dich nicht sehen, kannst du das? Du weißt schon, wie bei einer geheimen Mission!“ Lucky zwinkerte ihr zu. Sie wusste, wie sehr Lucy Detektivspielchen liebte, und sie wusste auch, dass sie sie so ganz leicht um den Finger wickeln konnte. Lucy lachte. „Jaja, mach ich. Und wenn Khan nicht mitkommen will?“ Das war in der Tat wahrscheinlich, dass er nicht auf ein Kind hören würde. „Dann sagst du ihm, er kann zu Hause seinen Dienstausweis abgeben und mit einem Tritt in den Allerwertesten rechnen.“ Lucy nickte und verschwand. Arco beugte sich zu Lucky vor. „Hältst du das für klug?“ „Ich bin hier die Kommandantin, es ist meine Aufgabe, du brauchst dich nicht einzumischen!“, gab seine Cousine schnippisch zurück. Er grummelte leise. Schon nach wenigen Minuten kam Lucy zurück. Hinter ihr folgten alle vier Teammitglieder. Lucy kam auf Lucky zu und flüsterte ihr ins Ohr: „Khan sagt, dass ein Mitglied des Sondereinsatztrupps gar keinen Dienstausweis hat!“ Beinahe gegen ihren Willen musste Lucky grinsen. Es war typisch Lucy, so etwas ernst zu nehmen. „Alle mal herhören!“, rief Lucky in die Runde. „Arco hat etwas herausgefunden, das für uns von Bedeutung sein könnte!“ Khan verdrehte genervt die Augen. „Was denn? Dass Lucy ihren Schnuller vergessen hat?“ Beherrsch dich, Lucky! Es macht sich nicht gut, wenn du einem deiner eigenen Soldaten die Gurgel umdrehst! „Dummerweise ja. Das bedaure ich natürlich sehr, denn ich habe gehört, dass diese Dinger nicht nur schreiende Babys, sondern auch nervtötende Giftspritzen wie gewisse Leute hier für fünf Minuten ruhig halten, obwohl ich auch eher glaube, dass man für ein Riesenmundwerk wie deins schon Schraubstöcke bräuchte. Aber wahrscheinlich würde deine außerordentlich freundlich Wortwahl das Metall durchätzen“, gab sie erst ruhig, dann immer lauter und schließlich schreiend zurück. Desiree räusperte sich. „Leute, eure Meinungsverschiedenheiten könnt ihr euch irgendwann anders ausmachen, ja? Also, Lucky, was ist es nun wirklich?“ Immer noch wütend berichtete sie mit wenigen knappen Worten, was Arco ihr erzählt hatte. Daraufhin wurde es totenstill. „Ist das wahr?“, hauchte Timmy. Lucky musste sich nach ihrem Wortduell ziemlich am Riemen reißen, ihn nicht anzufahren. „Ja, so Leid es mir tut, es stimmt. Zumindest habe ich das gehört, und sollte es nicht wahr sein, dann wird eine gewisse Person hier“, sie schielte zu Arco, „ein ziemliches Problem bekommen.“ Fee schüttelte sich. „Was tun wir jetzt? Ich hab keine Lust, mit einem Mörder zu reisen…“ Arco nickte. „Wir werden allein weiterreisen, das heißt, wir sollten uns schleunigst verdünnisieren, denn ich halte es nicht für gut, wenn Jed uns dabei sieht. Oder auch Jane.“ „Das ist mein Text!“, wies Lucky ihn gereizt zurecht. „Aber er hat Recht, wir werden allein weiterfliegen. Folgt mir!“ Sie breitete die Flügel aus. Die anderen folgten ihrer Anführerin widerspruchslos. Gerade das war es, was Lucky nervöser machte als die derzeitigen Umstände. Du bist für sie verantwortlich, für sie alle. Und was tust du jetzt? Du hast keine Ahnung, wo du hin willst, oder ob auch nur einer diese Mission heil übersteht… Vor ihr tauchte ein Schatten auf. Instinktiv bremste sie, die anderen ebenso. Eine wütende Stimme riss sie in die Wirklichkeit zurück. „So, ihr dachtet also, ich würde euch wehtun, wenn ihr euch länger in der Gesellschaft eines Mörders befindet, wie?“ Das Wort „Mörder“ spuckte Jed voller Verachtung mehr aus, als dass er es sagte. Keiner der Sternenflügel wagte, etwas zu sagen. Sie wären auch nicht dazu gekommen, denn der Mondflügel sprach schon weiter. „Aber wisst ihr, wie das ist? Wenn man immer lügen muss? Weil man genau weiß, dass man gefürchtet, ja gehasst wird, wenn man die Wahrheit über sich erzählt! Ihr habt keine Ahnung, keiner von euch…“ In seine Augen trat Wut, Wut und unbeschreiblicher Hass. Drohend kam er auf sie zu. Lucky war ganz einfach die erste, die er sah, also schlug er auch den Weg zu ihr ein. Sie war wie versteinert, unfähig, sich zu rühren, und Jed schien das genau zu merken. Lucky spürte, wie ihr Mund trocken wurde, und sie hörte Lucy wimmern. Doch wenn er geglaubt hatte, leichtes Spiel zu haben, dann hatte er sich gehörig getäuscht. Eine orangefarbene Fellkugel schoss vor und warf sich gegen ihn. „Killer!“, fauchte Khan sein ahnungsloses Opfer an. „Bestie!“ Das war das denkbar Falscheste, was er überhaupt hätte tun können, denn die Worte ließen Jeds Zorn erneut aufflammen, und er wehrte sich mit Zähnen und Klauen. Eine Sekunde später waren die beiden für kurze Zeit so ineinander verschlungen, dass es unmöglich war zu sagen, welcher Körperteil zu wem gehörte. Dann erinnerte sich Khan, dass er ja Zauberkräfte besaß. Er richtete den Blick so konzentriert es ging auf einen Ast, der sich plötzlich verformte, dünner und länger wurde, in rasender Geschwindigkeit, und so gut gezielt, dass er Jed unweigerlich aufspießen musste. Nun fand auch Lucky endlich ihre Stimme wieder. „Nein, bist du irre? Tu das…“ Das „Nicht“ ging in einem spitzen Aufschrei Jeds unter, als der Ast ihn traf und von Khans Rücken fegte. Ohnmächtig trudelte er zu Boden. Bevor auch nur irgendeiner der Sternenflügel zu ihm hinunterfliegen konnte, schoss etwas Mondfarbenes aus dem Gebüsch hervor. „Jed!“, rief Jane erschrocken. Sie ließ sich neben ihm nieder. „Was…was habt ihr mit ihm gemacht?“ Sie sah sich um. „Das warst doch du, oder?“, fauchte sie Khan an. „Dafür werde ich dich…“ Ehe sie sich in die Luft erheben oder auch nur weitersprechen konnte, trat Timmy neben sie und legte ihr die Flügel auf die Schultern. „Hey, jetzt mal ganz ruhig, leg dich nicht mit ihm an, bevor du ihn echt wütend machst“, erklärte er ihr beruhigend. „Und lass Fee zu Jed.“ Jane beruhigte sich allmählich. Sie atmete tief durch und trat einen Schritt zur Seite. Fee beugte sich über Jed und murmelte einige Worte in einer fremdartig klingenden Sprache. Ihre Flügelspitzen begannen zu leuchten, das Haar fiel ihr ins Gesicht und verdeckte, was sie tat. Arco, Desiree, Timmy, Lucy und Jane sahen gebannt zu. Das Sternenlicht ließ das Fell der Heilerin leuchten. Das Ganze hätte einen äußert magischen Eindruck gemacht, wenn Lucky und Khan nicht sich nicht gegenseitig angeschrieen hätten. Die Kraftausdrücke, die die beiden abwechselnd verwendeten, machten den mystischen Effekt etwas zunichte. „Sag mal, spinnst du? Einfach so, ohne meine Erlaubnis jemanden halb umzubringen?!“ „Klar, als ob du mir das erlaubt hättest, du alte Schrapnelle, du bist viel zu weichherzig, weißt du, was er mit dir getan hätte?“ „Es wäre nicht halb so schlimm wie das, was ich jetzt mit dir tun werde…oder lieber doch nicht, ich denke, an einem Giftzwerg wie dir könnte ich mir die Hände schmutzig machen! Aber zu Hause kannst du dich von deinem Job verabschieden, du bist gefeuert!“ „Königin Sabrina wird nicht erfreut sein…“ „Über das, was du eben angerichtet hast, auch nicht, du…“ „Ähm…Leute…“, meldete sich Desiree, viel zaghafter, als es sonst ihre Art war, zu Wort. Lucky und Khan fuhren gleichzeitig herum. „Was?“, fauchten sie wie aus einem Mund. Desiree ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Er wacht auf.“ „Du bleibst, wo du bist! Und zwar so lange, bis ich dich rufe!“, schärfte Lucky Khan ein. „Wenn ich gefeuert bin, brauche ich dir auch nicht mehr zu gehorchen“, erklärte er spöttisch. „Wenn du nicht mehr für mich arbeitest, dann brauche ich auch nicht mehr zimperlich mit dir umzugehen!“, konterte Lucky. „LEUTE!!!“, schrie Desiree. „Das ist jetzt echt nicht mehr witzig!“ Murrend kam Lucky auf das Grüppchen zu, aber sie war klug genug, ihrer Freundin nicht zu widersprechen, wenn diese wirklich wütend war. Jed hatte die Augen geöffnet. Jane kniete neben ihm. „Es tut mir Leid“, murmelte Jed. „Dass ich dir fast was getan hätte, Lucky. Aber weißt du…es ist wirklich schwierig, so zu leben.“ „Was du getan hast, war auch nicht unbedingt nett, eigentlich hast du es ja verdient“, zischte Lucky ihn an, noch ein wenig aufgedreht von ihrem Streit mit Khan. Sie blickte in seine Augen und zuckte zurück. Sofort bereute sie ihren spitzen Tonfall. „Weißt du“, meldete sich Jane schüchtern zu Wort, „die Mondflügel haben das alle gesagt, aber es stimmt nicht. Es war anders. Aber er hat so oft die Version der Mondflügel gehört und so viel daran gedacht, dass er schon fast vergessen hat, wie es wirklich war.“ Lucky legte den Kopf schief. „Ich würde die Geschichte gerne hören“, bat sie. „Erzähl!“ Jane wollte schon anfangen, aber Jed fuhr dazwischen. „Ich würde es gerne selber machen“, meinte er. „Macht es euch bequem, die Geschichte ist lang!“ Lucky setzte sich zwischen Desiree und Arco, mit Lucy auf dem Schoß. Sie rückte so weit wie möglich von Khan weg. Timmy und Fee setzten sich lieber noch zwischen die beiden. Alle warteten gespannt. Jed holte Luft und begann zu erzählen.




Die Wahrheit

„Ich flog gerade so durch den Wald“, begann Jed, während die anderen im Kreis um ihn herum saßen und an seinen Lippen klebten. „Nur mal jagen, weiter nichts. Ich flog hinter einem Bärenspinner her, ein besonders großes und saftiges Exemplar.“ Sein Gesichtsausdruck wurde träumerisch, als könne er sich noch genau an den Geschmack des Käfers erinnern. Er erzählte so lebendig, dass auch Lucky glaubte, das Objekt, dessen Namen sie noch nicht einmal gehört hatte, schmecken zu können. „Fast hatte ich ihn erwischt. Ein kleines Stück lag noch zwischen mir und ihm…und plötzlich schoss da eine andere Fledermaus hervor.“ Er seufzte. „Rocko Mondflügel, mein ewiger Lieblingsrivale. Er schnappte mir den Bärenspinner vor der Nase weg. Nun, natürlich konnte ich mir das nicht gefallen lassen, also setzte ich ihm nach. Rocko war ein schneller Mondflügel, sicher schneller als ich, doch ich hatte etwas, was er nicht hatte: Meine Echoprojektion. Da war ich schon immer ein Meister. Ich sang direkt vor ihm etwas Großes, Unförmiges in die Luft, mit blutroten Augen und Krallen. Natürlich erschrak er wirklich seeehr…“ Bei der Erinnerung daran grinste Jed schadenfroh. Lucky spürte, wie ihre Mundwinkel nach oben zuckten. Auch die anderen lächelten. Nur Jane nicht. Sie starrte stur geradeaus. „Na, jedenfalls, Rocko entdeckte mich. „Du blöder Mistkäfer, mich so zu blamieren!“, hat er gerufen. Nun, ich habe ihn ignoriert und weiter gelacht. Und das muss ein Fehler gewesen sein…klar war es einer. Rocko griff mich an. Erst dachte ich, es wäre eine harmlose Jungtierrauferei, ich dachte mir nichts. Aber dann riss er mir eine große Wunde in den Flügel.“ Er hielt den rechten Flügel hoch. Eine kleine Narbe war immer noch zu sehen. „Ich schrie ihn an, er solle doch aufhören, aber er holte erneut aus, um mir die Augen auszukratzen. Ich wirbelte herum und flog, so schnell ich konnte. Nur weg, das war mein einziger Gedanke. Aber Rocko war schnell, zu schnell, als dass ich es auch nur bis zu unserer Höhle geschafft hätte…er holte mich ein. Wir trudelten zu Boden, schlugen hart auf, obwohl die Erde nass und weich war und wir in einen Laubhaufen fielen. Ich will gar nicht dran denken, was passiert wäre, wenn wir auf einem Stein oder so gelandet wären…kurze Zeit später wälzten wir uns schon auf dem Boden, jeder nur darauf bedacht, den anderen zu kratzen, zu verletzen, ihm so wehzutun, dass er sich nicht mehr würde wehren können. Wir waren beide über und über bedeckt mit Blut, das wenigste davon stammte von Rocko…es floss jedoch aus kleinen Kratzern, die man unter meinem dichten Fell nicht erkennen konnte. Das wurde mir später zum Verhängnis. Aber jetzt erst mal, wie es weiterging. Ich flehte Rocko an, aufzuhören, ja, ich gebe zu, dass ich mich wie der größte Waschlappen benommen habe. Doch er hörte nicht auf. Und das alles nur wegen diesem Echobild. Ich schloss entsetzt die Augen. Mit der Zeit erlahmte mein Widerstand, ich dachte schon, ich würde den nächsten Morgen nicht mehr erleben, als Rocko plötzlich von mir abließ. Überrascht zog ich die Lider auseinander. Ich sah mich um, konnte ihn aber nicht entdecken. Ein lauter Schrei drang an mein Ohr, ich riss den Kopf in die Richtung, aus der er kam. Mein Echosehen erhaschte gerade noch ein Bild von einer Eule, die mit unglaublicher Geschwindigkeit von unserem Baum wegbrauste, Rocko zwischen den Klauen. Mein erster Gedanke war, trotz der Schlägerei: NEIN! Ich bin ihnen sofort nach. „Gesetzesbrecher!“, rief ich. „Nachts können Fledermäuse tun, was sie wollen! Du darfst ihn nicht mitnehmen!“ Die Eule krächzte nur etwas auf ihrer Muttersprache. Ich verstehe diese mysteriösen Laute nicht, doch es klang, als würde sie mich verspotten. „Komm doch, Bürschchen, na komm! Als ob du etwas ausrichten könntest…du bist doch nichts weiter als ein unbedeutendes Jungtier!“ Diese und noch andere Sachen glaubte ich, aus den schrillen Rufen herauszuhören. Das machte mich nur noch wütender. Ich vergaß alles vor Wut, die Angst, die Schmerzen, die Demütigung. Ich trimmte meine Flügel, doch ich war nicht halb so schnell wie sie. Aber auch kleiner, und das kam mir nun zugute. Wo dieses Federvieh außenrum fliegen musste, zischte ich geradewegs hindurch. Ich kam ihr näher, immer näher. Leider hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich denn eigentlich tun wollte, wenn ich sie eingeholt hatte. Doch darüber wollte ich mir keine Gedanken machen, sonst hätte ich sicher aufgegeben. Da durchzuckte ein Geistesblitz meinen Kopf. Ich überholte den Vogel, machte aber nicht Halt, sondern flog weiter, so schnell es nur ging. In unglaublicher Geschwindigkeit hatte ich einen ausreichenden Vorsprung für meinen Plan. Im Sturzflug ließ ich mich von der Schwerkraft hinunterziehen zur Erde, auf die Höhe des Vogels. Vor mir entdeckte ich genau das, was ich gesucht hatte. Der Ast war jung, biegsam, trotzdem aber schon dick und kräftig: geradezu geschaffen für das, was kommen würde. Ich nahm ihn zwischen die Klauen und flatterte in dieselbe Richtung, in die auch das Federvieh flog. Dabei wagte ich es nicht, sie aus den Augen zu lassen, denn die Eule flog rasant schnell. Als sie etwa einen halben Meter von mir entfernt war, ließ ich los. Mit einem scharfen Zischen schnellte das Holz durch die Luft und traf den Feind genau gegen den Kopf. Der Griff des Tieres lockerte sich, Rocko konnte sich befreien. Was der Feigling danach tat, schockte mich echt: Er ergriff die Flucht, eher hinkend als fliegend. Ich wollte ihm nachstarren, ihn anschreien, doch ich konnte es nicht. Erstens deshalb, weil meine Zunge halb gelähmt war, zweitens, weil ich sehr beschäftigt war, der Eule auszuweichen, die noch versuchte, mir mit dem Schnabel ein Muster in die Haut zu ritzen. Es gelang ihr zum Glück nicht, sie wurde zwischen die Bäume geschleudert. Ich hörte die Blätter rascheln, doch sie kam nicht zurück, sondern floh in die entgegengesetzte Richtung. Nun hatte ich endlich Zeit, Rocko zu verfolgen. Auf dem Weg begegnete ich ihm nicht, entweder, er war schon zu Hause angekommen, oder er war gar nicht zum Baum geflogen. Ersteres war der Fall. Ich schoss durch das Einflugloch. Vor mir hatte sich eine ganze Traube Fledermäuse gebildet, sie alle schienen etwas zu umkreisen. Als ich versuchte, mich durchzukämpfen, wichen sie zurück, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich konnte nicht verstehen, wieso. In der Mitte des Kreises, den sie gebildet hatten, lag Rocko auf dem Boden, blutend und am Ende seiner Kräfte. Ich erschrak. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie schlecht sein Zustand tatsächlich gewesen war, und ich nahm ihm seinen feigen Abgang plötzlich nicht mehr übel. Neben ihm kniete seine Schwester, eine Älteste stand daneben. „Da ist er!“, rief Rocko, kraftlos, aber auf eine ganz eigene Art doch imposant. „Er ist es gewesen! Er hat mich so zugerichtet! Seht doch, er ist voller Blut! Mein Blut!“ Die Älteste, Gwen, sah mich streng an. „Jed Mondflügel, du warst das also?“ „Ich…nein…“ Ich konnte nur stottern. „Du bist voller Blut. Sag ehrlich: Ist es Rockos?“ „Nein…also, ja…“ „Du gibst es also zu!“ Sie ließen mir keine Gelegenheit, mich zu verteidigen. „Du selbst scheinst ja nicht verletzt zu sein“, bemerkte sie höhnisch. „Du warst es!“ Ich war so überrascht, viel zu geschockt, um meine Version glaubwürdig zu erzählen. Wäre ich überzeugender gewesen, sie hätten mir sicher geglaubt. Aber ich brachte nur heraus: „Das war nicht ich…eine Eule…“ „Unsinn!“, wurde ich unterbrochen. „Jedes dumme Jungtier weiß, dass Eulen nur tagsüber Fledermäuse angreifen dürfen. Das ist das Gesetz.“ „Aber…“ Ich war so dumm, ich hätte nicht stottern dürfen… „Das wird Folgen haben, Jed, sehr schwere Folgen!“ Ich brachte kein Wort heraus, doch zum ersten Mal meldete sich Rockos Schwester, die ihrem Bruder gerade das Haar aus dem Gesicht strich. „Wenn er es sagt, dann sehe ich keinen Grund, ihm nicht zu glauben.“ „Ach was, wirklich nicht?“ Wie für mich hatte Gwen auch für sie nur ein spöttisches Lächeln übrig. „Was bist du naiv, Kindchen…du vertraust ihm mehr als Rocko?“ Sie nickte zögernd. Rocko sah auf. „Das hätte ich von dir nie gedacht, Schwesterchen, von dir nicht…kann ich erwarten, ehrenwerte Älteste, dass sie ihn bestrafen, für das, was er mir angetan hat? Ich glaube, ich…“ Sein Körper sank zusammen und wurde schlaff. Er blickte in meine Richtung. Der letzte Ausdruck auf seinen Zügen war ein schadenfrohes, hinterlistiges Lächeln für mich. „Ich habe es dir gezeigt! Du wirst schon sehen, was du davon hast, mich zu ärgern!“, schien es zu sagen. Doch es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, so sah es keiner außer mir. Dann fielen seine Augen zu und er schlief für immer ein…“ Totenstille breitete sich unter den Sternflügeln aus. „Und…weiter?“, fragte Desiree zögernd. Sie schien die einzige zu sein, die nicht vollkommen gefangen von der Geschichte war. Jed fuhr fort. „Der Rest ist nicht besonders spannend. Und dann wieder doch. Die Ältesten berieten sich über mich, was nun zu tun war. Dieser Tag war die Hölle. Die ganze Kolonie schien gegen mich, selbst meine Mutter, nur eine Fledermaus gab es, die nicht von meiner Seite wich und mich genau ausfragte, wie es nun passiert war: Rockos Schwester. Instinktiv vertraute ich komischerweise gerade ihr und vertraute ihr alles an und beantwortete ihre Fragen, so gut ich konnte. Als dann das Urteil bekannt gegeben wurde – ich sollte aus der Kolonie verbannt werden – da setzte sie sich für mich ein, versuchte, alles so zu erzählen, wie ich es gesehen hatte, glaubwürdiger als ich zuvor, doch Gwen ließ sie gar nicht zu Wort kommen. „Wenn du unbedingt willst, dann brauchst du dich hier nie wieder sehen zu lassen!“, schrie sie sie an. „Flieg mit diesem Mörder, das willst du doch offenbar!“ Sie verbannte Rockos Schwester, ohne zuvor die andere Ältesten gefragt zu haben. Die jedoch wagten nicht zu widersprechen, und auch sonst keiner. Eltern hatten Rocko und sie keine mehr gehabt, deshalb hatte auch sonst niemand etwas dagegen zu sagen. Ich weiß, ich hätte etwas sagen, sie verteidigen sollen, doch ich konnte es nicht. Ich war so glücklich, nicht länger allein zu sein, dass ich mich fast freute, dass sie mit mir verbannt wurde. Sobald der Abend dämmerte, machten wir uns auf den Weg, so weit weg wie nur möglich. Und seither habe ich die Kolonie nicht wieder gesehen.“ Lucky hatte Tränen in den Augen, als er endete. „Und…was ist jetzt mit Rockos Schwester? Wo ist sie jetzt? Ist sie…?“ „Nein, tot ist sie nicht, falls du das meinst“, beruhigte Jed sie. „Sie ist immer noch mit mir zusammen unterwegs. Vergaß ich, es zu erwähnen? Sie sitzt in diesem Augenblick neben mir.“ Er legte einen Flügel um die scheinbar erstarrte Jane.




Noch mehr Feindschaft

„Oh, Jed, das…ist ja furchtbar!“ Lucky griff instinktiv nach seinem Flügel, doch Jed zog ihn scheinbar zufällig weg. „Ich brauche kein Mitleid“, brummte er. Lucky schluckte nur. Irgendwie konnte sie ihn ja verstehen. Den anderen rollten ausnahmslos die Tränen aus den Augen. Nun gut…einem nicht. Khan saß natürlich mit mürrischem Gesichtsausdruck da, doch nicht einmal er wagte es in diesem Moment, etwas zu sagen; diesmal wäre Lucky wohl nicht die einzige gewesen, die ihm den Kopf abgerissen hätte. Stattdessen ließ er die anderen noch fünf Minuten verdauen, was sie gehört hatten, bis er sie endlich ermahnte: „Wir sollten jetzt aber wirklich fliegen, wir haben eine Mission. Wir können uns mit so was ja aufhalten, aber nicht zu lang.“ Lucky wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht, sie war zu entsetzt. Sogar jetzt noch war er so…ekelhaft. Dafür platzte Desiree der Kragen. „Schnauze, sofort“, zischte sie. Wenn sie wirklich wütend wurde, dann wurde ihre Stimme immer leiser anstatt lauter. Dumm nur, dass die meisten die sehr falsch deuteten…so auch Khan. „Still, jetzt kommt.“ Er breitete die Flügel aus. „Ihr Mondflügel könnt mitkommen oder nicht, bevorzugt nicht. Ihr haltet uns zwar nur auf, aber wenn die Truppenführerin“ – dieses Wort betonte er extra spöttisch – „nun mal so ein weiches Herz hat, dann werdet ihr wohl mitkommen, aber erwartet nicht zu viel. Leute, folgt mir! Wir fliegen zu diesen Menschen!“ „Da wirst du allein fliegen müssen“, meinte Lucky tonlos. Sie sah ihn dabei nicht an, was allerdings daran lag, dass sie Desiree im Auge behielt. Khan ploppten fast die Augen aus dem Kopf. „Allein? Was meinst du damit?“ „Ich meine damit, dass jeder hier, der fähig ist, etwas anderes als Pflichtbewusstsein zu fühlen – also jeder außer dir – hier bleibt, zumindest fürs Erste.“ „Das könnt ihr nicht machen!“ Nun stammelte er fast. „Oha, der große starke Khan hat Angst!“, murmelte Arco spöttisch. Dieser rastete aus. „Raus aus meinen Gedanken, du…“ Lucky beeilte sie, Lucy die Ohren zuzuhalten, als sie das folgende Wort hörte. „Seid ihr verrückt?“, rief sie, als die beiden Jungen aufeinander zugingen. Aber keiner beachtete sie. Khan bog mit seiner Zauberkraft einen Ast nach unten, doch Arco, der seine Gedanken wohl wieder mal gelesen hatte, musste wissen, was sein Gegenüber plante. Mit einem bizarr wirkenden Salto wirbelte er über den Ast hinweg und sprang hinter Khan. Timmy teleportierte sich rasch zwischen die beiden. „Sagt mal, geht’s no…“ Der Rest blieb ihm im Hals stecken, als er beide aufeinander zuschießen sah. Er stand ja direkt zwischen ihnen! Lucky konnte den Angstschweiß auf seiner Stirn schon sehen, doch er war zu erstarrt, um sich wegzubewegen. Desiree reagierte viel geistesgegenwärtiger. In Überschallgeschwindigkeit schoss sie nach vorn und rammte Timmy aus der Bahn der Kämpfenden. Die beiden kugelten ein paar Mal herum, dann kamen sie zum Stehen, Timmy lag auf Desiree. „Danke“, hauchte er und wurde knallrot. „Passt schon…ähm, gehst du von mir runter? Du schnürst mir irgendwie die Luft ab.“ „Äh…tschuldige.“ Timmy ließ sich betont langsam von ihr fallen, zu langsam für die Fledermaus, die hohe Geschwindigkeit gewohnt war. Mit einem ärgerlichen Seufzer stieß sie ihn von sich. Neben den beiden wälzte sich inzwischen eine blau-orangefarbene Fellkugel auf dem Boden. Lucky versuchte verzweifelt, die Jungen auseinander zu bringen. Es gelang ihr nicht – Jane allerdings schon. „Hey, Leute!“, rief sie. „Es ist ja schon gut, nützt es irgendwem, wenn ihr euch jetzt gegenseitig das Fell abzieht? Reicht schon, ja?“ Ihre türkisfarbenen Augen folgten jeder Bewegung. Und tatsächlich war es ihr gelungen, die beiden Streithähne für einen Moment innehalten zu lassen. Jed schnappte sich rasch Khan und zog ihn von Arco herunter, der bereits von Timmy festgehalten wurde. Erst jetzt hatte Lucky Gelegenheit, die beiden zu mustern. Khans Fell wirkte noch zerzauster als sonst, außerdem hatte er einen blutigen Riss über dem rechten Auge. Arco hatte es schlimmer erwischt. Abgesehen davon, dass sein Fell ein einziger, zerrupfter Filz war, war auch noch sein linker Flügel umgeknickt. Er stöhnte leise, es musste höllisch wehtun. Fliegen konnte er so auf keinen Fall. „Na toll!“, fauchte Lucky. „Seht euch nur mal an, was ihr angerichtet habt! Jetzt verlieren wir auf diese Art gut drei Nächte, bis wir weiterkönnen, ganz toll gemacht!“ „Aber das ist doch keine große Sache“, lächelte Fee. Sie war so unscheinbar und ruhig, dass Lucky schon fast vergessen hatte, dass sie noch da war; sie war sich nicht einmal sicher gewesen, ob sie die Fledermaus schon einmal reden gehört hatte. Plötzlich gar nicht mehr schüchtern trat das türkisfarbene Weibchen auf Arco zu und umfasste seinen Flügel. Lucky hörte sie etwas flüstern, doch was es war, konnte sie nicht verstehen. Wie auch immer; als sie losließ, war der Flügel völlig unversehrt. „Danke“, murmelte Arco, immer noch sauer. „Keine Ursache“, gab sie kühl zurück. „Aber mich brauchst du nicht anzufahren, nur weil dieser…“ „Dieser was? Sag jetzt nicht das Falsche!“, warnte Khan sie bedrohlich. „Da hab ich ja schon beängstigendere Feldmäuse gesehen als euch“, spottete Jed. Dass keiner der Sternenflügel wusste, was eine Feldmaus war, bemerkten sie jetzt gar nicht. „Oh, du spiel dich doch hier nicht so auf!“, fauchte Desiree. „Nicht in diesem Ton mit ihm!“, fuhr Jane sie sofort an. „Ich kann reden, wie ich will!“, zischte Desiree zurück. „Ein bisschen Höflichkeit wäre aber schon angesagt!“, knurrte Timmy. „Immerhin hat Fee die Mission gerettet!“ „Gerettet, was heißt das schon? Das ist doch sowieso alles sinnlos!“, brauste Khan auf. „Das alles hier. Wird die Erde eben zerstört – und? Sie geht uns nichts an, ebenso wenig wie die primitiven Eingeborenen hier!“ „Was?!“, fuhren Jed und Jane ihn an, doch er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Soll doch alles zerstört werden, fliegen wir nach Hause und machen uns noch ein schönes Leben. Aber unsere tolle Führerin hier…“ Und da reichte es auch Lucky. Sie hatte bisher nur zugesehen, doch nun griff sie in den Streit ein. „Ach ja, dann mach dir deine Drecksarbeit doch selber, du minderbemitteltes Stückchen Schleim! Warum verschwende ich eigentlich meine Zeit mit dir? Hilf uns oder verschwinde ins Eck und krepier dort, es ist mir egal, aber letzteres wäre mir lieber, anstatt mir hier alle von dir gegeneinander aufhussen zu lassen…“ „Richtig, Lucky, gib’s ihm!“, feuerte Arco sie an. „Und du lass diese unreifen Kommentare zu Dingen, die du nicht verstehst, das ist eine Sache zwischen mir und ihm!“, zischte sie zurück. „Habt eh Recht, zankt euch nur ihr auch noch…“, brüllte Fee. „So wird das ganz sicher was!“ Sofort begannen alle, durcheinander zu schreien, kein einziges Wort konnte man mehr verstehen in dem Lärm, und bei den Ausdrücken, die manche hier benutzten, war das vielleicht auch gut so. Lucy hatte noch nichts gesagt, sie verfolgte alles mit Tränen in den Augen. „Hört auf!“, schrie sie plötzlich weinerlich, aber laut und deutlich. Sie alle hielten inne, als sie das dünne, flehende Stimmchen hörten. Das Jungtier hatten sie ganz vergessen. „Lasst euch doch in Ruhe, irgendwann tut ihr euch noch weh und wir müssen aufgeben, und dann müssen alle sterben wegen den bösen Menschen! Ich hab Angst, warum müsst ihr immer streiten?“ Sie drehte sich um und flog davon. „Lucy!“, rief Lucky erschrocken. „Komm sofort wieder her, dir passiert noch was!“ Aber Lucy hörte sie nicht; wahrscheinlicher war allerdings, dass sie sie nicht hören wollte. Lucky breitete die Flügel aus, um ihr nach zu fliegen, doch dann hörte sie Khans Stimme hinter sich. „Ein Glück, dass wir das naive Ding los sind, jetzt müssen wir bloß noch eine von der Sorte anbringen und wir kriegen eine vernünftige Truppe zusammen!“ Lucky wirbelte herum. Sie schrie ihn an, hörte nicht einmal ihre eigene Stimme, hatte keine Ahnung, was sie eigentlich sagte, sie wusste nur, dass sie ihn beleidigen musste, ihn wirklich verletzen, doch zu ihm drang nichts durch. Sie schrie nur, fühlte einen Hass wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Und er fauchte zurück. Ihr seid ja bescheuert, selbst jetzt noch zu streiten!, dachte Fee entsetzt. Da die anderen den Kampf zwischen den beiden gebannt verfolgten, fiel es nicht auf, dass sie die Flügel ausbreitete und Lucy folgte. Sie hing an einem Baum und weinte, als Fee dazukam. Die Heilerin hängte sich neben sie. Die Kleine kuschelte das Gesicht in ihr Fell. „Warum?“, flüsterte sie. „Warum nur?“ Fee streichelte ihr über den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass alle genauso viel Angst haben wie du. Aber sie sind alle zu stolz, es zu zeigen, deshalb werden sie sehr nervös und leicht reizbar. Hast du nicht die Spannung gespürt, die in der Luft lag?“ Lucy nickte. „Klar. Aber dass das so endet…“ Wieder brach sie in Tränen aus. Fee drückte sie an sich. Das arme Kind war völlig am Ende mit den Nerven. „Erzähl mir was“, bat Lucy plötzlich. „Das hat Lucky immer gemacht…“ Fee fiel etwas ein, das sie erlebt hatte, als sie so alt wie Lucy gewesen war und die erzählte sie ihr jetzt. Es war eine lustige Geschichte, gerade das, was das Jungtier jetzt brauchte. Tatsächlich begann sie zu lächeln, auch wenn sie nicht richtig lachen konnte. Aber als Fee mit dem Happy End fertig war, wirkte sie viel entspannter und ruhiger als zuvor und sie weinte auch nicht mehr. „Das war schön. Das müssen wir bald wieder machen“, erklärte sie. Fee nickte. „Morgen Nacht, versprochen!“ Ihr würde schon wieder etwas einfallen, Sachen wie diese hatte sie viele erlebt. Lucy nickte begeistert. „Aber nur, wenn wir jetzt zu den anderen zurückfliegen – ohne Meckern“, setzte Fee als Bedingung. „Na gut.“ Die beiden flogen zurück zum Lager. Lucky wartete bereits auf Lucy. Sie hatte gemerkt, dass Fee abgehauen war, und sich schon gedacht, weshalb. Lucy flog auf ihre Schwester zu. Die kleine Gruppe suchte sich unter Janes Führung einen Platz für den Tag in einem hohlen Baum. Dort blieben sie, teils schlafend, teils wach, bis die Sonne wieder unterging.




Verolo

Als die Gruppe am nächsten Abend aufbrach, war die Stimmung nicht sehr gut. Kaum jemand redete mit dem anderen, trotzdem war es fast selbstverständlich, dass die beiden Mondflügel mitkamen, um den Sternenflügeln zu helfen. Lucy flog die ganze Zeit über neben Fee her, auf deren anderer Seite Timmy flog. Lucky hielt sich an der Spitze, Khan ganz am Ende, so weit wie möglich weg von ihr. Arco und Desiree flogen ebenfalls zusammen, beide verdrehten immer die Augen, wenn zwei der anderen es entschieden vermieden, sich gegenseitig näher als auf zwei Meter zu kommen. Irgendwann hielt Lucky die Stille einfach nicht mehr aus. „Wie sind diese Menschen so?“, fragte sie Jed und Jane. Sie ließ sich ein Stück zurückfallen, um besser mit ihnen reden zu können. Auch Arco flog heran, ihn schien es auch zu interessieren. Die anderen waren alle mit ihren eigenen Problemen beschäftigt – wirklich die allerbeste Voraussetzung… „Alles, was sie erschaffen, ist groß“, begann Jane. „Wie sie selber auch. Sie können nicht bescheiden sein, alles muss riesig sein und von allem wollen sie viel. Und es muss möglichst beeindruckend sein. Je furchterregender, umso besser, glaube ich. Ihre Städte, ihre Gebäude, alles macht einem sofort Angst. Sie haben eine Vorliebe für schwarzen Qualm und Lärm und Gestank und…es ist schrecklich.“ Arco schüttelte den Kopf. „So schlimm wird es schon nicht sein, du übertreibst.“ „Tut sie nicht“, verteidigte Jed seine Freundin. „Alles ist so, wie sie es sagt, vielleicht schlimmer.“ Das konnte auch Lucky beim besten Willen nicht glauben. Sie wollte es nicht einmal glauben. Schon bei der Vorstellung, wie es wohl wäre, wenn Janes Schilderung sich als wahr herausstellen würde, empfand sie nur Hoffnungslosigkeit. So etwas könnten sie nie schaffen…hoffentlich mussten sie das nicht. „Woher weißt du das denn alles, Jane?“, fragte sie ziemlich beherrscht. Vielleicht hatte sie es aus Erzählungen, vielleicht kannte sie bloß jemanden, dessen Cousine jemanden kannte, der mal mit einem gesprochen hatte, der wiederum jemanden kannte, der schon einmal eine Menschensiedlung aus der Ferne gesehen hatte oder so…weit gefehlt. „Weil ich schon dort war!“, erklärte sie hitzig. „Ich habe die Menschenstadt mit eigenen Augen gesehen, ich wurde dort gefangen gehalten.“ Lucky erschrak fast. Sie glaubte irgendwie nicht, dass die ihrer Meinung nach verantwortungsbewusste Jane nur versuchte, sich interessant zu machen, und bodenlos übertrieb… Arco hatte ein vernünftigeres Argument. „Wenn es wirklich so ist, wie du sagst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du eine Gefangenschaft überlebt hättest?“ „Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie“, gab sie zu. „Aber die Menschen, so schrecklich ihre Städte auch sind, schienen mir nichts Böses zu wollen. Sie haben mich einfach aus der Luft gepflückt, mich in einen dunklen Kasten gesetzt und dann bin ich eingeschlafen. Aufgewacht bin ich in der Stadt. Dort haben sie mir etwas um den Flügel geschlungen und mich wieder fliegen lassen. Ich brauchte Stunden, um aus dieser Stadt herauszukommen, deshalb weiß ich das alles so genau. Später habe ich erfahren, dass ich höchstens eine Nacht weg war, deshalb hat sich niemand Sorgen gemacht – aber das Ding trage ich immer noch.“ Sie streckte den Flügel aus und bemühte sich, ihn beim Fliegen ruhig zu halten, damit die anderen das Ding sehen konnten. Nur noch am rechten Flügel hing sie in der Luft, was sehr komisch aussah. Aber Lucky war nicht nach Lachen zumute. Ein schmaler Metallreif schmiegte sich um ihren Flügel, fast dieselbe Farbe wie ihr langes Fell, darunter verborgen so gut wie unsichtbar. Dann war es wahr… Ihr gesamtes logisches Denkvermögen sagte Lucky, dass es stimmen musste, doch sie weigerte sich immer noch, zu glauben, was sie eben gehört hatte. Sie bevorzugte es, nicht mehr weiter zu fragen und auch nicht mehr darüber nachzudenken, wenn sie in der Stadt waren, würde sie es schon sehen. So verbrachten sie den Rest des Fluges in sturem Schweigen, alle neun. Nach zwei bis drei Stunden, drehte Jed scharf ab und flog zwischen die Blätter. Instinktiv folgten die anderen ihm. „Was?“, fragte Desiree. „Und wehe, es ist nicht wichtig“, brummelte Khan vor sich hin. „Wir nähern uns der Stadt“, erklärte der Mondflügel. „Noch hundert Flügelschläge und wir sind da. Deshalb möchte ich euch noch einiges sagen. Erstens: Ihr bleibt immer dicht bei Jane oder mir. Keiner fliegt allein.“ „Soweit kommt es noch, dass wir uns von dir Vorschriften machen lassen!“, fiel Khan ihm ins Wort. Jed stierte ihn böse an und flog ein Stückchen vor, doch Jane schnappte ihn am Flügel und zerrte ihn zurück. „Zweitens“, fuhr sie seelenruhig fort, „keiner kommt dem schwarzen Qualm zu nahe, oder irgendetwas anderem, das sich bewegt! Verstanden?“ Alle nickten – fast alle. „Nicht verstanden, ich seh das nicht ein“, murrte Khan. „Du wirst hören oder heimfliegen und dir einen neuen Job suchen! Und das gilt für alle. Während unserem Aufenthalt in der Stadt haben Jed und Jane das Kommando, ihr werdet auf sie genauso hören wie auf mich!“ Und dabei blieb es. Keiner widersprach mehr, als sich alle in die Luft schwangen und auf den Weg in die Stadt machten. Doch es war klar, dass innerlich jeder vor Zorn brodelte. Die Stadt machte sie allesamt nervös und gereizt und Lucky hörte kaum zu, als Jed begann, etwas zu erklären. Von Nahem sah es noch bedrohlicher aus als sie sich vorgestellt hatte. Graue Betonklötze tauchten vor ihr auf, einer davon größer als der Palast im Wolkenreich. Rauch quoll aus anderen Gebäuden heraus. Er drang Lucky trotz der Entfernung in Augen und Nase und ließ sie husten. Je näher sie kamen, umso dichter wurde er. Auf ihre Augen konnte sie sich nicht mehr verlassen, das Klangsehen der Sternenflügel war allerdings nicht besonders ausgeprägt, wozu auch? In den Wolken war es schließlich fast immer hell. Jed und Jane dagegen bewegten sich mit fast traumwandlerischer Sicherheit zwischen den Rauchschwaden hindurch. Die Sternenflügel folgten ihnen einfach, mehr konnten sie nicht tun. Lucky kämpfte sich zu Jane nach vorne. „Das ist grauenhaft“, murmelte sie. Jane nickte. „Wir sind erst in der Vorstadt. Weiter drin wird es noch schlimmer.“ Noch schlimmer…wie konnte es noch schlimmer werden? „Wie kann man hier nur leben?“, fragte Lucky sich. Sie musste es wohl laut ausgesprochen haben, denn Jane antwortete: „Hier leben nicht besonders viele Tiere, fast nur Menschen. Die können nicht fliegen, sondern kleben nur am Boden fest. Dort unten ist es nicht so schlimm.“ „Warum fliegen wir dann nicht näher am Boden?“ „Wenn uns ein Mensch entdecken und vielleicht einfangen würde, dann könntet ihr euch eure Mission in die Haare schmieren.“ Daraufhin sagte Lucky nichts mehr, bis sich ihr eine neue Frage auftat. „Wie fangen wir eigentlich an?“ „Frag nicht mich, du bist die Gruppenführerin. Wie helfen euch bloß. Aber mehr können wir nicht tun.“ Lucky war einen Moment entsetzt, denn sie wusste ja viel zu wenig, um allein klarzukommen. Janes Lächeln machte ihr dann allerdings klar, dass sie auf einen kleinen Scherz hereingefallen war. „Jetzt guck nicht so baff“, kommandierte die Mondflügelin. „Natürlich lassen wir euch nicht einfach so im Stich. Wir sind unterwegs zu jemandem, der uns vielleicht helfen kann, er weiß alles über die Menschen.“ „Eine Fledermaus?“ „Nein, ich wette, jemanden wie ihn hast du noch nie gesehen.“ Nun wurde Lucky erst recht neugierig. Doch so sehr sie auch bohrte, mehr wollte Jane partout nicht verraten. Sie kurvten zwischen Betonblöcken, Rauchschwaden und lärmenden Menschen hindurch. Ein furchtbarer Ort…wie konnte eine Fledermaus nur hier leben, oder auch nur in der Nähe dieser Stadt? Ihr blieb allerdings keine Zeit, darüber nachzudenken, sie war ziemlich beschäftigt, nichts mitzubekommen, was sich um sie herum abspielte, während die anderen den neuen Ort mit den Augen geradezu aufsaugten. Eine scharfe Biegung nach rechts, dann bremste Jane ab, ebenso wie Jed. Die beiden ließen sich auf einem Brett nieder. In der Wand schien es ein Loch zu geben. Lucky versuchte, hindurchzufliegen, doch sie prallte gegen etwas. Sie konnte es mit den Augen nicht wahrnehmen, und da Sternenflügel nicht sehr gut darin waren, mit den Ohren zu sehen, hatte sie das Hindernis nicht bemerkt. Aber es war vollkommen unsichtbar. Entfernt erinnerte es an Sternenstaub, doch selbst der war nicht so klar und durchsichtig. Jane klopfte gegen das Hindernis, was immer es auch sein mochte. „Verolo, kommst du mal? Wir brauchen dich!“ Lucky fiel fast aus der Luft, als hinter dem unsichtbaren Etwas große, gelbliche Augen aufblitzten. Sie gehörten zu einem schwarzen Kopf, der allein schon fast so groß war wie sie selbst. Das Wesen hatte sehr spitze Ohren und eindeutig dichtes Fell. Als es Jed und Jane erkannte, verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln, das eher einer Grimasse gleichkam. Es werkelte ein wenig am Rand des Hindernisses herum, dann glitt etwas zur Seite. „Kommt herein“, schnurrte das Wesen mit einer tiefen, heiseren Stimme, die zwar ungewohnt klang und Lucky Schauer über den Rücken jagte, allerdings auch nicht unangenehm war. Lucky zögerte. Hereinkommen? Und wenn da wieder dieses Hindernis auftauchte? Doch als sie mitansah, wie Jed und Jane in dem Gebäude verschwanden, lösten ihre Zweifel sich in Luft auf. Wenn schon nicht unbedingt Jed, so vertraute sie doch Jane. „Ihr bleibt hier und wartet“, befahl sie den anderen. Wer wusste schon, was für ein Wesen dieser Verolo war? Und wovon er sich ernährte… Trotzdem folgte sie den Mondflügeln. „Darf ich vorstellen? Verolo, das ist Lucky Sternenflügel, eine Fledermaus. Lucky, Verolo. Ein Kater. Tiere, die sich Menschen gerne in ihren Häusern halten, um Ratten und Mäuse zu jagen“, ergänzte Jed auf die fragenden Blicke Luckys hin. Der Kater verzog das Gesicht. Jane kicherte. „Aber Verolo ist sich dafür zu gut…er lässt sich lieber verwöhnen, nicht wahr?“ Dieser nickte. „Ich bin ja auch keine gewöhnliche Katze, sondern die Katze des Fabrikanten Manstein.“ Fabrikant…Fabrik…woran erinnerte Lucky dieses Wort? Fabriken…genau, das waren die Dinger, die Rauch und Qualm in die Luft pusteten und es ihnen unmöglich machten, in den Wolken zu bleiben! Obwohl Verolo wahrscheinlich nichts dafür konnte, richtete sich unwillkürlich ihre ganze Wut gegen ihn. „Dann seid ihr also dafür verantwortlich! Für das ganze Unheil!“ „Ja, und nein“, erklärte der Kater ihr ganz ruhig. „Mein Herrchen ist dabei, die Umwelt zu zerstören, und ich finde das genauso wenig gut wie du. Und deshalb werde ich euch auch helfen, was ich mir allerdings überlegen werde, wenn du noch mal diesen Ton bei mir anschlägst.“ Seine gelassene Ruhe brachte Lucky völlig aus der Fassung. Sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Und das war wahrscheinlich gut so. Außerdem sprach Verolo schon weiter. „Passt auf. Zuerst müsst ihr in die Fabrik meines Herrn eindringen. Das geht am besten durch den Kamin, und zwar genau um Mitternacht, wenn der Rauch für eine Minute stillgelegt ist. Aber mehr Zeit habt ihr nicht. Bahnt euch einen Weg zur Kommandozentrale der Fabrik. Ihr findet sie ganz oben rechts. Im obersten Stockwerk, nach Osten gewandt also. Lenkt die Menschen ab, die sich darin befinden. Dann zerreißt die Kabel hinter dem Schaltpult.“ Lucky hatte kaum ein Wort verstanden. So viele fremde Wörter… Eigentlich war sie zu stolz, das zuzugeben, aber ganz von selbst wiederholte Jed das Ganze so, dass es auch für völlig Unwissende verständlich war. Und dafür war sie ihm sehr dankbar. „Ich hoffe, das hat euch geholfen“, meinte Verolo. „Aber jetzt müsst ihr gehen. Herrchen ist zwar in der Fabrik, doch wenn seine Frau bemerkt, dass das Fenster offen ist, wird sie herkommen. Und wenn sie euch sieht, kann ich für nichts garantieren.“ Jane nickte. „Vielen Dank. Das hat uns sehr geholfen.“ Sie winkten Jed und Lucky, ihr zu folgen, und schwang sich nach draußen, zurück zu den anderen. Ohne ein Wort des Abschieds knallte Verolo das so genannte Fenster wieder zu, gerade noch rechtzeitig, bevor dahinter eine Menschensilhouette sichtbar wurde. In knappen Worten erklärte Lucky den anderen, was sie erfahren hatten. „Jed, Jane, ihr wart uns sehr treue Kameraden, doch was jetzt kommt, ist zu gefährlich für euch. Ich muss euch bitten, hier zu bleiben. Wenn wir innerhalb eines Tages und einer Nacht nicht zurückkommen, fliegt hinauf in die Wolken und berichtet Königin Sabrina davon. Und passt auf Lucy auf.“ Die beiden Mondflügel nickten. Lucy aber schrak hoch. „Ich darf nicht dabei sein? Nicht wirklich ein Held sein?“ Lucky schüttelte den Kopf. „Nein, es tut mir Leid, Lucy. Warte auf uns, und wenn Jed und Jane, bevor ich zurückkomme, darum bitten, dann zeig ihnen unser Zuhause und stell ihnen Mama vor. Sag ihnen, sie wären unsere Freunde. Mama wird sich auskennen. Sei jetzt bitte brav, okay, Lucy?“ Die nickte nur stumm. „Wir werden uns wieder sehen, ich verspreche es.“ Dann wandte Lucky sich in die Richtung, aus der der Rauch am stärksten wehte. Zusammen mit Arco, Desiree, Khan, Timmy und Fee machte sie sich auf den Weg dahin, während Jed, Jane und Lucy ihnen traurig nachblickten.




Rauch

Der Flug dauerte nun, wo sie Lucy und die Mondflügel nicht mehr dabeihatten und so viel schneller waren, keine Viertelstunde, dann waren sie angekommen. Lucky erschrak ein bisschen, als sie das riesige Gebäude vor sich aufragen sah. Aus der Ferne hatte es kleiner gewirkt… Doch sie kämpfte das Gefühl nieder. Das Dümmste, was sie jetzt machen konnte, war, einen Rückzieher zu machen. Sie atmete tief ein. Sie war mit den Gesetzen der Zeit auf der Erde nicht vertraut, hatte also keine Ahnung, wann Mitternacht begann. Sie blickte Daisy fragend an, die umso besser mit Zeit umgehen konnte als sie. „Noch zwei Minuten“, erklärte diese unaufgefordert der ganzen Gruppe. Ohne ihr Zutun begann in Lucky eine Art Countdown nach unten zu zählen. Noch zwei Minuten … was würde sie dort unten wohl erwarten? ... eineinhalb … wäre es nicht vielleicht besser, umzukehren? … eine …das kam gar nicht in Frage, alles hing von ihnen ab! … eine halbe … nicht mehr lange … zehn Sekunden … „Macht euch bereit!“, schrie Lucky. Sie spannte die Flügel und machte sich zum Sprung bereit. … null. Exakt als sie mit dem Zählen fertig war, versiegte der Rauchschwall. Eine Minute hatten sie Zeit, nur sechzig Sekunden…und zwei oder drei waren schon wieder vergangen. Sie ließen sich im Sturzflug nach unten fallen, Lucky allen voran. Wieder zählte sie die verbleibenden Sekunden. Die Hälfte der Zeit war um. Wie lange war dieser Schornstein denn? Die Finsternis machte ihnen allen zu schaffen. Umso glücklicher waren sie, als am unteren Ende Licht aufblitzte. Es fiel von der Seite herein, war schummrig und sah ein bisschen aus, als würde man es durch eine Gewitterwolke hindurch betrachten. Aber immerhin wussten sie jetzt, dass es da unten einen Ausgang gab, und dass er nicht mehr allzu weit entfernt war. Nach unten ging der dunkle Schlund weiter. Man durfte sie beim Steuern nicht verschätzen… Lucky zog sich aus dem Sturzflug, als sie ans Licht gelangte, hinter ihr die anderen. Sie zählte sie rasch durch. Waren alle da? Khan, Arco, Daisy, Timmy, Fee, Jed und Jane…Jed und Jane?! „Was macht ihr beide denn hier?“, fauchte Lucky ihre Mondflügelfreunde erzürnt an. „Wir wollten euch nur helfen“, entgegnete Jed seelenruhig. „Ja, und es sieht ganz so aus, als wären wir schon zu spät, um noch umzukehren. Ihr werdet uns also mitnehmen müssen“, fügte Jane mit Engelsgesicht hinzu. Lucky hätte ihr gern den Kopf abgerissen. „Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Wo ist Lucy?“ Jane blickte nach oben. „Da kommt sie.“ Lucky sah hinauf. Tatsächlich konnte sie einen hellen Fleck erkennen, so gelb wie die Mittagssonne in den Wolken. Er sauste mit hoher Geschwindigkeit zu ihnen nach unten…kam aber nicht an. Wenige Meter vor dem rettenden Ausflugsloch blieb Lucy stecken! Ein gellender Schrei war zu hören. Sie musste sich irgendwo verfangen haben. Und die Uhr in Luckys Innerem tickte weiter. Noch zehn Sekunden, dann würde der Rauch wieder losqualmen! „Lucy!“ Lucky spannte die Flügel, doch als sie versuchte, nach oben zu fliegen, kam sie nicht weit. Fast sofort schob sich ihr ein Balken aus Stahl in den Weg. Und sie hätte schwören können, dass der eben noch nicht da gewesen war… Automatisch blitzten ihre Augen zu Khan hinüber. Tatsächlich, ein leichter Glitzer umschwirrte ihn, ein Hinweis, dass er eben erst gezaubert hatte. „Spinnst du?“ Acht Sekunden. „Du wirst sie da nicht rausholen!“, befahl Khan Lucky. Er hatte Mühe, Lucys panische Schreie zu übertönen. „Das ist zu gefährlich.“ Sechs Sekunden. „Hast du noch alle Tassen im Schrank?“, fauchte Lucky. Sie versuchte, einen Weg zu Lucy zu finden, doch Khan versperrte ihn ihr immer wieder. „Du kannst dich nicht in Gefahr bringen, Lucky. Wir brauchen dich noch. Du bist die Leiterin dieser Expedition.“ Mit diesen Worten erhob Khan sich in die Luft und steuerte, so schnell er konnte, den Tunnel wieder hoch. Direkt auf Lucy zu. Lucky war einen Moment sprachlos, doch dann meldete sich wieder ihre innere Uhr. Vier Sekunden...Khan hatte Lucy jetzt erreicht…drei Sekunden…er werkelte einen Moment an ihr herum, um sie von was auch immer zu befreien…zwei Sekunden…dann fiel ihm ein, dass er perfekt geeignete Zauberkräfte hatte, und er ließ mit ihnen das kleine Häkchen, das sich in Lucys Haut gebohrt hatte, verschwinden…eine Sekunde…er warf sich Lucy auf den Rücken und begann wieder den Sturzflug…sie würden es nicht schaffen, ganz sicher nicht…null. Aus dem Höllenschlund unter ihnen schoss Rauch hervor, dicker, schwarzer Qualm, der Lucky selbst auf die Entfernung von mindestens einem Meter das Atmen schwer machte. Er war schmierig und schwer und hinterließ auf allem, was er berührte, eine dicke Rußschicht. Lucky stürzte zum Eingangsloch. „Lucy!!!“, schrie sie nach oben. Tränen strömten ihr aus den Augen. Auf diese Nähe war der Qualm noch schlimmer, sie musste husten. Doch sie bemerkte es gar nicht. Tränen und Ruß verschmierten sich auf ihrem Gesicht zu einer breiigen Masse, die ihr dichtes Fell verkleisterte. Sie spürte wie Arco neben ihr landete, hörte, wie die Mondflügel Entschuldigungen stammelten, dass sie Lucy überhaupt erst mitgebracht hatten, doch das alles war ihr gleich. Sie hatte ihre kleine Schwester verloren, das zählte. Oder? Hatte sie sie verloren? Hatte sich Khan vielleicht wieder auf den Weg nach oben gemacht, als ihm der Rauch entgegengekommen war? Hatte er es noch geschafft, sich mit einem Zauber zu schützen? Sich und Lucy? Oder hatte er da drin die Orientierung verloren? Waren die beiden erstickt? Oder…dieser Gedanke war fast zu schrecklich, um ihn als möglich anzuerkennen…hatte Khan Lucy geopfert, um sich selbst zu retten? Es wäre möglich. Die Uhr in Lucky tickte weiter. Eine halbe Minute waren sie da nun schon drin. Wie lange konnte ein Sternenflügel die Luft anhalten? Sie wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, bis Timmy sie behutsam am Flügel nahm. „Es tut mir so Leid, Lucky. Aber wir müssen uns jetzt unserer Aufgabe widmen. Danach können wir ja…“ Er sprach nicht weiter. Lucky wischte sich die Augen trocken und nickte. „Ja“, flüsterte sie. Sie wandte sich ab. Zusammen machte die nun kleinere Gruppe bereit, den Weg weiter ins Innere der Fabrik hinein zu suchen. Lucky spannte gerade die Flügel, als sie hinter sich ein Poltern hörte. Sie wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, um einen orange-gelben Fleck zu erkennen, der aus dem kleinen Loch kullerte. Fast alle Farbe war von schwarzem Ruß verdeckt, nur hier und da blitzte buntes Fell auf. Mit einem Satz war Lucky bei dem Bündel. Sie versuchte, Khan und Lucy zu trennen, doch da sie beide dreckverschmiert waren, erwies sich das als schwierig. Die beiden lagen so reglos da, dass in Lucky ein schlimmer Verdacht aufkeimte. Aber nein, das durfte nicht sein, so grausam konnte das Schicksal doch nicht sein, ihr ihre Schwester wegzunehmen, sie ihr für einen Moment zurückzugeben und dann doch wieder… Sie schüttelte den Kopf und verdrängte die Gedanken. „Lucy?“, murmelte sie. Hinter sich hörte sie Flügelschläge. Die anderen blieben alle auf Abstand, nur Fee kam ein Stück näher. Sie sah Lucky fragend an, dann widmete sie sich den beiden anderen. Die beiden Mädchen zuckten zurück, als sich plötzlich etwas in diesem rußigen Fellknäuel bewegte. Khan hustete und stemmte sich auf die Flügel hoch. „Was siehst du mich so an?“, fragte er die völlig perplexe Lucky. Ein leichtes Grinsen umspielte dabei seine Lippen. Aber sie konnte nicht darauf eingehen, es gab jetzt Wichtigeres; Lucy. Fee war gerade dabei, sie zu untersuchen. „Und?“, fragte die große Schwester mit trockenem Mund. „Ist sie…ich meine, geht es ihr gut?“ Fee nickte. „Sie ist ohnmächtig und hat eine leichte Rauchgasvergiftung, aber gib mir eine Stunde und sie flattert wie immer putzmunter um uns alle herum.“ „Eine Stunde? So lange haben wir nicht“, warf Lucky ein. „Das macht nichts“, beeilte Fee sich zu sagen. „Ihr anderen könnt schon vorgehen, ich bleibe hier und kümmere mich um sie. Ihr anderen kommt dann eben nach. Aber mir wäre es wohler, nicht allein hier zu bleiben, verstehst du…?“ Lucky nickte. Und wie sie das verstehen konnte. Zwar hätte sie selber kaum Hemmungen gehabt, doch sie war ja schließlich durch ihren Beruf abgehärtet. Was machte der Leiterin des Sondereinsatztrupps wohl noch Angst? Außer dem, was eben geschehen war, natürlich. „Timmy, Jed, Jane, kommt bitte her“, rief sie ihnen zu. Die drei gehorchten. „Ich möchte gern, dass ihr hier bei Fee und Lucy bleibt. Wenn etwas ist, dann teleportier dich sofort zu uns, Timmy, damit wir helfen können. Jed, Jane, ihr bleibt auch hier – und keine Widerrede!“, befahl sie streng, als die beiden grimmig schon die Münder öffneten. „Wenn Fee, Timmy und Lucy uns nachkommen, dann werdet ihr hier bleiben und abwarten, bis ihr das nächste Mal hinauskönnt. Und diesmal werdet ihr gehorchen! Ich habe euch von Anfang an gesagt, das ist zu gefährlich, und seht euch an, was ihr angestellt habt!“ Sie deutete auf die ohnmächtige Lucy, an der Fee bereits herumwerkelte. Jane schien das einzusehen. „Okay“, brummte sie. „Ist doch gut ausgegangen“, widersprach dagegen Jed. „Aber das ist nicht euer Verdienst!“, warf Lucky ihm bemüht ruhig vor. „Dass ich euch jetzt nicht auseinander nehme, habt ihr allein Khan zu verdanken.“ Sie wandte sich ihm zu. „Das war unglaublich“, meinte sie bewundernd. Verlegen sah er weg. „Nichts Besonderes. Das hätte jeder getan.“ Lucky wusste, dass es besser war, nicht weiterzubohren. „Na dann, okay. Meinst du, du kannst uns begleiten oder willst du lieber bei den anderen hier bleiben? Mir wäre wohler, wenn wir dich dabeihätten, aber verlangen kann ich das nicht.“ Khan nickte. „Natürlich komme ich mit. Es braucht mehr als ein klein wenig Rauch, um mich klein zu kriegen.“ Er schwang sich in die Luft, aber kaum dass er sich vom Boden erhoben hatte, bekam er erneut einen Hustenanfall und plumpste unsanft nach unten. Lucky verbiss sich das Kichern. Fee rollte mit den Augen, berührte ihn mit dem Flügel und murmelte leise einen Zauberspruch. „Versuchs jetzt mal, alter Angeber“, grinste sie. Rasch erklärte Lucky noch einmal, dass Fee, Timmy und Lucy nachkommen sollten, sobald es Lucy besser ging, und Jed und Jane bis zur nächsten Mitternacht warten sollten. Wenn sie dann noch nicht zurück waren, sollten sie in die Wolken fliegen und Königin Sabrina davon berichten. Teilweise murrend nahm jeder seinen Auftrag an. Lucky und Khan verabschiedeten sich von den anderen und kehrten um, zu Arco und Desiree. Die vier machten sich ohne ein weiteres Wort zusammen auf den Weg tiefer in die Fabrik. Während des Fluges sahen Lucky und Khan sich bewusst nicht in die Augen. Aber trotzdem…ab diesem Moment waren die beiden Freunde. Denn warum auch immer Khan so gehandelt hatte, wie er es getan hatte, Lucky hätte ihm das nie vergessen können. Sie lächelte. Sie fühlte sich jetzt viel wohler, mit dem Wissen, dass es nun zumindest innerhalb der Gruppe keine Feindschaften mehr gab. Das würde alles viel leichter machen…




Der Mensch

Lucky konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie sah sich zum ersten Mal in der Fabrik selbst gründlich um. Hier war es noch schlimmer als draußen oder in diesem Rohr. Metallstücke standen eng zusammen, dann wieder waren weite Flächen völlig freigehalten. Alles war grau und farblos, ganz anders als das bunte Farbspiel in den Wolken, das sie gewöhnt war. Und egal, was sie versehentlich streifte, alles fühlte sich hart und kalt an. Trostlos…tot. Ja, das war der treffende Ausdruck. Hier wirkte alles, als wäre es tot. Wenn es überhaupt je gelebt hatte… Die Luft war vom Geruch des Rauches erfüllt, hin und wieder mischte sich auch ein fremdartiger Gestank dazu, wie Schweiß und doch wieder anders. Rochen so die Menschen? Unter sich konnte Lucky sie hektisch durch die Fabrik laufen sehen. Sie trugen schneeweiße Schutzanzüge, die allerdings allesamt schon zu sehr vor Dreck starrten als dass man noch viel von der Farbe hätte erkennen können. Lucky konnte gar nicht glauben, wie groß Menschen waren. Natürlich hatte sie schon welche gesehen, doch nicht auf diese Nähe. Höchstens zehn Meter entfernt…ein paar Flügelschläge und sie hätte sie berühren können. Auch das trug nicht gerade dazu bei, ihre Ängste zu zerstreuen. Es machte sie nervös, mit den Wesen, die für dieses Unheil verantwortlich waren, auf so engem Raum eingesperrt zu sein. Das Böse schien geradezu um sie herumzuwabern wie eine stinkende Wolke…wie der schwarze Rauch vorhin. Nein, sie musste sich zusammenreißen! Sie durfte sich von den Menschen nicht einschüchtern lassen. „Wohin müssen wir?“, flüsterte Desiree. „Nach Osten, ganz oben“, flüsterte Lucky zurück. „Mann, wenn du in diesem Rohr nicht die Orientierung, was Himmelsrichtungen betrifft, verloren hast, dann bist du echt gut“, gab Desiree zu bedenken. Lucky musste sich eingestehen, dass ihre Freundin Recht hatte. „Okay, wir müssen uns aufteilen“, befahl sie. „Einfach jeder in eine Richtung.“ Arco schüttelte heftig den Kopf. „Wenn ich etwas ganz bestimmt nicht will, dann ist es, allein hier rum zu fliegen. Wir bleiben zusammen, dass das klar ist.“ Einen Augenblick war Lucky versucht, ihm auf die Nase zu binden, dass sie befehlen durfte und nicht er, doch sie hielt inne. Jetzt war nicht der Zeitpunkt für kindische Machtdemonstrationen. Und eigentlich hatte er ja Recht. Auch ihr grauste es davor, ohne ihre Freunde hier unterwegs zu sein… „Wenn du meinst. Dann suchen wir eben zusammen alle Richtungen ab. Wie lange haben wir Zeit?“ „Vor dem nächsten Mitternacht kommen wir hier sowieso nicht raus“, murmelte Desiree. „Und wann sollen wir wissen, wann Mitternacht ist?“, fragte Khan. „Es ist im Prinzip nicht wichtig, ohne Lucy und die Mondflügel können wir lange hier drin bleiben, so lange wir eben brauchen“, beruhigte Arco die anderen. „Gut, gut, in welche Richtung zuerst?“, fragte Lucky rasch, bemüht, nicht an ihren Weg nach draußen zu denken. „Immer der Nase nach“, lächelte Desiree. „Ich würde mal vorschlagen, wir fliegen einfach eine Runde an den Wänden entlang, dann können wir es gar nicht verfehlen.“ Die anderen murmelten zustimmend. Lucky schraubte sich allen voran nach oben an die Decke. Einen Meter bevor sie dagegen krachte, drehte sie zur Seite ab. Jede kleinste Unebenheit der Wand inspizierte sie genau. Jedes noch so kleine Detail konnte für sie lebenswichtig sein. Ihr fiel auf, dass das Metall an der Wand verbeult und verdreckt war. Wie konnte man in so einem Gebäude nur leben und arbeiten? „Lucky!“, hörte sie plötzlich eine warnende Stimme. Sie blickte gerade noch rechtzeitig von der Wand weg nach vorn, um zu erkennen, dass etwas Undurchdringliches auf sie zukam. Besser gesagt, dass sie auf das Etwas zuschoss. Abrupt bremste sie in der Luft ab. „Danke für die Warnung, Arco“, seufzte sie. „Keine Ursache. Sag mal, wo bist du eigentlich mit deinen Gedanken?“ „Als ob du das nicht genau wüsstest“, gab seine Cousine entnervt zurück, gab im aber keine Gelegenheit für eine Antwort. „Wir sind übrigens da…glaube ich zumindest.“ Sie erkannte das Hindernis, gegen das sie um ein Haar geklatscht wäre, als rechteckigen Block, der aus der Wand herausragte. Genau das war es, was sie sich unter Kommandozentrale vorstellte. Schon von draußen hörte man ein Summen und Piepsen von drinnen. „Wir müssen nach einem Eingang suchen“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen. Sie glitt wieder auf die Mauer zu und begann, sie gründlich nach Schwachstellen abzusuchen, Löchern, durch die sie hinein fliegen konnten. „Mach mal Platz“, murmelte Khan und flog an ihr vorbei. Mit einem Flügel hielt er sich in der Luft, während er den anderen auf die Wand legte. Das Eisen begann dahin zu schmelzen. Sobald es eine gewisse Fläche freilegt hatte, festigte es sich wieder. Als Khan fertig war, war ein perfektes Einflugloch für die vier Sternenflügel entstanden. „Gut gemacht!“, lobte Lucky. „Was täten wir nur ohne dich?“ Die Freunde schwebten in die Zentrale. Hier wurden die fremdartigen Geräusche fast unerträglich laut. Überall blitzte und blinkte es. Hier war es nicht so dunkel und schmutzig wie im Rest der Fabrik, sondern hell beleuchtet und sauber. Man erkannte sofort, dass zu diesem Raum nur die höchstrangigen Mitarbeiter Zutritt hatten. Doch in diesem Moment war kein Mensch zu sehen – zum Glück. „Die Kabel, hat Verolo gesagt, die Kabel…“, murmelte Desiree immer wieder vor sich hin. „Wenn wir wenigstens eine Ahnung hätten, was Kabel sind…“ Die vier schwebten nach oben auf eine Art Tisch zu, auf der allerlei Knöpfe und blinkende Lämpchen angebracht waren. Sie ließen sich nieder. Lucky erkannte, dass unter ihr etwas einsank, die Oberfläche schien nicht so stabil zu sein, wie sie aussah. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte sie, dass sie sich auf einen der Knöpfe gesetzt hatte. Ihr Herz setzte fast aus, als plötzlich ein schrilles Geräusch zu heulen begann. Die plötzliche Aufregung unten in der Fabrik konnte sie nahezu spüren. Auch die anderen sahen allesamt erschrocken drein. Unter ihnen wurden Geräusche laut, Türenschlagen, Schreie. Panik schien sich auszubreiten, das merkte man bis hier oben. Was hatte sie getan? Dann ein erneuter Türenknall, diesmal sehr viel näher. Desiree blickte hinter Lucky und schrie laut und gellend auf. Mit einem unguten Verdacht drehte Lucky sich um. Hinter ihr ragte ein riesiger Schatten auf, aus ihrer eigenen Sicht groß wie ein Turm. Seine Gesichtsausdrücke waren unfreundlich, eine riesige Hand steuerte auf sie zu. Lucky war unfähig, sich zu rühren, irgendetwas zu tun. Sie wusste, was für einem Wesen sie da gegenüberstand: einem Menschen. Und instinktiv wusste sie auch, dass das nicht irgendein Mensch war. Es war Verolos Herrchen, der Besitzer dieser Fabrik, der Zerstörer des Wolkenreiches…für Lucky war es, als würde der Gott allen Unheils seine Finger nach ihr ausstrecken…




Eine neue Zauberkraft

Wie in Zeitlupe erlebte Lucky die nächsten Sekunden. Die Hand, die drohend über ihr hing und sich scheinbar millimeterweise weiter herabsenkte. Arcos, Desirees und Khans erschrockene Schreie. Die Alarmsirene, die immer noch im Hintergrund schrillte. Aber am schlimmsten waren die Laute, die der Mensch von sich gab. Dröhnende, dumpfe Laute, die Lucky an den Donner erinnerten und daran, wie sie sich als Jungtier einmal in eine Gewitterwolke verirrt hatte. Sie wollte die Augen schließen, um ihrem Tod wenigstens nicht entgegensehen zu müssen. Irgendeine Stimme tief in ihren Gedanken schimpfte: Feigling! Du gibst viel zu leicht auf! Macht etwas! Wie gerne hätte sie etwas gemacht, doch was konnte sie tun, außer diese riesige Hand anzustarren, die nur einen Finger hätte benützen müssen, um sie zu zerquetschen. Näher…und immer näher…und zwei Zentimeter vor ihrem Gesicht blieb die Hand stehen. Sie blieb einfach in der Luft hängen. Dann ertönte ein lautes Geräusch, das Luckys Ohren zerfetzen zu schien. So klingt es, wenn die Erde bebt!, dachte sie. Doch es war nicht die Erde, die da schrie; nein, es war der Mensch. Die Hand zog sich zurück. Lucky wagte nun zum ersten Mal, in sein Gesicht zu sehen. Was sie erkannte, war schier unglaublich. Jed, Jane und Timmy schwirrten um seinen Kopf herum wie die Motten ums Licht, so gelassen, als wäre das gar nichts Besonderes. Sie blieben immer gerade außerhalb der Reichweite der Finger, doch ab und an lenkten die Mondflügel das riesige Geschöpf ab und gaben Timmy die Zeit, näher hin zu teleportieren und einen Kratzer auf der hellen Haut des Menschen zu hinterlassen. Lucky spürte etwas an ihrer Hüfte und blickte hinunter. Lucy klammerte sich an sie, Fee stand daneben. Diese murmelte immer wieder etwas vor sich hin wie „Sie schaffen es, sie schaffen es…“ Auch Lucky hoffte das ganz fest. Doch bisher hatten sie das Überraschungsmoment nutzen können. Das aber hielt nicht ewig an. Das Menschenwesen schien sich langsam von dem Schock, von drei zu allem entschlossenen Fledermäusen angegriffen zu werden, zu erholen. Seine Handbewegungen waren nun nicht mehr orientierungslos und rein instinktiv, sondern wirkten bereits jetzt viel gezielter. Da, hatten nicht eben zwei Finger Jed gestreift? Und wurde nicht hier Timmy knapp verfehlt? Es war eine Frage der Zeit, bis er sie haben würde. „Lucky, mach dich unsichtbar“, hörte sie eine Stimme an ihrem Ohr. Khan. „Ich werde euch nicht zurücklassen“, protestierte sie. „Du musst aber. Wenn du dich unsichtbar machst, kannst du entkommen und Hilfe holen. Lucky, bitte. Sei vernünftig.“ Er sah sie flehend an. Aber sie konnte es nicht. Ein gellender Schrei durchschnitt die Luft, und er kam ganz eindeutig nicht von dem Menschenwesen… „Jane!!!“, schrie Lucky. „Mach schon!“, drängte Khan weiter. Aber jetzt konnte sie es erst recht nicht. Nicht jetzt, wo sie wusste, dass Jane in den Händen dieses Gottes des Unheils war…und das nur, weil sie sie, Lucky, hatte retten wollen. Nun pflückte der Mensch auch Timmy und Jed aus der Luft. Alle drei hielt er mühelos in einer einzigen Hand. Und die andere sauste erneut auf die anderen nieder… Da wurde plötzlich ein anderer Schrei laut. Einer Fledermaus gehörte diese Stimme ganz offensichtlich nicht, und auch nicht ihrem Angreifer…Lucky vermutete, dass sich so die Stimme eines Menschenweibchens anhörte. Dennoch war diese Stimme ein wenig verständlicher für sie, sie glaubte, ein „Halt!“ heraushören zu können. Und es lag unverkennbares Entsetzen in dem Schrei, dessen war sie sich völlig sicher. Wo war das hergekommen? Hektisch blickte sie sich um. Im ganzen Raum konnte sie aber niemand Neuen entdecken. Im Prinzip war es ja auch egal, wichtig war nur, dass der Mensch tat, was die Stimme verlangt hatte! Tatsächlich hielt er überrascht inne. Lucky folgte dem Blick seiner großen, ungläubig geweiteten Augen – und stellte fest, dass sie genau auf sie gerichtet waren. Aber sie hatte doch nicht gesprochen. Oder? Der Mensch ließ erneut das Grollen hören, das für ihn wohl eine Art Sprache war. Und das weibliche Donnern antwortete erneut, diesmal völlig unverständlich. Und diesmal konnte Lucky auch erkennen, wo es herkam. Der Urheber stand direkt neben ihr, allerdings weiter unten, weil er um einiges kleiner war. Ja, die seltsamen Laute schienen von Lucy gekommen zu sein! Sie starrte selber überrascht in die Gegend, als könnte sie gar nicht glauben, was sie soeben getan hatte. Da war sie allerdings nicht die einzige; sämtliche anwesende Augenpaare starrten sie völlig perplex an. „Lucky“, murmelte sie, jetzt wieder in ihrer normalen, verständlichen Stimmlage. „Was hab ich getan?“ Lucky musste einen Moment mit sich ringen, bis sie ihre Sprache wiederfand. Aber ihr war klar, dass jetzt jedes Wort wichtig war, denn wenn sie es geschickt anstellte, konnten sie jetzt alles hinbiegen. „Du hast mit dem Menschen gesprochen, Kleines“, flüsterte Lucky sanft. „Es sieht so aus, als hättest du deine Zauberkraft gefunden…ich bin so stolz auf dich!“ Sie schloss ihre kleine Schwester in die Arme. „Und jetzt?“, fragte Lucy. „Sag ihm zuallererst, er soll Jed, Jane und Timmy loslassen“, forderte Fee sie auf. Lucy spannte die Schultern. Sie sah jetzt viel älter und selbstbewusster aus als noch vor wenigen Minuten. Dann sprach sie ein paar Worte in Menschensprache. Ihr Gegenüber schien äußerst verwirrt, lockerte aber seinen Griff weit genug, dass die drei Gefangenen entkommen konnten. Rasch retteten sie sich zum Rest der Truppe. „Er hat gefragt, wie es kommen kann, dass eine Fledermaus redet“, übersetzte Lucy rasch für die anderen. „Was soll ich ihm sagen?“ Lucky ließ die Gedanken in Lichtgeschwindigkeit durch ihren Kopf rattern, bis ihr ein Geistesblitz kam. „Sag ihm, wir wären Engel des Himmels. Wir wurden auf die Erde geschickt, um ihm zu sagen, dass seine Fabrik unser Reich zerstört und dass er sie abstellen muss. Wenn nicht, dann kann alles Mögliche passieren.“ Zu einem sehr großen Teil stimmte das ja auch. Lucy begann wieder, tief und langsam zu sprechen. Es tat in Luckys Ohren weh, aber sie musste sich beherrschen. Sie konnte erkennen, wie der Mensch seine Stirn in gewaltige Falten legte. Sein Mund öffnete und schloss sich, immer wieder. Es war seltsam, den Dialog zwischen den beiden so ungleichen Wesen mit anzusehen. „Er sagt, es geht nicht“, wiederholte Lucy, was er schon gesagt hatte. „Er verdient daran, Tausende wären arbeitslos, wenn er schließen würde.“ „Sag ihm, das ist egal. Er zerstört auf diese Art Leben“, brauste Lucky auf. Seufzend übersetzte Lucy ein ums andere Mal. Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich, während der Mensch erneut sprach. „Er meint, es wäre ganz egal, ob er es abschaltet oder nicht, denn es gibt auf der ganzen Welt viele Hunderte solcher Fabriken. Eine weniger würde keinen Unterschied machen.“ Der Mensch fügte noch etwas hinzu, worauf Lucy erschrocken den Mund aufriss. „Er sagt…er sagt, wir hätten völlig Recht, hier in diesem Himmel könnten wir nicht mehr leben. Aber es gebe im Nordwesten noch Gebiete, die frei sind von Rauch und Verschmutzung, und die müssten wir aufsuchen, denn dort könnten wir weiter existieren. Er wird die Fabrik einen Monat abschalten, um uns Zeit zu geben, und auf die Abreise vorzubereiten, aber mehr kann er nicht tun.“ Lucky senkte den Kopf. Was blieb ihnen schon groß übrig? Sie sah dem Menschenmann noch einmal in die Augen und hoffte, er erkannte, dass sie ihm nicht böse war. Sie blickte Lucy, Arco, Desiree, Khan, Timmy, Fee, Jed und Jane an, die allesamt nur stumm nickten. Dann erhoben sie sich in die Luft. Lucy verabschiedete sich mit wenigen Worten im Namen der ganzen Gruppe von dem Menschen. Khan flog ihnen ein Stück voraus, um in der Decke einen Weg freizumachen. Durch das neu geschaffene Loch ließen sie sich, mit den fassungslosen Blicken des Menschen im Rücken, von sanften Windstößen in den Himmel hinauftragen.




Epilog

Lucky ließ sich durch den Himmel gleiten. Überall waren Sternenflügel unterwegs, allesamt sehr beschäftigt mit irgendetwas. Kein Wunder…heute war es einen Monat her, dass sie von ihrem Abenteuer zurückgekehrt waren, heute war der Tag der Abreise. Sie blickte sich noch einmal traurig in ihren Wolken um. Hier kannte sie jeden Winkel, nie war sie von hier fort gegangen. Ihr ganzes Leben hatte sie hier verbracht, und jetzt…sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie erinnerte sich noch, wie sie Sabrina den Sachverhalt erklärt hatte, wie die Königin sich schweren Herzens entschlossen hatte, den Nordwesten aufzusuchen, wie sie das alles ihrem Volk verkündet hatte…und sie wusste auch noch, wie stolz Mutter gewesen war, als Lucky und Lucy ihr jede kleinste Einzelheit geschildert hatten. Der letzte Monat in den heimatlichen Wolken war traurig gewesen. Wie Lucky jetzt… Sie war auf dem Weg zum Palast. Dort würden sich alle zur Abreise treffen. Von ihrer Heimat hatte sie sich schon verabschiedet. Doch es gab noch einen Abschied, der allein die Mitglieder der Truppe betraf…in dem Gewühl aus Sternenflügeln war es relativ leicht, Jed und Jane zu erkennen. Die beiden standen etwas verloren da. Arco, Desiree, Khan, Fee und Timmy hatten sich um sie geschart, Luckys Mutter stand etwas abseits, die weinende Lucy im Arm. „Tja…“, wandte Lucky sich an die Mondflügel, die den ganzen Monat in den Wolken geblieben waren. „Es heißt Abschied nehmen.“ Es tat ihr Leid, den beiden ihre neue Kolonie wegnehmen zu müssen, wo sie doch bereits früher eine verloren hatten. „Und wir können sicher nicht mitkommen?“, fragte Jed. Rund um sie erhoben die anderen Sternenflügel sich alle in die Lüfte. „So Leid es mir tut, nein“, murmelte Lucky. „Wir werden über das Meer fliegen, und zwar, ohne Halt zu machen. Das schafft ihr beide nicht.“ Jane nickte. „Stimmt. Aber wir werden einen Weg finden, hinüberzukommen. Und auf der anderen Seite werden wir uns wieder sehen. Das schwöre ich euch.“ Lucky nickte rasch. Sie biss sich auf die Lippe und fiel den Mondflügeln um den Hals, damit sie nicht zu heulen begann. Die anderen taten es ihr nach. „Bis bald also“, meinte Lucky mit feuchten Augen, nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten. „Ja, bis bald“, wiederholten die Mondflügel, teils zuversichtlich, teils unendlich traurig. Lucky winkte ihnen noch einmal zu, dann schwang sie sich mit Lucy, Arco, Khan, Timmy und Fee in die Luft. Die sechs Fledermäuse sahen ein letztes Mal auf die Mondflügel zurück, dann folgten sie den anderen Sternenflügeln. Gemeinsam mit Luckys und Lucys Mutter setzten sie sich an die Spitze zu Königin Sabrina, neuen, unbekannten Abenteuern in einer neuen, unbekannten Welt entgegen.




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